Aus: Ausgabe vom 21.04.2017, Seite 10 / Feuilleton

Eine Nase für Mumm

Von Stefan Siegert
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Glut und Besessenheit in der Kunst: Theodor Currentzis und die US-Opernsängerin Mardi Byers bei Proben zu Alban Bergs »Wozzeck« am Moskauer Bolschoi-Theater 2009

Ein Unbekannter etabliert sich als Medienstar. Kulturszenenalltag. Aber kaum hat sich der größte Rummel gelegt, wird die Freude auf Neues vom nicht mehr ganz so neuen Neuling von Miesmachern getrübt, die zum Rollback blasen. Im Fall des Dirigenten Theodor Currentzis lohnt sich ein Blick auf Details.

Die Begeisterung über den erfolgreichen Exzentriker am Pult ist gut verteilt. Auf der Rechten, von Welt über Spiegel bis Zeit, nennen sie ihn entflammt einen »Rebellen«. Den Rausch, den Currentzis erzeugt, wenn er Rameau, Tschaikowski oder Xenakis dirigiert, genießen sie so gern wie jene, denen Rebellen ebenfalls sympathisch, Revolutionäre aber noch lieber sind.

Soweit ich feststellen kann, ist die Begeisterung auf der Linken einhellig. Auf der Rechten dagegen regt sich auch Protest. So bot die Ausgabe der FAZ vom 9. November 2016 unter der gezielt denunziatorischen Überschrift »Wir Terroristen haben wenigstens Mumm« so etwas wie ein feuilletonistisches Selbstmordattentat auf Currentzis. Der Autor Jan Brachmann, ein Mensch mit korrekt rasiertem Ziegenbart über sauber gebundenem Schlips, ist ein Vertreter der Wüstenrotästhetik im FAZ-Feuilleton, so etwas hat dort sonst gelegentlich nur noch Eleonore Büning im Angebot. Vorgeblich ging es um Currentzis’ Neuaufnahme von Mozarts »Don Giovanni«, tatsächlich um Currentzis selbst.

Es missfällt dem FAZ-Mann, wenn Currentzis den Paradiesvogel gibt und tanzt, statt zu dirigieren oder Puscheln auf den Schuhen trägt statt Lackschuhe zum schwarzen Frack. Brachmann ist das alles zu schrill, zu laut, zu beunruhigend. Aber so sagt man das nicht. Man spielt lieber den einen guten Dirigenten gegen den anderen aus und sagt: Réné Jacobs hat den »neuen« Mozart ja längst viel besser gemacht, viel sorgfältiger, weniger spektakulär, vor allem uneitler.

Nun hat Currentzis Eitelkeit und Spaß am Exhibitionismus nicht exklusiv gepachtet. Dirigenten wie etwa der FAZ-Liebling Riccardo Muti lieben es auch, sich zu spreizen, sie machen es nur etwas altmodischer. Klappern gehört zum Geschäft. Entscheidend ist nach Helmut Kohl, was hinten rauskommt. Und da liegt Currentzis nicht nur vorn, da ist er für nicht unwesentliche Teile der in der Tat erneuerungsbedürftigen Klassikszene Vorreiter und Inspirator. Das Sinfonieorchester des SWR zum Beispiel gilt zu Recht als anspruchsvollster öffentlich-rechtlicher Klangkörper der BRD. Einem »Schwätzer« (Brachmann über Currentzis) würde es sich nicht ausliefern. Anfang April aber kam die Nachricht: Das Orchester wählte Currentzis zum Chefdirigenten ab 2018.

Die Gründe für so viel aggressive Ignoranz in einem gemeinhin ja nicht üblen Feuilleton sind nur zu vermuten. jW sprach mit Currentzis Ende 2014 in der Permer Oper, 1.000 Kilometer östlich von Moskau, wo er seit 2011 Chef ist und mit seinem Orchester MusicAeterna eine Art Zukunftslabor der Klassik betreibt. Es geht ihm um Ehrlichkeit in der klassischen Musik. Die muss nicht nur erhaben sein und groß, betont er, auch hässlich, eruptiv, verstörend. Es geht ihm um Träume, um Glück und Tod, ums Schreien und Wispern, das »Dionysische«, die Glut und Besessenheit in der Kunst, um Bach und Brahms und Chuck Berry eben. Beim Thema »Figaro, Mozart und die Revolution« stellte sich heraus: Er kennt sich mit Marx aus, hat Bakunin und Kropotkin gelesen und Sympathien für die spanische Anarchogewerkschaft CNT. FAZ-Leute interessiert so etwas nicht, sie haben keine Ahnung davon. Aber eine Nase für so etwas, die haben sie. Und sie reagieren.

Vor etwa 30 Jahren ging mit dem Tod des Nazidirigenten Herbert von Karajan eine Klassikära zu Ende, in der noch die musikalischen Tiefenstrukturen zur Optimierung eines maximal imponierenden Oberflächeneindrucks dienten. Dass dagegen heute ein Künstler wie Currentzis Maßstäbe setzt und bedeutsame Inhalte mitreißend, erotisch und geistreich in Musik verwandelt, könnte Klassikfreunde, die etwas für Bakunin, Kropotkin und Marx übrig haben, durchaus hoffnungsfroh stimmen.

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