Aus: Ausgabe vom 15.04.2017, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Durrutis Köchin

Berichte und Rezepte aus dem Spanischen Krieg

Von Anonym
Spanischer Bürgerkrieg 1936 - 1939.- Weibliche Milizionäre am G
Spanischer Krieg 1936 bis 1939: Republikanische Milizionärinnen am Guadarrama beim Essen

Hinweis des Herausgebers: Das Manuskript zu diesem Buch tauchte 1970 in einer Sammlung von Zeitschriften und Broschüren über den Spanischen Bürgerkrieg auf, die vom Antiquariat Pinkus in Zürich angeboten wurde. Das Manuskript besteht aus einigen hundert nicht numerierten Blättern. Dazu kommen noch ein paar Durchschläge von maschinengeschriebenen Rezepten, einige Flugblätter, ein Briefentwurf, Fotos und Zeitungsausschnitte.

Vielleicht erwächst das Drama des Spanischen Bürgerkriegs aus diesen Aufzeichnungen nicht in all seiner Einzigartigkeit, doch die Skizzen aus dem Alltagsleben sind mehr als ausreichend, um eine Frage zu beantworten, die die nachgeborenen Generationen nicht müde werden zu stellen: Wie eigentlich lebt man, wenn das Böse sich so offen zeigt?

Die Rezepte sind so bearbeitet worden, dass jeder sie nachkochen kann, auch ohne die spezielle Kenntnis kulinarischer Fachausdrücke. Die Kochzeiten wurden angepasst wie auch die Art und Menge der Zutaten – vor allem der Fette. Anmerkungen finden sich am Ende des jeweiligen Rezepts.

Saubohnen mit Minze

Abel hat bei den Berliner Spartakisten gekämpft. Jetzt bekam er einen Brief aus Deutschland mit schlimmen Neuigkeiten. Die Polizei hat seine ehemalige Schule, das Bauhaus in Steglitz, geschlossen. In dem Umschlag war auch ein Zeitungsausschnitt: »Kommunistisches Material gefunden«. Abel sorgt sich um seinen kleinen Bruder, der sich eingeschrieben hatte, als er Deutschland verließ. Niemand weiß etwas zu sagen, ein tragischer April kündigt sich an für Europa. Wandas Gewächshaus haben wir die Saubohnen zu verdanken, ein Stück Schinken hatten wir noch übrig: Auch heute also wird es etwas zu essen geben. Wanda sagt, wenn wir die Bohnen Vicia faba nennen und daran denken, dass schon die alten Römer sie liebten, dann schmecken sie gleich noch einmal so gut, vor allem wenn man dem Rat Martials folgt: »Et paliens faba cum rubente lardo« (d. h., sie mit Speck zubereitet, jW).

Merkwürdig wie das, was wir einmal waren, uns heute ganz irrational erscheint: Wanda etwa – wie einfach es ihr gefallen ist, von den Geisteswissenschaften in den Straßenkampf zu wechseln. Oder wie leicht ich meine Bücher und mein Skalpell aus der Hand gab und zur Pistole griff, die mir einst scheußlich erschien und die ich heute notwendig finde, um meine Freiheit und die Träume meines Volkes zu verteidigen. Die wirkliche Tragödie ist der Zynismus der zurückliegenden Epoche, der all das erst möglich gemacht hat. Marcos bringt uns auf andere Gedanken, er erzählt von seiner Militärzeit in Ceuta und wie die Stämme im Süden Marokkos und Algeriens das Fest der Ackerbohne feiern. Und das wiederum erinnert mich an eine Geschichte meines Vaters, der erzählte, wie seine Großmutter im Kuchen, den sie zu Dreikönig bereitete, eine Bohne versteckte: Wer sie fand, war König für einen Tag.

Für ein Kilo Bohnen braucht man mindestens 300 Gramm Serranoschinken, in Würfel geschnitten. In einer Pfanne etwas Farbe annehmen lassen und warmstellen. Eine Zwiebel mit drei Knoblauchzehen anbraten, die Bohnen dazugeben, mit Wasser bedecken und ungefähr eine halbe Stunde kochen. Den Schinken beifügen, salzen und pfeffern und mit ein paar Esslöffeln fein gewiegter wilder Minze bestreuen. Sofort servieren.

