Aus: Ausgabe vom 21.04.2017, Seite 5 / Inland

Ärger in der Kabine

Überlastung, zu späte Entlohnung: Beschäftigte von Air Berlin prangern Missstände im Unternehmen an

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»Immer weniger Mitarbeiter müssen immer mehr fliegendes Personal planen und betreuen« – offener Brief der Beschäftigten von Air Berlin

Der Umbau der Fluggesellschaft Air Berlin führt nach Angaben der Beschäftigten zu chaotischen Verhältnissen für die Crews und dadurch auch zu Überlastung. »Immer weniger Mitarbeiter müssen immer mehr fliegendes Personal planen und betreuen«, heißt es in einem offenen Brief der Personalvertretung Kabine. »Fehler und Krankheit sind die Folgen.« Die Unterstützung der Verwaltung für die Flugbegleiter sei an »einem absoluten Tiefpunkt« angelangt, heißt es in dem Schreiben. Air-Berlin-Sprecher Ralf Kunkel sprach am Donnerstag von Einzelfällen.

Hintergrund ist, dass Air Berlin Verwaltungsstellen von Düsseldorf nach Berlin verlegt. Das Management handle hier übereilt und löse so ein Chaos aus, sagte die bei der Gewerkschaft ver.di zuständige Verhandlungsführerin Anja Schlosser. Viele erfahrene Dienstplaner hätten Air Berlin verlassen, weil sie nicht umziehen wollten. In ihrem Brief vom 10. April werfen die Beschäftigten dem Vorstand um den neuen Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann blinden Aktionismus vor. Dienstpläne würden verspätet vorgelegt. Die Vorgaben überschritten die Belastungsgrenze der Mitarbeiter. Zudem seien Überstunden für Teilzeitbeschäftigte zu spät ausbezahlt worden. Die Angestellten kritisieren neben den Belastungen für das Personal auch Probleme, die die Passagiere direkt betreffen, etwa bei der Gepäckabfertigung wie seit Wochen am Berliner Flughafen Tegel. Am Donnerstag berichtete Bild zuerst über das Schreiben.

Air Berlin wies den Vorwurf verspäteter Zahlungen als falsch zurück. In anderen Personalfragen gebe es in Einzelfällen Verzögerungen, sagte Konzernsprecher Kunkel. »Wie bei Umstrukturierungen nie ganz auszuschließen, kann es leider vereinzelt zu Engpässen bei der Erreichbarkeit für die Crew kommen, aber diese Themen sind bekannt und vielfach mit der Belegschaft diskutiert«, rechtfertigte er sich. Die zuständigen Kollegen täten ihr Bestes, »damit der Umzug nach Berlin so reibungsarm wie möglich über die Bühne geht«. Vom Umzug von Düsseldorf nach Berlin sind rund 40 Mitarbeiter betroffen.

Zugleich wies Air Berlin Spekulationen zurück, ein Treffen von Vorstandsmitgliedern mit Vertretern der Unabhängigen Flugbegleiterorganisation (UFO) am Donnerstag habe etwas mit einer möglichen Eingliederung bei Lufthansa zu tun. »Es gibt weder einen Geheimplan noch ein Geheimtreffen«, sagte Kunkel. Das Treffen mit der Gewerkschaft zum Umzug von Düsseldorf nach Berlin sei »seit Anfang Februar fest vereinbart«. Wie Bild berichtete, vertrete UFO bei Air Berlin keine Beschäftigten, allerdings viele Mitarbeiter der Lufthansa und habe in dem Konzern einen gewissen Einfluss. Air Berlin vermietet seit Februar schrittweise bis zu 38 Mittelstreckenjets samt Personal an den Lufthansa-Konzern – vor allem an dessen Tochter Eurowings. (dpa/jW)

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