Aus: Ausgabe vom 21.04.2017, Seite 16 / Sport

Alte Dame mit Ansprüchen

Das seit 1892 ausgetragene Radrennen Lüttich–Bastogne–Lüttich wird den Fahrern am Sonntag einiges abverlangen

Von Janusz Berthold
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Knackige Rampen: Die Fahrer müssen sich bei »la Doyenne« ordentlich quälen

Wir stehen kurz vor dem Jubiläum des ältesten noch ausgetragenen Radsportrennens, dem vierten Monument dieses Jahres: 125 Jahre Lüttich–Bastogne–Lüttich. »La Doyenne«, »die Älteste« bzw. alte Dame, wird an diesem Sonntag zum 103. Mal ausgetragen. Die 258 Kilometer lange Strecke ist einzigartig. Mit den eigentlichen Schwierigkeiten in der zweiten Rennhälfte ist dieses Eintagesrennen allerdings durchaus vergleichbar mit den bisher gefahrenen Monumenten nach San Remo, durch Flandern oder nach Roubaix (siehe jW vom 20. März, 30. März und 7. April).

Eine Besonderheit der Strecke erwartet die Fahrer in Bastogne, einem kleinen Städtchen an der Grenze zu Luxemburg. Allein acht der zehn kurzen, aber extrem steilen Anstiege, fordern von ihnen auf den letzten 90 Kilometern ein Höchstmaß an Durchhaltevermögen und Leidensfähigkeit. Im gesamten Rennen gibt es keine Zeit zum Erholen. Das Profil der Strecke zeigt ein beständiges Auf und Ab ohne nennenswerte Flachstücke. Beim letzten großen Frühjahrsklassiker des Jahres werden vor allem Kletterspezialisten eine realistische Erfolgschance haben. So wartet 35 Kilometer vor dem Ziel der Côte de la Redoute, ein charakteristischer Anstieg für »La Doyenne«. Die bis zu 20 Steigungsprozente auf zwei Kilometern läuteten schon mehrfach die Schlussphase des Rennens ein. Zumindest wird es spätestens hier die ersten dauerhaften Aufteilungen des Feldes geben. Es folgen noch zwei weitere knackige Rampen. Sollten der Côte de la Roche-aux-Faucons oder der Côte de Saint-Nicolas, 19 und sechs Kilometer vor dem Ziel, nicht schon eine Vorentscheidung gebracht haben, so dürfte es spätestens beim zähen Schlussanstieg zu ihr kommen. Das Ziel erreichen die Fahrer in Ans, einem Vorort Lüttichs. Das Finale ist wie gemacht für sogenannte Puncheure. Der frischgebackene Triumphator von Paris–Roubaix Greg Van Avermaet (BMC) und der Spanier Alejandro Valverde (Movistar) sind sehr gute Vertreter dieses Fahrertyps sprintstarker Kletterer. Beide werden dabei sein und zählen zu den Topfavoriten.

»La Doyenne« ist Höhepunkt und Abschluss der inzwischen legendären Ardennenwoche. Vervollständigt wird diese inoffizielle Triple-Tour vom Amstel-Gold-Race bei Maastricht und Flèche Wallonne (Wallonischer Pfeil) zwischen Binche und Huy. Philippe Gilbert (Quick-Step), der aktuelle Sieger der Flandernrundfahrt, hegte realistische Ambitionen, alle drei Klassiker für sich zu entscheiden. Dieses Kunststück gelang ihm bereits vor sechs Jahren. Während der belgische Meister vor Wochenfrist zum vierten Mal in seiner Karriere das Amstel-Gold-Race mit einem unwiderstehlichen Sprint gegen Michal Kwiatkowski (Sky) gewinnen konnte, musste er seine Teilnahme am letzten Monument absagen. Er hatte sich bei einem Sturz einen Riss in der rechten Niere zugezogen. Es hätte so schön werden können. Doch der Radsport lebt nun einmal davon, dass Triumph und Scheitern so eng beieinander liegen können.

Vergangenen Mittwoch siegte Alejandro Valverde an der legendären »Mauer von Huy«, dem mythischen Schlussanstieg des Flèche Wallonne. Mit seinem typischen Antritt ließ er den Konkurrenten nicht den Hauch einer Chance. Damit bewies er nachdrücklich seine momentane Hochform und Favoritenrolle für Lüttich–Bastogne–Lüttich.

Wann immer ich »La Doyenne« verfolge, denke ich an Täve Schur. Es ist bedauerlich, dass er nie dieses Rennen fuhr. Es wäre sein Terrain gewesen. Aber auch ohne diesen Nachweis seiner Klasse hat er es verdient, als Fleisch gewordenes Radsportmonument in die Ruhmeshalle des deutschen Sportes aufgenommen zu werden.

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