Gefüllte Auberginen

Sie haben die Rotationsmaschinen der Solidaridad Obrera beschlagnahmt – wieder mal. Die Zeitung, sagen sie, hetze zu Verbrechen auf. Heute ist die Zwangsversteigerung. Wir werden es so machen wie bei früheren Gelegenheiten die Genossen von der CNT: Wir gehen alle hin, wir sind selbstbewusst, und wir machen ein symbolisches Angebot. Wer verstehen will, versteht, wer nicht verstehen will, den holen wir uns früher oder später. Bevor wir rein gingen, gab Léon eine Runde Brandy aus. Schau Chica, an Orten wie diesen muss man ein Laster pflegen, um ein Mensch zu bleiben. Dann senkte er die Stimme: Ich habe schöne Auberginen aus Almagro, Genossen haben sie mir gebracht. Die haben dorthin eine Pilgerreise unternommen, zur Kirche Nostra Signora de Alarcos. Ein Priester dort wollte auf gar keinen Fall etwas von seinem Silber abgeben, von dem wir Munition für unsere Gewehre hätten kaufen können. Mehr wollte ich gar nicht wissen.

Sechs Auberginen waschen und längs teilen. Mit einem Löffel das Fleisch auskratzen. Ein halbes Kilo Lammhack mit zwei Eiern vermischen, einer gehackten Zwiebel, drei geriebenen Knoblauchzehen, einem halben Teelöffel Zimt und einem halben Teelöffel Muskat, feiner Petersilie und dem Inneren der Aubergine, in Würfel geschnitten. Damit die Auberginen füllen, in eine Reine mit Olivenöl setzen, mit Manchego-Käse bestreuen und im vorgeheizten Ofen eine Stunde schmoren lassen, die letzte Viertelstunde zugedeckt.

*

Ein Ereignis wie das angedeutete wird von Durruti und Ascaso überliefert. Juan Ferrer spricht 1970 davon in einem Interview mit einer anarchistischen französischen Zeitung. Ferrer arbeitete damals als Drucker. Almagro ist ein Dorf in der Nähe von Ciudad Real. Dort wächst eine besondere Aubergine, klein und oval, sieben bis acht Zentimeter lang, wenn sie erntereif ist. Man legt sie auch ein, in einen Sud aus Wasser, Salz und Essig, Kümmel und Peperoncino. Die Berenjenas de Almagro waren vor allem in Madrid sehr begehrt. Der Manchego kommt aus der Mancha und ist heute ein Produkt mit geschützter Herkunftsbezeichnung.

Ente an Pfirsich

Schon lange ist der Tabak unsere Währung geworden. María sagt, sie sei jederzeit bereit, sich zu prostituieren – für eine Packung amerikanischer Zigaretten. Bekommen haben wir eine Ente von drei Kilo gegen 30 deutsche Zigaretten. Wir haben sie in einer grünen Blechdose im Rucksack eines SS-Mannes gefunden, zusammen mit falschen Dokumenten des Tercio. Enttarnt hat ihn eine kleine Tätowierung auf der Brust. Wir beschlossen, ein Fest zu feiern, anlässlich des Sturms auf das Frauengefängnis vor genau einem Jahr. Unsere Gruppe bestand aus sechs Genossinnen, die sich alle lange kannten und vertrauten. Im Gefängnis waren einige Freundinnen von uns, darunter Dolores und Federica, mit denen wir über eine Wachfrau Kontakt hielten.

Damals war es wie heute heiß gewesen, der Himmel blau, und wir zogen aus zu unseren ersten bewaffneten Kämpfen, mit vier Gewehren und zwei Pistolen und genug Munition. Im Gefängnis, einem hässlichen vierstöckigen Gebäude, ging schon seit Tagen die Post ab, die Gefangenen hatten das Dach geöffnet mit Hilfe einiger Genossen, die hinaufgeklettert waren. Die Parole lautete: aufräumen. Das hieß, sich Stockwerk für Stockwerk durch das Haus arbeiten, Widerstandsnester ausheben und sofort über das Schicksal derjenigen entscheiden, die sich ergaben. Wir legten den Südflügel trocken, befreiten einige Genossinnen – die sich uns sofort anschlossen – und verhafteten fünf Wärterinnen.

