Aus: Ausgabe vom 21.03.2017, Seite 14 / Feuilleton

Entkorkte Flaschenpost

Von Rafik Will
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Die Qual der Wahl in der Kultur- und Wissenschaftsindustrie: Welche Flaschenpost ist die richtige?

Im Januar fand in Hamburg zum zwölften Mal das Festival für experimentelle Musik Klub Katarakt statt. Um den theoretischen Rahmen abzustecken, unterhielten sich die Klarinettistin und Komponistin Carol Robinson und die Katarakt-Kuratoren über »Das Viele und das Eine. (Wie) klingt Anarchie?« (Di., 14 Uhr, FSK). Hauptfrage: Wie kann im Orchester selbstbestimmt musiziert werden – entgegen einer von Dirigenten dominierten Konzertpraxis? Abteilung Emanzipation und Depression: In »Das Ende der Hoffnungen – der Niedergang der italienischen Linken« (DLF 2017; Di., 19.15 Uhr, DLF) verhandelt Aurelia Sorrento die Enttäuschungen im einstigen Traumland der Linksradikalen in Westeuropa.

Von postapokalyptischen Problemen handelt die Fantasystory »Manifest 50: Du darfst mich töten, wenn du mich liebst« (HR 2016; Di., 21 Uhr, ORF Ö1). Die österreichische Autorin Michaela Falkner beschreibt einen Menschen, der andere Menschen umarmen möchte, nur gibt es keine mehr. Und so will sich dieser Mensch aus Leichenteilen neue Freunde basteln. Aber dann gibt’s da doch noch einen echten andern Menschen – oder auch nicht. Großes Drama. Aber hören Sie selbst.

Auch unbedingt anhören sollte man sich das Porträt »Time Out: This is Sonic Youth« (Mi., 17 Uhr, FSK). Der berühmten Band, die seit der Trennung des Liesbespaares Kim Gordon und Thurston Moore 2011 nicht mehr weiterbesteht, sind ganze zwei Stunden gewidmet. Mit einer Stunde muss sich hingegen die Hörspieladaption von Entkorkte Flaschenpost Victor Klemperers Klassiker über faschistische Sprache »LTI – Notizbuch eines Philologen« (RBB 2016; Mi., 20 Uhr, NDR Kultur und 21 Uhr, HR 2 Kultur) begnügen, was deren Aktualität aber nicht mindert. Eine Komödie, die sich dem Thema Rassismus widmet, läuft mit Holger Siemanns »Der wahre Patschorke« (SFB/ORB 1999; Mi., 21.30 Uhr, DKultur), und Janko Hanushevsky lädt ein zu »Reading, Thinking, Looking. Eine Begegnung mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt« (DLF/BR/NDR 2016; Mi., 22 Uhr, MDR Kultur und RBB Kulturradio).

Nicht verpassen sollte man auch  »Entkorkte Flaschenpost? Kritische Theorie und Student(inn)en-Bewegung« (Do., 14 Uhr, FSK). Theodor W. Adorno hatte die Arbeiten der Frankfurter Schule im US-amerikanischen Exil ja als »Flaschenpost« bezeichnet und sich dann später Ende der 60er Jahre gegenüber der Studentenrevolte offiziell sehr zurückgehalten. Danach laufen auf derselben Welle »Die Sprache des Exils« (16 Uhr), eine Würdigung des Literaturnobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer, und die »Neopostdadasurrealpunkshow« (17 Uhr), in der es diesmal unter dem Titel »Bitte keine Musen« um den Berliner Aviva-Verlag geht. Den Abend bestimmen dann Stefan Veith und Peter Fey mit ihrem Satirehörspiel »Das Dienen geht weiter« (Autorenproduktion für den SWR 2017; Do., 22 Uhr, SWR 2). Badischer Regionalpatriotismus wird hier in Form einer Radioshow auf die Schippe genommen – mit Thomas Hintner, Hans Zippert, Thomas Gsella und Christian Y. Schmidt. Das Stück bekommt sogar ein eigenes virtuelles Zimmer: die »Badische Suite« auf hotelharakiri.de.

Um unwitzigen Ultrapatriotismus geht es in David Zane Mairowitz’ und Malgorzata Zerwes »Kaczynskiland. Wie polnische Geschichte umgedeutet wird« (DLF 2017; Ursendung Fr., 20 Uhr, DLF). Und wie es ist, wenn man als Prepper auf den Weltuntergang wartet, kann man sich in Hartmut Geerkens »Bunker« (BR 1995; Fr., 21 Uhr, Bayern 2) anhören, der hatte sich nämlich schon vor mehr als 20 Jahren testweise selbst eingekerkert.

Unbedingt hörenswert ist die »Kurzstrecke 60« (DKultur/Autorenproduktionen 2017; Ursendung Mo., 0 Uhr, DKultur) diesmal mit den Stücken »Dorf. Troll« von Dorothea Lachner, »Marxloh« von Marie Eberhardt und »Outside the Laboratory« von Felix Kubin.

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