Aus: Ausgabe vom 08.04.2017, Seite 4 / Inland

Gnadenfrist für Obdachlose

Vor dem G-20-Gipfel wird Hamburgs Innenstadt geräumt

Von Kristian Stemmler
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Neben dem rigorosen Vorgehen der Behörden gibt es auch Solidarität: »Gabenzaun« am Hamburger Hauptbahnhof, 3. März 2017. Bürger deponieren dort Kleider- und Lebensmittelspenden für Obdachlose

Werden im Vorfeld des G-20-Gipfels in Hamburg Obdachlose aus der Innenstadt vertrieben, wie es in anderen europäischen Städten vor internationalen Treffen schon geschehen ist? Diese Frage stellt sich angesichts der geplanten Räumung eines Übernachtungsplatzes von Menschen ohne Bleibe in der City. Er gehe davon aus, dass die Maßnahme in Zusammenhang mit dem am 7. und 8. Juli stattfindenden Treffen der Regierungschefs von 19 Industrie- und Schwellenländern sowie Vertretern der EU stehe, erklärte Stephan Karrenbauer vom Straßenmagazin Hinzt und Kunzt am Freitag gegenüber jW.

»Wenn die Behörden Gullideckel zuschweißen werden, dann werden sie auch dafür sorgen, dass während des Gipfels keine Zelte von Obdachlosen das Bild stören«, sagte der Sozialarbeiter. Am Freitag morgen rückten Vertreter des Bezirks Mitte und Polizisten sowie Mitarbeiter der Stadtreinigung am Alsterfleet an. Drei der dort zuletzt kampierenden fünf Menschen hatten die »Platte« bereits nach der Androhung der Räumung am Dienstag verlassen. Sie wollten sich einen neuen Übernachtungsplatz am Stadtrand suchen. Den zwei Verbliebenen wurde nun eine »Gnadenfrist« bis zum Montag, zehn Uhr morgens, eingeräumt, wie Johan Graßhoff, Sozialarbeiter bei der Diakonie, am Freitag im Gespräch mit jW berichtete.

Zwei Jahre lang hätten die fünf ungestört unter der vierspurigen Willy-Brandt-Straße übernachtet. Ihr Lager sei zudem besonders aufgeräumt und sauber gewesen, sagt Karrenbauer. Die Begründung des Bezirks für die Räumung, es hätten sich Anwohner beschwert, hält er für vorgeschoben. Die unmittelbare Nähe des Luxushotels Steigenberger zur geräumten Platte spreche für eine »Säuberung« aus Anlass des Gipfels. Das Steigenberger gehöre mit Sicherheit zu den Etablissements, in denen im Juli G-20-Delegationen untergebracht würden.

Der SPD-geführte Bezirk Mitte geht seit Monaten rigoros gegen Obdachlose vor, unter anderem mit einem »Weckdienst« (jW berichtete). Bezirksmitarbeiter vertreiben jeden Morgen die in den Eingängen von Geschäften und Kontoren Nächtigenden. Schon im September 2016 hatte der Bezirk eine Platte unter einer Brücke auf St. Pauli geräumt. In der Nacht zum Mittwoch brannte auf St. Pauli erneut ein Übernachtungsplatz Obdachloser, wie Hinz und Kunzt am Donnerstag berichtete. Zu diesem Zeitpunkt habe dort niemand geschlafen, allerdings einige Meter weiter. Bei Löschversuchen habe sich ein 49jähriger verletzt. Die Brandursache stehe noch nicht fest. Erst im Februar waren zwei Menschen bei einem Feuer an den Landungsbrücken verletzt worden, wo sie kampierten. Der Brandstifter wurde festgenommen.

Ende März endete das Winternotprogramm für Obdachlose, in dessen Rahmen 940 Schlafplätze bereitgestellt worden waren. Hunderte Obdachlose übernachten jetzt wieder auf der Straße, in Parks und Grünanlagen. »Schätzungsweise 2.000 Menschen müssen in Hamburg schutzlos auf der Straße schlafen, dazu kommen etwa 12.000 Menschen, die in Unterkünften nur notdürftig untergebracht sind und dringend eine Wohnung brauchen«, kritisierte Bettina Reuter vom Hamburger Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot in einer Pressemitteilung. Das Bündnis protestierte vor einer Woche vor der Sozialbehörde und forderte den Senat von SPD und Grünen zu mehr Engagement für Wohnungslose auf.

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