Die einzige echte Gefahr ging von Heckenschützen aus, die aus den Fenstern und von den Balkonen der Nachbarhäuser auf uns anlegten. Wir einigten uns auf eine Taktik, die mit den Gewehren gaben uns Feuerschutz, wir liefen rüber und kümmerten uns. Von den fünf Gefangenen ließen wir vier laufen, nachdem wir sie fotografiert und identifiziert hatten. Eine nahm sich Dolores gesondert vor. Ich kümmerte mich nicht weiter darum, aber später erfuhr ich, dass diese Wärterin Dolores »Judenhure« und »Kommunistennutte« genannt hatte. Das bezahlte sie mit großen Bissen von einem Kilo Seife, die sie hinunterschluckte, mit der Pistole am Kopf. Wir lachten viel, aber unsere Fröhlichkeit ist nicht frei, die Dinge haben begonnen, sich zu drehen. Juan ist wie immer der zynischste von allen, ich bin kein Kriegsphilosoph, Chica, sagt er, aber ich weiß, dass man, um Kriege zu gewinnen, irgendwann die Hauptkraft des Gegners attackieren und zerstören muss. Die anderen bereiten sich genau darauf vor, mit ihren italienischen Freunden, die alle erfahrene Soldaten sind. Und, Chica, wir sollten nicht den Fehler machen, über ihr Verhalten an der Front zu vergessen, wie sie sich in Positur werfen, wenn sie Befehle bekommen, feixte er.

Die Ente haben wir dann so zubereitet: Eine Nuss Butter mit einem Glas Öl, Muskat, Nelken und einem Lorbeerblatt mit dem Mörser durcharbeiten, bis man eine sämige Paste bekommt. Das Innere der Ente mit Brandy auswaschen, dann von innen und außen mit der Paste einreiben. Ein paar Speckscheiben auf die Brust legen und mit einem Küchenspieß alles fixieren. In eine gebutterte Reine geben, mit ein paar zerdrückten Knoblauchzehen. Mit Öl beträufeln und für mindesten 30 Minuten in den heißen Ofen geben. Dann umdrehen, mit dem Fond gut befeuchten und noch mal 30 Minuten braten. Warmstellen. Den Fond mit zwei Teelöffel Zucker und einem Teelöffel Essig verdünnen, ein Glas Weißwein und ein Stamperl Brandy dazugeben. Am Schluss zehn weiße, mittelgroße Pfirsiche, in Scheiben geschnitten, dazugeben sowie den Saft einer Zitrone, und das Ganze ein paar Minuten einköcheln lassen. Mit Mehl binden, die Pfirsiche um die Ente auf einer Platte drapieren, und alles mit der Soße begießen.

Lamm auf maurische Art

Wieder in Madrid. Ich erkenne die Stadt kaum wieder. Auf den ersten Blick jedenfalls ist alles anders, es leben hier jetzt 360.000 Zivilisten, 70.000 Kämpfer auf Durchreise, 290.000 sind hier stationiert, 18 Theater haben geöffnet und mehr als 40 Kinos. Im Metropolitano zeigen sie »Modern Times« von Chaplin, im Durruti »Diego Corrientes«, einen spanischen Film. Und dann gibt es den Filmdienst des Kriegsministeriums, der in seinen Sälen aus eigener Kasse finanzierte Projekte zeigt. Und es gibt auch noch die Corrida; die Toreros sind natürlich Faschisten, und die besten kämpfen in den Arenen Francos, angefangen mit dem berühmtesten, Manolete, aber darüber darf man mit den Männern bei uns gar nicht erst zu reden anfangen! Überall sind die Cafés geöffnet, und die Straßen sind voll, vom Fenster meines Zimmers sehe ich das Posthauptgebäude, umbenannt in »Notre-Dame du Courrier«. Nachts hingegen hört man immer mal wieder Kanonendonner und Schusssalven. »Viel Lärm um nichts«, kommentiert Juan, das sind unsere Pacos. Das müssen wohl auch alle so sehen, denn noch nie habe ich so viele Lichter im »Palacio de la Zarzuela« erblickt. An der Wand meines Hotelzimmers hängt ein Plakat der Pariser Weltausstellung. Alles zusammen wirkt vollkommen irreal! Vor dem Einschlafen höre ich in der Ferne Flugzeuge. Morgens nach dem Frühstück bekomme ich die Bestätigung: Es ist das übliche Geschwader Marke Dornier Wal und Breguet, einst stationiert in Tétouan, Marokko.

