Aus: Ausgabe vom 04.05.2017, Seite 15 / Medien

Seriös die Tatsachen verdrehen

Auf tagesschau.de war am Wochenende wieder die Kunst der Meinungsmanipulation zu besichtigen

Von Bernd Oelsner
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Manipulative Infos, frei nach dem Motto: Wir sind die Guten, wir dürfen das

Die ARD lieferte am Wochenende mehrere Paradebeispiele dafür, wie Mainstreammedien durch Auswahl und Interpretation von Nachrichten manipulieren. So informierte die sich seriös gebende Website tagesschau.de am 1. Mai zunächst korrekt über die Erhöhung des Mindestlohnes in Venezuela. Mit der Überschrift »Wohltaten gegen die Wut« suggerierte sie zugleich, dass dies ein Trick des »politisch angeschlagenen« Präsidenten Nicolás Maduro gewesen sei. Über die tatsächlichen Hintergründe und die Drahtzieher der zunehmenden Gewalt in dem südamerikanischen Land erfährt man nichts. Mit keinem Wort wird erwähnt, dass dieselben ultrarechten Oppositionspolitiker seit 15 Jahren versuchen, Regierungen und Präsidenten per Putsch zu beseitigen.

Auch der russische Präsident Wladimir Putin wurde wieder mies gemacht. Am Sonnabend verbreitete die »Tagesschau«-Website: »Festnahmen in Russland: Wir haben ihn satt – Demo gegen Putin«. Tatsächlich, so hieß es dann im Bericht, hatten lediglich »mehrere hundert Demonstranten« in Moskau, St. Petersburg und Tula gegen Putin protestiert und ihn aufgefordert, bei den Präsidentschaftswahlen im März 2018 nicht wieder anzutreten. Im Lauftext gesteht man ein, dass dessen Kandidatur »angesichts der hohen Werte bei Umfragen« zu seiner Popularität »erwartet« werde.

Am selben Tag berichtete tagesschau.de über den Generalstreik in Brasilien. Dort hatten nicht »mehrere hundert« wie in Russland, sondern zwischen 35 und 40 Millionen Menschen gegen den amtieren Machthaber Michel Temer und dessen neoliberale Politik demonstriert. Temer wurde – anders als Putin – nicht durch Wahlen, sondern durch einen parlamentarischen Staatsstreich zum Präsidenten des Landes. Mit keinem Wort erwähnt tagesschau.de in einem Bericht mit dem Titel »Die große Wut«, dass Putschist Temer und dessen Hintermänner die gewählte Präsidentin Dilma Rousseff stürzten und seitdem mit Gewalt gegen jeden Protest vorgehen. Die ARD-Macher haben eine andere Erklärung für den Generalstreik und schrieben euphemistisch: »Die Bürger in Brasilien sind wütend und enttäuscht von ihrer Regierung.«

Bei so viel Verständnis für rechte Machthaber ist ein Kommentar auf tagesschau.de zum Besuch von Angela Merkel im kriegführenden Folterstaat Saudi-Arabien nur konsequent. Das Land, stand auf der Seite am Montag, sei »viel besser als sein Ruf«. Das habe »auch die Kanzlerin bemerkt«.

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