Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 8 / Ausland

»Helfer sind ständig nahe der Erschöpfung«

Mediziner in Krisen- und Kriegsgebieten brauchen psychologische Beratung, um selbst kein Trauma zu entwickeln. Gespräch mit Michael Wilk

Interview: Gitta Düperthal
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Sie sind in den vergangenen drei Jahren fünfmal nach Syrien gereist, um die Bevölkerung dort im kurdischen Autonomiegebiet Rojava medizinisch zu unterstützen. Während der Kampf gegen die Terrormiliz IS stattfindet, zugleich den Aufbau basisdemokratischer Strukturen und die Gleichberechtigung von Frau und Mann zu fördern: Kann das funktionieren?

Dort herrscht ja nicht überall Kriegszustand. Im Inneren der mehrheitlich von Kurdinnen und Kurden bewohnten Region ist die Lage weitgehend stabil. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, richtet in dem Gebiet sogar zur Zeit Camps für mehr als 40.000 Menschen ein, die aus der vom IS eingenommenen, umkämpften Stadt Mossul fliehen. Betreut werden sie vom UNHCR, internationalen und lokalen Hilfsorganisationen. Für ihre medizinische Behandlung sorgen Helfer und Ärzte von »Heyva Sor a Kurd«, dem Kurdischen Roten Halbmond, mit dem arbeite auch ich zusammen. Europäische staatliche Unterstützung sucht man vergebens – auch aus der Bundesrepublik wurde kein Sack Zement oder Stahlträger zum Wiederaufbau geschickt. Medikamente kommen einzig von Nichtregierungsorganisationen und kurdischen Initiativen.

Gibt es dort keine Angriffe mehr – vom IS oder der Türkei?

An den »Grenzen« des kurdisch verwalteten Gebiets wird gekämpft, die Volks- bzw. Fraueneinheiten YPG/YPJ müssen sie gegen Übergriffe des IS verteidigen. An der Südgrenze der Türkei hat diese eine Mauer über mehrere hundert Kilometer gebaut, zum Teil auch auf syrischem Gebiet. Dies hat Proteste der Bevölkerung hervorgerufen. Militärisch wird da aber nicht gekämpft, die Kurden wollen keinen Zweifrontenkrieg. Türkische Grenzsoldaten schießen aber auf Einwohner, wenn sie etwa meinen, dass sich diese angeblich der Grenze genähert hätten. Ansonsten hat es bei der Auseinandersetzung um die von der YPG bereits befreite Stadt Manbidsch Kämpfe zwischen der Volksverteidigungseinheit und der türkischen Armee gegeben, weil die danach dort hatte einmarschieren wollen.

Wie helfen Sie in Rojava medizinisch?

Als ich im August 2016 nahe der Front von Manbidsch Verletzte mitversorgt hatte, ist mir deutlich geworden, dass die Helfer dort ständig nahe der Erschöpfung sind. Aus den Kampfzonen flüchtende Menschen müssen ebenso versorgt werden wie die verwundeten Männer und Frauen der YPG bzw. YPJ. Hefer müssen oft rund um die Uhr arbeiten, mit Schwerstverletzten und Sterbenden umgehen. Ein psychisches Trauma aber kann schwerere und längere Schäden verursachen als eine Schussverletzung. Deshalb habe ich begonnen, die Mitarbeiter des Kurdischen Roten Halbmonds mit einer Ausbildung zu unterstützen, eigene Leistungsgrenzen zu akzeptieren und so dem körperlichen und psychischen Zusammenbruch zu entgehen.

Wie ist zu erklären, dass die Lage im Inneren des kurdisch verwalteten Gebiets weitgehend stabil ist?

Das ist vor allem geschickten Verhandlungen der kurdischen Kräfte zu verdanken, die sowohl mit den USA als auch mit Russland entweder von diesen besetzte schmale Pufferzonen oder andere strategische Kooperationen ausgehandelt haben. So ist es gelungen, die Türkei von noch massiveren Attacken auf Rojava abzuhalten.

Wie soll es angesichts all dieser Konflikte möglich sein, in der Region ein fortschrittliches Gesellschaftsmodell zu verwirklichen?

In den Städten der kurdischen Autonomiegebiete ist die Emanzipation der Frauen nun teilweise so weit fortgeschritten, dass man sich dies in der Bundesrepublik zum Vorbild nehmen könnte. Alle Führungspositionen dort sind jeweils mit einer Frau und einem Mann besetzt. Die jungen Frauen in den Frauenverteidigungseinheiten YPJ haben mit ihrem Einsatz die Bevölkerung vorm IS beschützt. Sie sind sehr selbstbewusst. Freilich geht die Gleichstellung in der multiethnischen Gesellschaft nicht reibungslos voran. In Flüchtlingscamps kommen mitunter aus Mossul geflohene Frauen an aus Gegenden, die bis vor kurzem in IS-Hand waren. Sie sind teilweise verschleiert. Dort kommt es öfter zu Konflikten.

Michael Wilk ist Notfallarzt und ­Psychotherapeut in Wiesbaden

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