Aus: Ausgabe vom 19.05.2017, Seite 16 / Sport

Heiß auf Blau-Weiß

Als Hertha BSC einmal unwichtig war: Vor 30 Jahren endete das Bundesliga-Intermezzo von Blau-Weiß 90 Berlin

Von Oliver Rast
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Zweiter Spieltag, zweite Niederlage (1:2 in Uerdingen) und am Ende ist man wieder in der Zweiten Liga, hurra! Hier beschwert sich Hans Stark beim Schiedsrichter

Wer in der Bundesliga an 17 Spieltagen die rote Laterne hält, muss zurück ins Unterhaus. Ausnahmen bestätigen die Regel, Blau Weiß 90 Berlin war keine. Vor 30 Jahren ging es wieder in den Keller, nach nur einem Jahr in der Ersten Liga.

Einer von damals ist Michael »Mike« Schmidt. Drei Jahrzehnte später steht er bei seinem Exklub am Grill an und wendet Bratwürste hin und her. Ein Exprofi ohne Allüren. »Aber nur bei schönem Wetter«, sagt er und lacht.

Schmidt zählte zum Kader der legendären HSV-Elf um Felix Magath und Horst Hrubesch, die 1983 nicht nur Deutscher Meister wurde, sondern auch gegen Juventus Turin den Europapokal der Landesmeister holte. Er galt als hoffnungsvolles Talent und bekam einen Vertrag im Team von Ernst Happel. Der Erfolgstrainer aus Wien galt als »Grantler«, was Schmidt bestätigt: »Happel hat mich immer nur mit ›junger Mann‹ angeredet. Mit ihm habe ich in dem Jahr beim HSV vielleicht drei Sätze gesprochen.« Durchsetzen konnte er sich bei der Hamburger Spitzenmannschaft nicht. Das Angebot von Blau-Weiß 90 kam gerade richtig, um einen neuen Anlauf zu starten. Mit den Blau-Weißen ging es von der Ober- bis in die Bundesliga.

Einen PR-Coup landeten die Aufsteiger von 1986 mit einem Auftritt im »Aktuellen Sportstudio«. Nach der skurrilen Erstdarbietung der Blau-Weiß-Hymne »Wir sind heiß auf Blau-Weiß« durch den Schlagerbarden Bernhard Brink war das Team aus Berlin-Mariendorf in aller Munde. Bei der »Sportstudio«-Gesangseinlage stand Schmidt weit vorne. »Brink war ja eigentlich auf dem absteigenden Ast, nach dem Auftritt bekam er wieder Aufträge«, sagt Schmidt. Die Erstklassigkeit von Blau-Weiß 90 stellte die Rangordnung im Westberliner Fußball auf den Kopf. Während die Blau-Weißen als Tabellenzweiter hinter dem FC Homburg aufstiegen, stieg der große Lokalrivale Hertha BSC als 17. in die Amateurliga ab.

Die Höhepunkte der Erstligasaison der Blau-Weißen unter ihrem Trainer Bernd Hoss sind schnell erzählt. Der erste von den insgesamt nur drei Bundesligasiegen gehört dazu. Den historischen 3:2-Sieg seines Teams gegen Gladbach musste Schmidt von der Tribüne aus verfolgen. »Zum Trainingsauftakt hatte ich mir einen Mittelfußbruch zugezogen«, erzählt er mit etwas Wehmut in der Stimme. Schlagzeilen dagegen machte ein Spieler, der als Topscorer eine steile Karriere hinlegen sollte: Karl-Heinz Riedle. Beim Remis zu Hause gegen die Bayern war Schmidt dabei. Der von der Krefelder Grotenburg-Kampfbahn gekommene Horst Feilzer konnte per Freistoß kurz vor Abpfiff den belgischen Nationaltorhüter Jean-Marie Pfaff überwinden. Randnotizen der Fußballgeschichte, aber legendäre Wegmarken in der Vereinschronik von Blau-Weiß 90.

Doch nach dem Sieg über Gladbach gab es 21 Spieltage lang keinen Sieg mehr. Den Gang in die Zweitklassigkeit konnte Hoss, dessen Methoden weit über spieltaktische Finessen hinausgingen, nicht abwenden. Hoss habe sich vor Spielen die Karten legen und Verletzungen seiner Spieler mit Tinkturen und Ritualen behandeln lassen, erinnert sich Schmidt. Es half alles nichts.

Für Michael Meister war der sportliche Abstieg »nicht das Problem, sondern das, was nach dem Abstieg geschah«. Meister ist seit zwei Jahren Präsident von Blau-Weiß 90. Allerdings musste der Verein dazu 1992 erst wiedergegründet werden, nachdem dem Traditionsklub, damals Drittletzter der Zweiten Liga Nord, die Lizenz entzogen worden war, Konkurs anmeldete und aufgelöst wurde. Meister macht die »amateurhafte« Klubführung um den damaligen Mäzen Konrad Kropatschek für das Desaster verantwortlich. Der Finanzjongleur ließ den Verein auf einem Schuldenberg sitzen. Der Nachfolgeverein musste ganz unten neu anfangen, in der Kreisliga C. Schmidt ging zum Zweitligaabsteiger Stahl Brandenburg in die Oberliga Nordost und ließ später seine Karriere bei den Füchsen aus Reinickendorf ausklingen.

Nach jahrelangem Herumdümpeln in der Bezirks- und Landesliga bewegt sich Blau-Weiß 90 aktuell in der sechsten Liga, der Berlin-Liga. Vereinschef Meister, der Ende der 70er Jahre zu den Spielern von Blau-Weiß gehörte, schaut nach vorne. Mit einem »Fünfjahresplan« will er seinen Verein Etage für Etage in die Dritte Liga des Profifußballs bringen.

Die Tücken des unterklassigen Spielbetriebs sind unübersehbar. Es ist der 7. Mai, ein Sonntagnachmittag. Ein Kick gegen den BFC Preussen aus dem benachbarten Lankwitz steht auf dem Spielplan. Dem Platz an der Rathausstraße fehlen Flutlichtmasten, Lautsprecher und eine Anzeigetafel. Eine Eckstoßfahne liegt im Matsch, ein Wasserrohrbruch. Gänseblümchen sprießen an den Seitenlinien. Das Grünflächenamt des Bezirks fand keine Zeit, den Rasen zu stutzen. 77 zahlende Zuschauer. Einer mit Dauerkarte ist Sascha Lamprecht. Blau-Weiß-Fan seit 1984. Der Fan-Kern umfasst heute kaum 25 Unentwegte. Nur einmal kommt im Derby gegen Preussen ein Hauch von Stimmung auf. Kurz nach dem Siegtreffer der Blau-Weißen intoniert Lamprecht einen alten Schlachtruf, seine Kumpane stimmen mit ein. Auch Schmidt wünscht sich den weiteren Aufstieg. Aber er weiß: »Viele haben schon versucht, die dritte Kraft hinter Hertha und Union zu werden«.

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