Aus: Ausgabe vom 17.05.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Keine Heilung für Arme

»Arzneiinnovationen« sind für reiche Industriestaaten bestimmt, vernachlässigt wird der Süden. Hochschulforschung begünstigt den Trend

Von Ralf Wurzbacher
Germany_Bayer_Meetin_53265210.jpg
Geheimer Forschungsgegenstand: Der Vertrag des Chemiekonzerns Bayer mit der Kölner Uni bleibt unter Verschluss

Die Universität Köln kooperiert mit der Bayer AG, die Uni Mainz mit der Boehringer-Ingelheim-Stiftung, einem Anhängsel des gleichnamigen Pharmaunternehmens. Wie sie zusammenarbeiten, zu welchem Zweck und wessen Nutzen, soll keiner wissen. Im Fall Mainz erzwang ein Richterspruch die Offenlegung der Verträge. Gegenteilig entschied Justitia vor zwei Jahren in der Causa der Kölner Uni. Ihr Kontrakt mit dem deutschen Chemiegiganten bleibt unter Verschluss. Das alles macht argwöhnisch. Was hat eine öffentliche, dem Gemeinwohl verpflichtete Einrichtung mit einem Weltkonzern am Laufen, was die Öffentlichkeit nichts angeht? Oder anders herum: Dient vielleicht das, worum es geht, gerade nicht dem Gemeinwohl?

Davon muss man ausgehen. Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse (TK), hatte anlässlich der Vorstellung des »TK-Innovationsreports« im September 2015 moniert, die Arzneimittelhersteller forschten am Bedarf der Patienten vorbei. »Die Innovationen fokussieren auf die falschen Bereiche, Forschung findet erkennbar nicht dort statt, wo sie benötigt wird.« Statt dessen stünden Indikationsgebiete im Vordergrund, von denen die Industrie die größte Rendite erwarte. Ein Jahr später, zum Erscheinen der Nachfolgestudie, bemerkte Baas: »Obwohl sich die Qualität der neuen Arzneimittel des Jahres 2013 gegenüber denen des Jahres 2012 nicht verbessert hat, haben wir in einem vergleichbaren Zeitraum das Doppelte bezahlt.«

Im globalen Kontext sind die Mechanismen noch viel verheerender. »Innovative« Präparate werden vornehmlich für solche Krankheiten gefertigt, die in den kapitalistischen Zentren des Westens verbreitet sind und sich entsprechend teuer verkaufen lassen. So kamen in den vergangenen Jahrzehnten haufenweise Medikamente gegen Herz-Kreislauf-Störungen und Krebsleiden auf den Markt – viele davon ohne therapeutischen Mehrwert. Die Wirkstoffe gegen Tuberkulose lassen sich dagegen an einer Hand abzählen. Dabei sterben an Tuberkulose weltweit jährlich weit mehr als eine Million Menschen. Klassischen Tropenkrankheiten wie Malaria, Typhus, Ruhr oder der Chagas-Krankheit fallen täglich Zehntausende zum Opfer, trotzdem liegt der Anteil der entsprechenden Arzneien am Gesamtbestand laut Medico International im Bereich von unter einem Prozent. Umgekehrt würden 90 Prozent der Forschungsmittel für Krankheiten ausgegeben, die nur zehn Prozent der globalen Krankheitslast ausmachten.

Welche Rolle spielen bei all dem die Hochschulen? Tatsächlich sind die so etwas wie der Innovationsmotor im Bereich der Arzneimittelforschung. Vor allem leisten sie die nötige Grundlagenforschung, auf deren Basis die Industrie das Gros ihrer Produkte entwickelt. »Universities Allied for Essential Medicines« (UAEM) ist eine internationale Studierendenorganisation, die sich für gerechten Zugang zu Medikamenten weltweit und für bedürfnisorientierte Forschung einsetzt. Ihr Ableger an der Uni Heidelberg schreibt in einer aktuellen Broschüre, dass bis zu einem Drittel aller weltweit vermarkteten Medikamente aus Universitäten stammen. Ferner würden sie durch ihre Erkenntnisse »bei bis zu 47 Prozent aller hochinnovativen Erfindungen entscheidende Beiträge leisten«.

Allerdings profitieren davon einseitig die Pharmaproduzenten, mit denen die Hochschulen nicht selten eine unheilige Allianz eingehen. Im Rahmen von Kooperationen verkaufen sie ihre Patente an die beteiligten Unternehmen oder ermöglichen deren Verwertung mittels exklusiver Lizenzen. Mitunter verzichten die Unis dabei auf jede Art von Mitsprache, etwa derart, dass die Ergebnisse auch der Entwicklung günstiger Nachahmerpräparate (Generika) und dem Kampf gegen »Armutskrankheiten« zugute kommen müssen. Man darf sicher sein, dass sich solche Klauseln in der Geheimvereinbarung zwischen der Kölner Uni und Bayer nicht finden. Ein gewichtiger Teil der Erklärung: Jedes Jahr stecken private »Stifter« mehrere Milliarden Euro in die Forschung an Hochschulen. Angesichts leerer öffentlicher Kassen greifen Rektoren da nur zu gerne zu.

Nicht rentabel

Das »Global Health Hochschulranking« (www.globale-gesundheit.de) wurde von der deutschen Sektion der »Universities Allied for Essential Medicines« (UAEM) in Kooperation mit der »Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland« (BVMD) erstellt. Die Studie bezieht sich auf die Jahre von 2010 bis 2014 und prüft die 36 deutschen Medizinfakultäten anhand dreier Kernfragen: Wird auf dem Gebiet »Global Health«, armutsassoziierter sowie vernachlässigter Krankheiten geforscht und in welchem Umfang? Wird der freie Zugang zu Forschungsergebnissen gewährleistet?

Am besten schneidet die Uni Heidelberg mit der Gesamtnote B ab, wobei die Wertung angesichts der Leistungsdaten schmeichelhaft erscheint. Zwischen 0,25 und 0,49 Prozent der Forschung waren im Untersuchungszeitraum dem Thema »Global Health« gewidmet, weniger als ein Prozent vernachlässigten Krankheiten. Auch entsprechende Publikationen machten jeweils nur einen Bruchteil der Gesamtveröffentlichungen aus. Eine eigene Organisationseinheit im Bereich Global Health, etwa eine Arbeitsgruppe, ein Institut oder ein Lehrstuhl, fehlt an der Uni Heidelberg. Derlei existiert lediglich an den Universitäten Bonn und Greifswald.

Selbst renommierte Einrichtungen wie die Münchner Unis LMU und TU, die RWTH Aachen oder die Charité Berlin kommen über die Note C nicht hinaus. So findet Global-Health-Forschung an der Münchner TU schlicht nicht statt (null Prozent), auch nicht in Hamburg. Ganz unten rangieren die Unis in Bochum und Saarbrücken, beide mit der Bewertung D minus. (rwu)

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Schwerpunkt