Aus: Ausgabe vom 13.04.2017, Seite 6 / Ausland

Vorwärts ins 19. Jahrhundert

Japan: Kaiserliches Bildungsedikt erlebt Revival. Skandal um rechten Bildungskonzern

Von Michael Streitberg
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Für Kaiser und Vaterland: Kinder im Tsukamoto-Kindergarten während der allmorgendlichen Zeremonie am am 30. November 2016

Fleiß, Patriotismus und Kaisertreue: Ein Edikt zur Bildung aus dem Jahr 1890 erlebt in einigen von Japans Schulen und Kindergärten derzeit einen zweiten Frühling. Vergangenen Monat hatte die Regierung erklärt, das lange verpönte Dokument könne prinzipiell als Lehrmaterial eingesetzt werden. Es atmet jenen Geist, aus dem sich auch die von Premierminister Shinzo Abe forcierte, konservative gesellschaftspolitische Wende speist.

Das erwähnte Dokument des Kaisers Meiji wurde erlassen, um Kindern ein Gefühl des Patriotismus zu vermitteln und sie dazu anhalten, ihr eigenes Streben nach Glück den Bedürfnissen des Staates unterzuordnen. Abseits einer Aufzählung von Konzepten wie der vom Konfuzianismus gepredigten »kindlichen Pietät« und Werten wie Zusammenhalt und Strebsamkeit heißt es unverblümt: »Sollte ein Notfall eintreten, bietet dem Staat mutig eure Dienste an, und tragt so zum Gedeihen unseres kaiserlichen Thrones bei, der im Einklang mit Himmel und Erde steht.«

1948 wurde das Dokument vom Parlament für nichtig erklärt. Es untergrabe das Konzept grundlegender Menschenrechte, wurde damals festgestellt. Eine Lehre aus den Erfahrungen des Krieges: In jenen Jahren musste der kaiserliche Erlass von Schülern und Kindergartenkindern täglich rezitiert werden. Regierungsmitglieder scheinen in einer solchen Praxis kein Problem zu sehen. Wie die Japan Times am Dienstag berichtete, erklärte Vizeerziehungsminister Hiroyuki Yoshiie am Freitag im Parlament, ein tägliches Aufsagen des Texts stelle kein Problem dar – sofern im Rahmen dessen nicht die Bildungsgesetze verletzt würden.

Im März hatte Verteidigungsministerin Tomomi Inada bereits erklärt, ihrer Meinung nach liege das Edikt nicht in allen Punkten falsch. Sie betonte, dass dessen »Geist«, der für eine Veränderung Japans hin zu einem »tugendhaften Land« aufrufe, wiederhergestellt werden sollte.

Im Tsukamoto-Kindergarten in Osaka hat man sich solche Ideen zu Herzen genommen: Dort müssen die Kinder jeden Morgen 12 der im Dokument aufgeführten Prinzipien rezitieren. Begründet wird dies mit Japans »traditioneller Moral«, die darin zum Ausdruck komme. Die Einrichtung steht verstärkt in der Kritik, seit in Briefen des Kindergartens an Eltern rassistische Bezeichnungen für Koreaner und Chinesen verwendet wurden. Diese hätten »böse Ideen«. In den Schreiben wurde außerdem behauptet, Japaner mit dem »Geist von Ausländern« seien für die Probleme des Landes verantwortlich.

Die Betreibergesellschaft Moritomo Gakuen steht zudem seit Monaten im Mittelpunkt einer Affäre um undurchsichtige Landverkäufe, wodurch auch der Premierminister unter Druck gerät. Die Regierung soll Moritomo für die geplante Eröffnung einer Grundschule, die ursprünglich sogar den Namen Shinzo Abes tragen sollte, 8.770 Quadratmeter Bauland für etwa ein Zehntel des tatsächlichen Geldwerts verkauft haben. Dies berichtete die Zeitung Asahi Shimbun am 9. Februar. Bis heute kann das für den Deal verantwortliche Finanzministerium nicht schlüssig erklären, wie die entsprechend Summe zustande kam.

Moritomo-Chef Yasunori Kagoike behauptet, der Preis habe damit zu tun, dass sich so viel Müll auf dem verkauften Gelände befinde – ein Argument, das kaum überzeugt. Wichtige Unterlagen zum Kauf sind unauffindbar. Wie die Japan Times berichtete, hatte Kagoike am 23. März zudem unter Eid geschworen, er habe am 5. September 2015 von Shinzo Abes Ehefrau Akie Abe einen Briefumschlag mit einer Million Yen (etwa 8.500 Euro) in bar erhalten. Sie hatte damals den Kindergarten besucht, um dort eine Rede zu halten. Das Geld, so Kagoike, sei im Namen des Premierministers übergeben worden. Akie Abe hat dem Kindergarten bereits drei Visiten abgestattet. Sie ist laut eigener Aussage »zutiefst inspiriert« von dessen Bildungsprinzipien, berichtete die Nachrichtenseite The Daily Beast am 31. März. Akie Abe bestreitet allerdings, dass es jemals zu einer Geldübergabe kam.

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