Aus: Ausgabe vom 20.03.2017, Seite 15 / Politisches Buch

Verteilungskämpfe in Afrika

Tom Burgis beschreibt die sozialen Auseinandersetzungen in verschieden Ländern des Kontinents, zieht daraus aber falsche Rückschlüsse

Von Gerd Bedszent
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Unter der Aufsicht eines Soldaten sucht eine junge Frau nach Goldnuggets (Djoubissi, Zentralafrikanische Republik, 9. Mai 2014)

Investigativer Journalismus, zumal in den zerbröselnden Staaten der kapitalistischen Peripherie, ist kein leichtes Geschäft. Tom Burgis, langjährig als Auslandsreporter für die Financial Times in Afrika tätig, derzeit britischer Radio- und Fernsehkommentator, beschreibt ganz am Anfang des Buches »Der Fluch des Reichtums« seinen eigenen psychischen Zusammenbruch, nachdem er das Gemetzel an Einwohnern eines Dorfes in Zentralnigeria dokumentiert hatte. Dieses schaurige Erlebnis ist kein Einzelfall. Burgis thematisiert in seinem Erstlingswerk zahlreiche Episoden aus den blutigen Verteilungskämpfen, die in den letzten Jahren auf dem schwarzen Kontinent tobten. Und er nennt Profiteure dieser Kämpfe mit Namen.

Bei diesen Konflikten geht es meist um die Kontrolle von Rohstoffvorkommen sowie zugehöriger Vertriebswege – fast die einzige Quelle kapitalistischer Wertschöpfung auf dem heruntergewirtschafteten, von Kriegen und Bürgerkriegen heimgesuchten Kontinent. Durch den Export afrikanischer Rohstoffe machen nicht nur westliche Konzerne Riesengewinne. Indirekt, durch das Erheben von Steuern, durch Schutzgelderpressung und Diebstahl finanzieren sich über diese Exporte auch bürokratische Verwaltungsapparate, nationalstaatliche Armeen, Warlords, Rebellenbewegungen, Schmugglernetzwerke, Gotteskrieger und gewöhnliche Banditen.

Burgis schildert beispielsweise die Geschäfte der postsozialistischen Regierung Angolas, deren privilegierte Angehörige Gewinne aus dem Ölexport ungeniert in die eigenen Taschen stecken. Es folgen Kapitel über die schaurigen Bürgerkriegsgemetzel in der Republik Kongo, wo Bürgerkriegsparteien sich um die Kontrolle von Erzvorkommen streiten. Um Erzvorkommen geht es dann auch in Guinea und in Ghana, um unerschlossene Ölvorkommen und um Erz im Saharastaat Niger. In mehreren Kapiteln über das in Nigeria tobende Bürgerkriegschaos geht es dann wieder um Öl, um grausige Umweltzerstörung und außerdem darum, dass Einfuhren aus China die einheimische Textilproduktion ruinierten.

Ist das Buch chinafeindlich? Ja, aber nicht nur. Burgis thematisiert durchaus auch kriminelle oder zumindest fragwürdige Geschäfte europäischer und südafrikanischer Konzerne sowie die Machenschaften internationaler Glücksritter, Anwaltskanzleien und Söldnerorganisationen. Die logische Schlussfolgerung, dass die chinesischen Newcomer in Afrika nur das fortsetzen, was ihnen die Konkurrenz seit langem vorexerziert hat, findet sich bei ihm allerdings nicht.

Hauptproblem des Buches ist jedoch ein anderes: Burgis sieht in den von ihm beschriebenen kriminellen Exzessen die Folge einer regionalen Fehlentwicklung der ansonsten tadellos funktionierenden kapitalistischen Maschinerie. Und diese Fehlentwicklung besteht bei ihm darin, dass die meisten afrikanischen Staaten es bisher versäumten, eine funktionierende Industrie aufzubauen. Die Folge seien ausschließlich auf Rohstoffförderung basierende »Rentenökonomien«. Der Autor kommt zu dem absurden Schluss, der »Fluch des Reichtums« an Rohstoffen und die daraus zu erzielenden Gewinne seien es, die in Afrika eine wirtschaftliche Entwicklung verhinderten und somit Armut erzeugten.

Eine sehr kurzschlüssige These. Tatsächlich war es der damalige Reichtum an Rohstoffen, der im Spätmittelalter in mehreren Ländern Europas überhaupt eine Entwicklung hin zum Kapitalismus ermöglichte. Und die europäischen Kolonialmächte hatten später gute Gründe dafür, Afrika auf eine Rolle als Rohstofflieferant ihrer eigenen Wirtschaft zuzurichten. Die in den vergangenen Jahrzehnten über den Globus schwappende Welle neoliberaler Strukturreformen sowie zunehmende Auflösung nationaler Ökonomien im Weltmarkt war es dann, die in Afrika die meisten Ansätze nationalstaatlicher Industriealisierungsprogramme erstickten und den Kontinent zum Spielball von Rohstoffkonzernen und anderer krimineller Banden verkommen ließen. Burgis würfelt – bewusst oder unbewusst – in seiner Analyse Ursache und Wirkung permanent durcheinander.

Wenn man seine kruden Erklärungsversuche ignoriert, hat der Autor mit dem Buch allerdings eine beeindruckende Sammlung an Fakten geliefert, die in solch konzentrierter Form selten zu finden sind. Ein Beispiel: Gegen Ende des Buches zitiert der Autor im Zusammenhang mit dem Ausbruch einer Seuche in Westafrika, an der sich auch zwei Entwicklungshelfer angesteckt hatten, einen US-amerikanischen Politiker: »Lasst die Ebola-Patienten nicht in die USA. Behandelt sie, auf Tropenniveau, da drüben. Die Vereinigten Staaten haben genug Probleme!«

»Auf Tropenniveau« ist eine wirklich schöne Umschreibung für die zerbrechende Infrastruktur zerbrechender Staaten. Solch dokumentierte Kurzmeldungen, die schon längst wieder im medialen Orkus untergegangen sind, machen trotz aller theoretischen Defizite das Buch am Ende wichtig. Der zitierte Politiker wurde übrigens kürzlich zum Präsidenten der USA gewählt.

Tom Burgis: Der Fluch des Reichtums. Warlords, Konzerne, Schmuggler und die Plünderung Afrikas, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2016, 351 Seiten, 24 Euro.

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