Offiziell sind wir zur Eröffnung des »Hauses des Katalanischen Soldaten« in Madrid. In Wirklichkeit aber müssen wir das Netz der Roten Hilfe reorganisieren, denn wir sind zur Überzeugung gekommen, dass es von der Fünften Kolonne infiltriert worden ist. Die verfügt nicht nur über sehr starke und praktische Kurzwellensender, sondern ist überhaupt sehr geschickt in der Desinformation. Sie verwirren die einfachen Gemüter, bringen Falschgeld in Umlauf und – flucht unser Madrilener Kontaktmann – sie wagen es sogar, uns auf den Arm zu nehmen. In den »Informaciones« haben sie ein Akrostichon mit dem Falangistenslogan untergebracht. Normal gelesen ist es eine Hymne an die republikanischen Truppen, liest man den Text aber vertikal, ergeben die ersten Buchstaben jedes Verses das »Arriba España« der spanischen Faschisten. Die Diskussionen ziehen sich hin, denn hier sind alle Fraktionen der republikanischen Seite versammelt, und jede hat Vorschläge, wie wir auf die Provokationen reagieren sollten. Juan sagt gar nichts, nur am Schluss flüstert er mir zu, mit diesen Leuten hier sind wir am Arsch, Chica. Die Mehrzahl hat doch nie auf jemanden geschossen! Fast keiner von denen hier war schon mal mit gezogener Pistole in einer Bank. Sie haben keinen Gefangenen verhört und die trübe Abhängigkeit des anderen genossen, weil man selbst am längeren Hebel sitzt. Niemand hier hat einen sterbenden Genossen in seinen letzten Augenblicken begleitet, wirklich begleitet, meine ich, ihn angefasst, ihm das Gefühl gegeben, nicht von allen verlassen zu sein beim Krepieren. Alle Hoffnung des Kommunismus erfasst dich nur auf den Barrikaden, meine Freundin. Wir müssen bereit sein, jedes Bedürfnis nach Ablenkung zu unterdrücken, aber wir müssen auch jenen misstrauen, die, während sie alle Macht auflösen wollen, am Ende doch jeder Sache Macht zuschreiben. Besser lebt man nach der alten Regel: Wer Macht beansprucht, soll alle Macht verlieren! Am Ende zeigt sich, dass sie die Revolte hassen, dass sie sie kleinhalten und alles so machen wollen wie schon immer. Sie schnüren ihr die Luft ab, sie wird wirkungslos – und deswegen sind es dann immer die verlorenen Revolutionen, wie die verlorenen Paradiese, Nadine, die als die einzig wahren erscheinen. Aber wir in Barcelona, wir werden es anders machen, auf unsere Art. Wir werden niemandem gehorchen, denn es ist nicht so, wie diese Kantianer hier sagen. Wer erst mal gehorchen gelernt hat, der bringt sich damit in die Position, herumkommandiert zu werden. Und wir werden nie jemandem gehorchen, wir haben in unseren Händen die größte aller Erfahrungen, die des praktischen Kampfes, die uns auf unseren Wegen leitet.

Wir aßen zu Abend in einem Restaurant neben dem Ateneo Libertario de Legazpi, im einstigen Anarchoviertel Madrids, und als die Rechnung kam, merkten wir, dass wir als kämpfende Truppe einen Rabatt bekommen hatten.

