Aus: Ausgabe vom 21.03.2017, Seite 10 / Feuilleton

Gänge wie Straßen

»Gehen und Bleiben« am Potsdamer Hans-Otto-Theater

Von Anja Röhl
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Man merkt dem Spiel an: Das sind Profis (Alaa Al Haidar und Jalal Mando)

Eine etwas andere Erkundung des aktuellen Flüchtlingsdramas bietet das Stück »Gehen und Bleiben«, das am Freitag im Potsdamer Hans-Otto-Theater uraufgeführt wurde. Thema sind die Beziehungen zwischen Ausgewanderten und deren Freunden und Angehörigen in der Heimat. Eine tragende Rolle spielen die Mittel der modernen Kommunikation. Die Spieler skypen mit Handys und Notebooks, bewegen sich zwischen aufeinandergetürmten Fernsehern und einer Großbildleinwand. Nur dank dieser technischen Hilfsmittel können sie ihre Beziehungen aufrechterhalten.

Links auf der Bühne sitzen oder stehen in einem angedeuteten Wohnzimmer die jeweiligen Angehörigen. Zu ihren Füßen lassen Gräser oder Schilf an einen Garten oder ein Flussufer denken. Rechts stehen zwei Betten in einer Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber, dazwischen Gänge wie Straßen. Die Spieler sitzen zunächst am Rand, laufen dann kreuz und quer über die Bühne, oft gehetzt, setzen sich kurz, schildern ihre Beziehungen oder treten über das Internet in Verbindung mit einem der Zurückgebliebenen.

Zu Beginn erklärt die Israelin Sharon Kotkovsky, 34 Jahre alt, wie wenig man in einem Koffer mitnehmen kann, wenn man sein Land verlässt, und wie man in Deutschland einfach nicht klarkommt, wenn man die Sprache nicht beherrscht. Sie ist aus freien Stücken hier, hat einen Deutschen geheiratet. Als nächster tritt Jalal Mando auf, 26 Jahre alt, aus dem syrischen Homs. Er kann seinen Bruder nicht vergessen, der zwangsrekrutiert wurde und beim Militär ein Auge verloren hat. Das verfolgt ihn bis in seine Träume. Er macht sich Vorwürfe, dass er weggegangen ist, in seiner Erzählung tun sich Abgründe auf. Ähnlich bei einem Liebespaar aus Syrien, das sich nicht mehr berühren und nur noch auf Bildschirmen sehen kann. Sie haben sich immer dasselbe zu erzählen, verlieren jedes Gefühl füreinander.

Die Schauspieler agieren einzeln und erzählen von sich, statt eine Gruppe von Flüchtlingen oder Eingewanderten zu repräsentieren. Das Stück von Maxi Obexer basiert auf Interviews. Die Szenenfolge ist nach Motiven geordnet: die Liebenden, das Geisterschiff, Gletscher, »illegale Helfer«. Das verleiht den Figuren Individualität, macht die Verhandlung der Probleme vielschichtig, manchmal auch witzig. Verzichtet hat Obexer weitgehend auf Schilderungen von Fluchtwegen, Schwerpunkt ist die Zerstörung von Beziehungen. Das Ensemble besteht zum größten Teil aus Darstellern, die in ihren Heimatländern Regie, Schauspiel oder Musik studiert und oft auch schon in diesen Berufen gearbeitet haben. Man merkt dem Spiel an: Das sind Profis.

Zwischenmenschliche Beziehungen sind auch im deutschen Alltag nicht eben leicht zu führen, die Lebensbedingungen fördern die Vereinzelung, das lässt die im Stück verhandelten Fälle exemplarisch erscheinen. Überhaupt muss man das Leben hier und die Kriege im Nahen Osten ja zusammen denken. Das wird im Stück nicht explizit agitatorisch unterstrichen, drängt sich dem Zuschauer aber lebhaft auf.

Unterbrochen und untermalt werden die Szenen durch wunderschöne eindringliche Musik des 31jährigen Komponisten und Musikers Emad Arasteh. Man erlebt da eine sehr moderne arabische Musik. Leider hat »Gehen und Bleiben« (Regie: Clemens Bechtel) im Mittelteil einige Schwächen. Es fehlt hier an dramatischer Verdichtung. Da wird das Stück redundant, zerfasert. Das macht müde und ist ungeheuer schade. Viele beeindruckende und anregende Momente machen die Inszenierung aber dennoch sehr sehenswert.

nächste Aufführungen: 23.3., 2.4., 11.4., 18 Uhr, 8.4., 12.4., 13.4., 19.30 Uhr

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