Aus: Ausgabe vom 20.05.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Dumm wie ein Sturmgeschütz

Von Reinhard Lauterbach

»Das deutsche Nachrichtenmagazin«, so nennt sich Der Spiegel, verschickt jeden Morgen einen elektronischen Rundbrief mit dem militärisch knappen Titel: »Die Lage«. Ein paar Links auf Texte aus dem eigenen Hause und ein auf flott gebürsteter Moderationstext dazu. Am Donnerstag abend hatte Vizechefredakteur Dirk Kurbjuweit Dienst und machte eine kleine Umfrage zu Donald Trumps erster Auslandsreise: »Die einen hoffen, dass er sich blamiert, dass er in alle Fettnäpfchen tritt und die USA diplomatisch weit zurückwirft, damit auch der letzte Republikaner zu Hause einsieht, dass er aus seinem Amt entfernt werden muss. Die anderen hoffen, dass er kein Porzellan zerschlägt, sondern die USA halbwegs würdig vertritt, damit nicht der Nahe Osten neu entflammt oder die NATO auseinanderbricht. Ich stehe im zweiten Lager. Haben Sie sich entschieden?«

Und wenn man entgegnet, dass einem völlig schnuppe ist, wie sich Trump als Person benimmt, weil die NATO schon längst hätte auseinanderbrechen müssen, wenn man die Zahl der Kotzbrocken an ihrer Spitze als Kriterium nimmt? Dass sie also nicht hieraus ihre Fähigkeit, fremdes Porzellan – und mehr – zu zerschlagen, gewinnt oder verliert?

Nächstes Thema: Da gab es am Freitag eine Wahl im Iran. Immerhin kann Kurbjuweit das Land auf einer Weltkarte zeigen: Er erwähnt, dass es im Nahen Osten liegt. Aber dann hört es auch schon auf: »Die aussichtsreichsten Kandidaten heißen Hassan Rohani und Ebrahim Raisi. Raisi wird in den Berichten, die ich gelesen habe, als konservativ beschrieben, Rohani manchmal als weniger konservativ oder als halbwegs liberal. Also bin ich für Rohani, auch wenn ich nicht weiß, was liberal oder weniger konservativ in Iran wirklich bedeutet. Man könnte es wahrscheinlich auch als ›irgendwie besser für den Westen‹ übersetzen.«

Wie der Volksmund sagt: Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz. Kurbjuweit zeigt einerseits imperiale Ignoranz gegenüber dem, was die Kandidaten mit ihrem eigenen Land vorhaben, und kann nicht einmal das ohnehin bornierte Urteil begründen, um das es ihm geht: Welcher »besser für den Westen wäre«. »Spiegel-Leser wissen mehr«, wie es mal in der Werbung des Hauses hieß, war gestern. Heute müssen sie gar nicht mehr wissen, geschweige denn mehr als andere; Parteinahme aus dem Bauch reicht für einen modernen Staatsbürger auch.

Der Gründungsherausgeber des Spiegel, Rudolf Augstein, hat das Blatt einmal als »Sturmgeschütz der Demokratie« bezeichnet. Die Metapher sollte man ernst nehmen. Sturmgeschütze sind Panzer ohne drehbaren Turm. Sie können deshalb nur geradeaus schießen. Sturmgeschütze waren eine Waffe, die es nur in der ehemaligen deutschen Wehrmacht gab, sie waren Kinder der chronischen Materialknappheit der deutschen Rüstungswirtschaft. Wie der einschlägige Wikipedia-Artikel mitteilt, brauchte man für sie 20 Prozent weniger Rohstoffe als für einen richtigen Panzer, und billiger waren sie auch. Man merkt: Sturmschütze Kurbjuweit ist eignungsnah eingesetzt.

Und noch hat er nicht mal alle Granaten verschossen. Zum Schluss beklagt er sich darüber, dass jetzt in »seinem Späti« auf den Zigarettenpackungen alle diese Gruselfotos von Krebsgeschwüren, Krampfadern und dergleichen abgedruckt werden müssen. Das schlägt gerade ihm »als Nichtraucher« aufs zarte Gemüt. Kein Vergleich mit den Opfern »unserer Kriege« und »unserer« Migrationspolitik. Die muss man nicht goutieren, aber sie sind doch wenigstens für einen guten Zweck vom Leben zum Tode befördert worden. Dieses wahrscheinlich spät abends verfasste Wort zum frühen Morgen lässt sich nur aus dem Kontext seiner Entstehung interpretieren: Jeder weiß, was es im »Späti« außer Kippen so gibt. Man kann sich also denken, was Kurbjuweit dort holte, als ihm die Zeit bis zum Redaktionsschluss lang wurde. Müssen Sie bei Ihrem Gehalt diesen Fusel trinken, Herr Kollege?

Zum Schluss beklagt Kurbjuweit sich darüber, dass jetzt in »seinem Späti« auf den Zigarettenpackungen alle diese Gruselfotos von Krebsgeschwüren, Krampfadern und dergleichen abgedruckt werden müssen. Das schlägt gerade ihm »als Nichtraucher« aufs zarte Gemüt. Kein Vergleich mit den Opfern »unserer Kriege« und »unserer« Migrationspolitik. Die muss man nicht goutieren, aber sie sind doch wenigstens für einen guten Zweck vom Leben zum Tode befördert worden.

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