Das Lamm auf maurische Art hatten sie so zubereitet: Ein paar Kilo Lammschulter – besser noch Schlegel – sorgfältig waschen und säubern. Parieren, mit einer Mischung aus Salz, Pfeffer und etwas Zimt, Muskat und Kümmel einreiben. In einer großen Kasserolle einige Zwiebeln und drei Zehen Knoblauch anbraten, Fleisch zugeben und von allen Seiten schön Farbe annehmen lassen. Dann das Fleisch mit Brühe bedecken und bei geschlossenem Deckel knapp zwei Stunden lang köcheln lassen, immer wieder mit Fond benetzen. Das Fleisch auf einer Platte anrichten, den Fond mit in Brandy gezogenen Sultaninen, Mandelscheiben, einem Löffel Pinienkerne, einem Glas Port und einer in Julienne geschnittenen Orangenschale ergänzen. Den Fond etwas einkochen und über das Lamm gießen, heiß servieren.

*

Der Terminus Paco stammt aus dem Rifkrieg (1921–1926). Die Gewehre der marokkanischen Rebellen hatten eine doppelte Detonation: »pa-co«. Aber dieser Terminus ist auch die Verkleinerungsform von Francisco und wurde zum Spitznamen für alle Scharfschützen. Der Ursprung des Ausdrucks »Fünfte Kolonne« ist kurios. Im Oktober 1936 schrieb ein englischer Journalist einen Artikel über die Vorbereitungen der Putschisten auf den Angriff auf Madrid. Darin zitierte er einen hohen franquistischen Offizier. Die erste Kolonne, die in Marsch gesetzt würde, sei demnach die in Richtung Toledo. Die zweite käme von der Sierra de Guadarrama herab und würde über die Straße nach La Coroña in die Stadt kommen. Die dritte hätte direkt auf den Prado und die Universität gezielt. Die vierte hätte erst Guadalajara, Alcalá de Henares e Vicálvaro genommen und wäre dann von Osten in die Hauptstadt marschiert. Und die fünfte Kolonne, fragte der Journalist? Die sei schon in Madrid und operiere dort mit Erfolg. Nach Schätzungen umfasste diese Kolonne etwa 5.000 Mann, organisiert in 17 Banderas der Falange.

Orangenflan

Das, wogegen wir unser Bewusstsein versperren, kehrt irgendwann als unser Schicksal wieder. An diesen Aphorismus meines Vaters musste ich denken, während ich eine Wäscherutsche mit Schmierseife behandelte. Ich erinnerte mich dabei auch an meine Empörung, als ich einst die Wäscherinnen sich am Ufer des Nervión den Rücken kaputt schrubben sah. Aber vor allem war ich eben mit etwas Militärischem beschäftigt, das vom General Hidalgo de Cisneros von der Deca stammt, der Flugabwehr. Als Bomber können wir nur ein halbes Dutzend Douglas einsetzen, die wir ursprünglich als Postflugzeuge angeschafft haben. Die Bomben werden also nicht ausgeklinkt, sondern müssen im Rumpf mit dem Fuß in eine geschmierte Wäscherutsche geschoben werden. Das Signal zum Ablassen kommt per Handzeichen vom Kopiloten, der durch ein Visier das Ziel anpeilt. Funktioniert das? Die Jungs sind skeptisch, aber für ein wenig Unruhe in den gegnerischen Reihen wird es schon sorgen. Heute arbeiten wir im Schatten, sagt Juan, mit Blick auf den Himmel. Auch er hat den Lärm der Junker 52 gehört, mit ihren drei Motoren, die die Erde erzittern lassen und einem Gänsehaut machen.

