Aus: Ausgabe vom 20.04.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Eine verschwundene Welt

Flucht, Verfolgung und Gedanken an unbeschwerte Tage: Eine Reportage aus Aleppo

Von Karin Leukefeld, Aleppo
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Spuren des Krieges: Eine Kreuzung im Zentrum von Aleppo am 6. April

Die Eisenbahn in Aleppo fährt wieder. Laut erklingt ihr tiefes Horn, als sich die Waggons am Bagdad-Bahnhof langsam in Bewegung setzen.

Der Name des Bahnhofs geht auf eine Zeit zurück, als der Zug von Aleppo über Mossul nach Bagdad fuhr, erklärt Joseph, der die Autorin in Syrien meist begleitet. Doch die schönste Strecke sei die durch Berge bei Dschisr Al-Schughur nach Latakia gewesen: »Durch die Wälder, durch Täler und Tunnel bis ans Mittelmeer.« Als Jugendlicher hatte er in einem Sommer mit Freunden eine Reise durch Syrien gemacht, bevor die Schule in Damaskus wieder begann. »Die erste Klasse war für uns zu teuer und zu vornehm, in der dritten Klasse teilte man sich das Abteil schon mal mit Hühnern und Schafen, die die Bauern zum Viehmarkt nach Latakia brachten«, erinnert er sich. »Wir fuhren in der zweiten Klasse, mit Trommeln und Flöten, Tanzen und Singen vertrieben wir uns die Zeit, bis wir in Latakia ankamen.«

Das war in einer anderen Welt. Heute fährt der Zug lediglich von Aleppo nach Dschibrin, einen etwa zehn Kilometer vom Zentrum der Stadt entfernten Vorort im Osten. Dort liegen die Lager, in denen Baumwolle aus Rakka angeliefert wurde. Hier wurde sie gewogen, gereinigt, verpackt und verkauft. Die Baumwolle Syriens gehört zu den besten der ganzen Welt. Selbst Politiker wie der türkische Staatsgründer Kemal Atatürk kauften sich ihre Anzüge in Syrien, wegen der guten Qualität und des vornehmen Schnitts.

Auch das geschah in einer anderen Welt. Aus Rakka kommen heute keine Baumwollieferungen mehr, sondern Flüchtlinge; Tausende Inlandsvertriebene sind in den Lagerhallen von Dschibrin untergebracht. Sie werden vom Syrischen Arabischen Roten Halbmond (SARC) und vom UN-Hilfswerk für Flüchtlinge (UNHCR) und anderen privaten Hilfsorganisationen mit Essen versorgt, medizinisch und psychologisch betreut. Die Menschen stammen aus dem Osten des Landes, aus Hasaka, Kamischli, Deir Essor und Rakka. Aber auch Bewohner von Ostaleppo sind hier untergebracht, deren Wohnungen zwischen 2012 und 2016 zerstört wurden.

In den letzten Tagen kamen in Dschibrin rund 5.000 Menschen aus Kefraja und Al-Fua an, die im Zuge eines »Vierstädteabkommens« in einem riesigen Buskonvoi aus ihren Heimatorten abtransportiert worden waren. Zwei Jahre lang waren sie von den islamistischen Kampfgruppen der »Armee der Eroberung« und der Nusra-Front bedroht, angegriffen, ermordet und drangsaliert worden. Als »Kufar« werden sie beschimpft, als »Ungläubige«, weil sie schiitische Muslime sind. Die Schiiten sind in Syrien eine Minderheit. Doch die beiden wichtigen schiitischen Schreine, der Sajida Sainab etwas südlich von Damaskus und der Rukkaja in der Damaszener Altstadt, zogen früher Tausende schiitischer Pilger aus dem Irak, dem Iran und dem Libanon an. Erst im März dieses Jahres wurden mehr als 40 irakische Pilger in Damaskus bei einem Doppelanschlag getötet.

Selbst die Vertreibung der Menschen aus Kefraja und Al-Fua reichte den hasserfüllten Gotteskriegern nicht. Bei einem erzwungenen Halt in Raschidin westlich von Aleppo wurden ihre Busse Ziel einer schweren Bombenattacke. Fünf Busse brannten aus, mehr als 200 Menschen wurden getötet, darunter mehr als 100 Kinder. Zahlreiche Menschen wurden verletzt, viele lebensgefährlich. Die russische Armee sorgte schließlich dafür, dass der restliche Konvoi sein Ziel Aleppo und das Auffanglager Dschibrin erreichte.

