Aus: Ausgabe vom 24.04.2017, Seite 8 / Ausland

»Die Regierung erfüllt ihren Teil der Verpflichtungen nicht«

Kolumbien: FARC haben legale Partei noch nicht konstituiert. Dokumentation gibt Einblick in Strukturen. Gespräch mit Guillermo Quintero

Interview: André Scheer
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»Wir haben zunächst mit Marco León Calarcá (Foto) gesprochen, der für die Pressearbeit verantwortlich war, und haben ihm unser Projekt vorgestellt.« – Guillermo Quintero über die Arbeit am Dokumentarfilm »Hablan las FARC-EP«

Wie entstand die Idee, einen ganzen Dokumentarfilm mit Interviews über die Ziele der »Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens – Volksstreitkräfte«, FARC-EP, zu machen?

Durch die Entwicklung der Friedensverhandlungen in Havanna war schon im vergangenen Frühjahr absehbar, dass es bald ein Abkommen geben würde. Alle internationalen Medien waren in der kubanischen Hauptstadt präsent, aber sie beschäftigten sich meist nur mit konkreten Einzelfragen. Die Berichte waren oft sehr kurz und dazu noch, wie üblich, manipuliert.

Mit wem führten Sie Gespräche?

Wir haben gesprochen mit Victoria Sandino, Marco León Calarcá, Rodrigo Granda, Pastor Alape und einer ganzen Reihe weiterer Compañeros aus den unterschiedlichen Bereichen. Einige waren in Sachen Medien aktiv, andere auf Geschlechterfragen spezialisiert, wieder andere konzentrierten sich auf Bildungsarbeit, manche gehörten dem Oberkommando der FARC an. Auch militärisch war es ein breites Spektrum, unsere Partner sind unterschiedlich lange in verschiedenen Positionen aktiv gewesen.

War es schwierig, die Comandantes von diesem Projekt zu überzeugen?

Nein, eigentlich war es nicht schwierig. Wir haben zunächst mit Marco León Calarcá gesprochen, der für die Pressearbeit verantwortlich war, und haben ihm unser Projekt vorgestellt. Wir haben uns auch mit anderen Compañeros aus dem Presseteam zusammengesetzt, und auch ihnen erschien unsere Idee attraktiv, weil es mal nicht nur um Detailinformationen ging, sondern der Ansatz umfassender war und sie die Möglichkeit haben sollten, über ihre Zukunftsvorstellungen zu sprechen.

Der ganze Film erweckt den Eindruck, bei einem einzigen Treffen aufgenommen worden zu sein. War das so?

Nein, das waren mehrere Zusammenkünfte, die aber immer am selben Ort stattfanden. Es waren insgesamt zehn Tage, an denen wir jeweils einen oder mehrere Termine hatten. Die Idee war aber tatsächlich ein bisschen, die Atmosphäre einer Gesprächsrunde einzufangen. Deshalb gab es bei den verschiedenen Runden manchmal auch dieselben Fragen oder ähnliche Themen. So haben wir die Frage der Geschlechtergerechtigkeit mit den Genossinnen intensiver behandelt als mit unseren männlichen Gesprächspartnern. Unser Ziel war zudem, die Interviews so offen zu gestalten, dass auch eine Diskussion zwischen den Teilnehmern entstehen konnte.

Ursprünglich hatten die FARC angekündigt, ihre legale Partei im Mai zu konstituieren, nun wurde dieser Schritt auf Juli verschoben. Was sind die Gründe dafür?

Der Hauptgrund ist, dass die kolumbianische Regierung ihren Teil der im Friedensvertrag übernommenen Verpflichtungen nicht erfüllt. So sind die politischen Gefangenen bislang nicht freigelassen worden. Die Gebiete, in denen sich die Guerilleros sammeln sollten, sind nicht wie vereinbart mit der nötigen Infrastruktur ausgestattet worden. Das Kabinett von Präsident Juan Manuel Santos macht so aus der Umsetzung des Vertrags eine neue Verhandlungsrunde. Das ist gefährlich, denn in Kolumbien steht der Wahlkampf bevor, der den Prozess noch mal zurückwerfen könnte.

Besteht vor diesem Hintergrund die Gefahr, dass die FARC zum bewaffneten Kampf zurückkehren müssen?

Ich glaube nicht, dass die FARC zu Kampfformen wie in der Vergangenheit zurückkehren. Denn sie haben eine sehr ernsthafte Verpflichtung übernommen, sich selbst zu verändern, – und diese erfüllen sie. Ihr Ziel ist es, den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft wiederherzustellen, der durch den Staatsterrorismus zerstört worden ist, um aus der Zivilgesellschaft heraus den Klassenkampf zu führen. Wenn allerdings der kolumbianische Staat nach dem ganzen Friedensprozess und nach den Verhandlungen mit der ELN und all diesen Schritten weiter daran festhält, den Paramilitarismus und die Repression zu fördern, könnte es sein, dass aus der Linken neue Antworten entstehen, um sich verteidigen zu können. Wenn es keine Lösung gibt und sie drohen, dich umzubringen, musst du etwas unternehmen.

Guillermo Quintero stammt aus Mexiko und ist Journalist und Kommunikationswissenschaftler

Der Dokumentarfilm des Kollektivs Viktoria Comunicación »Hablan las FARC-EP« (»Die FARC-EP sprechen«) wird am Donnerstag, dem 27. April, 19 Uhr, in der jW-Ladengalerie, Torstr. 6, Berlin, gezeigt

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