Aus: Ausgabe vom 01.04.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Was für eine Miliz brauchen wir?

Von der ersten zur zweiten Revolution: Die Eigenart des Übergangs. Lenin 1917 über die Organisierung des Proletariats

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Die Rote Garde des Betriebes »Vulkan« in Petrograd (Oktober 1917)

Was sollen aber die Sowjets der Arbeiterdeputierten tun? Sie »müssen als Organe des Aufstands, als Organe der revolutionären Staatsmacht betrachtet werden«, schrieben wir in Nr. 47 des Genfer Sozial-Demokrat am 13. Oktober 1915.

Dieser theoretische Satz, abgeleitet aus den Erfahrungen der Kommune von 1871 und der russischen Revolution von 1905, muss auf Grund der Praxis der gegenwärtigen Etappe der gegenwärtigen Revolution in Russland erläutert und konkreter entwickelt werden.

Wir brauchen eine revolutionäre Staatsmacht, wir brauchen (für eine bestimmte Übergangsperiode) den Staat. Dadurch unterscheiden wir uns von den Anarchisten. Der Unterschied zwischen den revolutionären Marxisten und den Anarchisten besteht nicht nur darin, dass jene für die zentralisierte, kommunistische Großproduktion, diese aber für eine zersplitterte Produktion in Kleinbetrieben sind. Nein, der Unterschied gerade in der Frage der Staatsmacht, des Staates, besteht darin, dass wir für die revolutionäre Ausnützung der revolutionären Formen des Staates zum Kampf für den Sozialismus, die Anarchisten aber dagegen sind.

Wir brauchen den Staat, aber wir brauchen nicht einen solchen Staat, wie ihn allerorts die Bourgeoisie geschaffen hat, von den konstitutionellen Monarchien bis zu den allerdemokratischsten Republiken. (…) Wir brauchen einen Staat, aber nicht einen solchen, wie ihn die Bourgeoisie braucht, mit Machtorganen, die vom Volk getrennt sind und dem Volk entgegengestellt werden, wie Polizei, Armee und die Bürokratie (Beamtentum). Alle bürgerlichen Revolutionen haben diese Staatsmaschine lediglich vervollkommnet, lediglich einer Partei genommen und einer anderen übergeben.

Das Proletariat aber muss, wenn es die Errungenschaften der gegenwärtigen Revolution behaupten und weitergeben will, wenn es Frieden, Brot und Freiheit erringen will, diese »fertige« Staatsmaschine, um Marx’ Worte zu gebrauchen, »zerbrechen« und sie durch eine neue ersetzen, bei der Polizei, Armee und Bürokratie mit dem bis auf den letzten Mann bewaffneten Volk zu einer Einheit verschmolzen sind. Wie die Erfahrungen der Pariser Kommune von 1871 und der russischen Revolution von 1905 zeigen, muss das Proletariat alle armen, ausgebeuteten Teile der Bevölkerung organisieren und bewaffnen, damit sie die Organe der Staatsmacht selbst und unmittelbar in ihre Hände nehmen, damit sie selbst die Institutionen dieser Staatsmacht bilden. Die Arbeiter Russlands haben diesen Weg schon in der ersten Etappe der ersten Revolution im Februar/März 1917 beschritten. Die Aufgabe besteht jetzt darin, klar zu begreifen, welches dieser neue Weg ist, und ihn kühn, unbeirrt und beharrlich weiterzugehen.

Die englisch-französischen und die russischen Kapitalisten wollten »nur« Nikolaus II. absetzen oder ihn vielleicht sogar nur »einschüchtern«, die alte Staatsmaschine, die Polizei, die Armee, das Beamtenturn, aber unversehrt lassen. Die Arbeiter sind weiter gegangen und haben sie zerbrochen. Und jetzt heulen nicht nur die englisch-französischen, sondern auch die deutschen Kapitalisten vor Wut und Angst, wenn sie z. B. sehen, wie die russischen Soldaten ihre Offiziere erschießen (beim Matrosenaufstand während der Februarrevolution wurden im damals zu Russland gehörenden Helsinki etwa 50 Offiziere und Unteroffiziere getötet; jW). (…)

Nehmen wir ein konkretes Beispiel. Die Polizei ist in Petrograd und an vielen anderen Orten teils niedergemacht, teils abgesetzt worden. Die Regierung Gutschkow-Miljukow wird nicht die Monarchie wiederherstellen noch sich überhaupt an der Macht halten können, wenn sie nicht die Polizei wiederherstellt als eine besondere, vom Volk losgelöste und ihm entgegengestellte Organisation von bewaffneten Menschen, die dem Kommando der Bourgeoisie unterstellt sind. Das ist sonnenklar. (…)

Was für eine Polizei brauchen sie (…), die Gutsbesitzer und Kapitalisten? Die gleiche wie unter der Zarenmonarchie. Alle bürgerlichen und bürgerlich-demokratischen Republiken der Welt haben eine solche Polizei – eine besondere Organisation vom Volk losgelöster, ihm entgegengestellter bewaffneter Menschen, die auf die eine oder andre Weise der Bourgeoisie unterstellt sind – geschaffen oder nach kurzen revolutionären Perioden wiederhergestellt.

Was für eine Miliz brauchen wir, braucht das Proletariat (…)? Eine wirkliche Volksmiliz, d. h. eine Miliz, die erstens wirklich aus der gesamten Bevölkerung, aus allen erwachsenen Bürgern beiderlei Geschlechts besteht und die zweitens die Funktion einer Volksarmee mit polizeilichen Funktionen, mit den Funktionen des wichtigsten und hauptsächlichen Organs der staatlichen Ordnung und der staatlichen Verwaltung verbindet.

W. I. Lenin: Briefe aus der Ferne. Brief 3. Über die proletarische Miliz. Geschrieben am 11. (24. nach dem heute verbreiteten gregorianischen Kalender) März 1917. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke Band 23. Dietz-Verlag, Berlin 1968, Seiten 339–342. Die insgesamt fünf »Briefe aus der Ferne« schrieb Lenin in der Schweiz Ende März und Anfang April 1917 für die bolschewistische Zeitung Prawda, die in Petrograd nach der Februarrevolution wieder zu erscheinen begann. Brief 3 wurde allerdings erst 1924 in der Zeitschrift Kommunistitscheski Internazional Nr. 3/4 veröffentlicht

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