Erst dort wurde vielen die Gewalttat richtig bewusst. Im Chaos hatten viele ihre Taschen mit Dokumenten verloren, erzählt Hussein, der aus Al-Fua stammt und schon früher gegenüber jW die Situation in dem belagerten Ort geschildert hatte. Noch schlimmer sei gewesen, dass Menschen vermisst wurden. Man wisse nicht, ob sie tot oder verletzt seien, so Hussein. Dass ihre Angehörigen, verletzt oder tot, in Raschidin der Nusra-Front in die Hände gefallen seien, verstärke Zorn und Hoffnungslosigkeit bei den ohnehin traumatisierten Menschen. Krankenwagen aus der Türkei seien gekommen und hätten die Menschen abtransportiert – für die Familien nichts anderes als eine Entführung.

Hintergrund: Wege zur Versöhnung

Seit fünf Jahren ist Syriens »Minister für Nationale Versöhnung« im Amt. Nach anfänglich heftigem Widerstand gegen die Idee der innersyrischen Versöhnung sei die Zustimmung zu dem Konzept über die Jahre gewachsen, resümiert Ali Haidar. Der Politiker gehört der oppositionellen Syrischen Sozialnationalistischen Partei (SSNP) an. Zunächst hätten die verfeindeten Seiten die Idee abgelehnt, weil Armee, Geheimdienste und Regierungsstellen meinten, das Ministerium arbeite für die Opposition – und umgekehrt. Schließlich hätten beide Seiten eingewilligt, weil sie erschöpft waren und meinten, die Versöhnungsinitiative jeweils für eigene Interessen nutzen zu können. Heute genieße der Versöhnungsgedanke jedoch breite Zustimmung und sei fast schon zu einer »Tradition« geworden. Diejenigen, die die Initiative am meisten unterstützten, seien die Frauen und Witwen, die ihre Männer und Söhne im Krieg verloren hätten.

Die Gewährung eines staatlichen Amnestieprogramms durch Präsident Baschar Al-Assad habe dazu geführt, dass 82.000 Männer ihre Waffen niedergelegt und eine entsprechende Erklärung unterzeichnet hätten. »Das ist eine Armee! Hätten wir in Syrien wirklich einen Bürgerkrieg, wäre er schon lange zu Ende«, so Haidar im Gespräch mit der Autorin in Damaskus. Dass der Krieg anhalte, liege an der regionalen und internationalen Einmischung, mit der diejenigen gestärkt würden, die den Frieden nicht wollten. Rund 30.000 Männer waren nicht bereit, ihre Waffen niederzulegen. Sie wurden in den Norden des Landes gebracht, nach Idlib oder an die Grenze zur Türkei nach Dscharabulus.

Zwar klappe es mit den im Amnestieprogramm zugesagten Hilfen nicht immer, doch die Männer kehrten nicht zu den bewaffneten Gruppen zurück. Wer früher beim Militär war oder bei der Polizei gearbeitet habe, könne nach einer Phase der Prüfung dorthin zurückkehren. Die Mehrheit der Männer, die ihre Waffen niederlegten, seien einfache Arbeiter und Handwerker gewesen. Wenn die internationale Gemeinschaft und Europa den Friedensprozess in Syrien unterstützen wollten, könnten sie – in Absprache mit der Regierung – bei der sozialen und ökonomischen Wiedereingliederung helfen. Doch das Gegenteil sei der Fall: Die von der EU verhängten Wirtschaftssanktionen schadeten vor allem den einfachen Menschen.

Die lokalen Versöhnungsvereinbarungen und Waffenstillstände hätten unterdessen auch dazu geführt, dass rund drei Millionen Menschen in ihre Dörfer und Stadtviertel zurückkehren können, fügt Haidar hinzu. Wenn die Waffen endlich schwiegen, sei jedoch sehr viel Mut, Geld und Engagement nötig, um die Verletzten und Traumatisierten, vor allem aber die Kinder zu motivieren, ihr Leben in der Familie, in der Nachbarschaft, in den Gemeinden wieder neu zu beginnen. (kl)

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