Karamell aus 200 Gramm Zucker und 150 Gramm Wasser herstellen. In sechs feuerfeste Porzellanförmchen füllen. Sechs Eier und drei Eigelb verquirlen, dazu 200 Gramm Zucker, eine geriebene Zitronenschale und eine Orangenschale, Zimt und Muskat. Einen Liter Orangensaft einige Minuten lang zum Kochen bringen, abkühlen lassen und langsam in die Schaummasse gießen. Die Creme in die Förmchen geben und eine Stunde im Wasserbad bei kleiner Flamme ziehen lassen. Dann wenigstens sechs Stunden kaltstellen, vor dem Servieren in warmem Wasser aus den Förmchen lösen.

*

Der Nervión fließt durch Bilbao. Hidalgo de Cisneros hatte sein Kommando in Madrid. Er zeichnete sich zu Beginn des Krieges aus, als er gegen seine früheren Kameraden von der Akademie und vom Geschwader kämpfte, etwa den berüchtigten Kommandanten Rubio. Um einen Begriff von der Stärke der franquistischen Luftwaffe zu bekommen, vergegenwärtige man sich Folgendes: Am 16. Dezember 1936 wurde der Himmel über Madrid nach dem Vorbeiziehen einiger Fiat- und Savoia-Jäger von einer Schwadron aus 60 deutschen Bombern in Tiefflugformation überflogen. Eine Machtdemonstration wie bislang noch keine in der Geschichte der Luftfahrt und prophetisch für das, was die kommenden Jahre an Zerstörung bringen würden. Damals kümmerte man sich nicht weiter darum, auch wenn das Zerbrechen aller Fensterscheiben in den Gran Vía eigentlich eine Warnung hätte sein müssen. Madrid wurde andauernd bombardiert; der Höhepunkt war im August 1937 erreicht, als mehr als 1.300 Bomben ausgeklinkt wurden. Insgesamt fielen allein im Jahr 1937 bis Ende September 5.500 Bomben und Granaten, die 768 Menschen töteten und 3.567 verletzten. Franco ließ ausschließlich die Arbeiterviertel bombardieren, nur fünf von hundert Bomben fielen auf bürgerliche Wohngegenden; Salamanca oder die Villen der Reichen in der Kolonie El Viso blieben verschont.

Vor kurzem veröffentlichte der Ventil Verlag das Buch »Durrutis Köchin. Aufzeichnungen aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs« in der Übersetzung von Ambros Waibel, dem die hier abgedruckten, leicht gekürzten Auszüge entnommen sind. Der Titel wurde zuerst 2002 auf Italienisch unter dem Titel »La cuoca di Buenaventura Durruti« veröffentlicht; er umfasst eine bearbeitete Zusammenstellung von Berichten und Rezepten aus dem Spanischen Krieg. Deren Autorin war die Köchin mit dem Nom de guerre Nadine aus der Kolonne Buenaventura Durrutis. Die Aufzeichnungen umfassen den Zeitraum zwischen 1932 und Februar 1939. Der Verlag bezeichnet das Buch als »autobiografischen Roman zwischen Doku-Fiktion, Kochbuch und Agitprop«.

Buenaventura Durruti Dumange (1896–1936) war ein spanischer Revolutionär und Kämpfer der Federación Anarquista Ibérica (FAI), dem militanten Arm des anarchosyndikalistischen Gewerkschaftszusammenschlusses Confederación Nacional del Trabajo (CNT). Im Spanischen Krieg war er Kommandeur der Kolonne Durruti, einer anarchistischen Miliz, die auf seiten der Republik kämpfte. Im November 1936 wurde er während der Belagerung Madrids unter nicht geklärten Umständen erschossen. Er ist bis heute eine der bekanntesten Figuren des spanischen Anarchismus.

Der anonyme Herausgeber ist nach Angaben des Verlages »bestens vertraut mit der Geschichte der revolutionären Bewegungen in der Politik und in der Kunst des 20. Jahrhunderts und ist zudem ein bekennender und kennender Kulinariker«. Das Manuskript zu »Durrutis Köchin« fand er 1970 im mittlerweile geschlossenen, linken Antiquariat Pinkus in Zürich. (jW)

Anonym: Durrutis Köchin. Aufzeichnungen aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs. Aus dem Italienischen von Ambros Waibel, Mainz 2017, 215 Seiten, 17,90 Euro

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