Aus: Ausgabe vom 18.03.2017, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Männerdämmerung

Wie die Biologie unsere Genderrollen definiert, und wie wir unseren Weg aus dem biologischen Schicksal gestaltet haben

Von Jack Urwin
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Milchpumpen und Milchersatznahrung ebneten auch den Weg für Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Paare

»Männer, habe ich recht?!« wäre der erste Satz meiner hypothetischen Comedy-Show à la Michael McIntyre (britischer Komiker, jW), denn, na ja, Männer, habe ich recht?! Nein, jetzt aber mal im Ernst, was ist mit den Männern los? Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort.

Die männliche Seele – die schließlich eine menschliche ist und so, und Menschen sind die komplexesten, intelligentesten und technologisch fortschrittlichsten Geschöpfe, die je auf der Erde wandelten und so – ist Wissenschaftlern in vielerlei Hinsicht immer noch ein einziges großes Mysterium. Während die Medizin uns zu einem umfassenden Verständnis unseres Körpers und seiner Funktionsweise verholfen hat, ist das menschliche Gehirn in weiten Bereichen immer noch vollkommen unbekanntes Terrain. Selbst auf besser erforschten Gebieten, etwa bestimmten psychischen Erkrankungen, die wir bis zu einem gewissen Maß therapieren können, ist es nicht ungewöhnlich, dass Psychologen zwar wissen, dass eine bestimmte Behandlung funktioniert, aber absolut keine Ahnung haben, warum. Soweit ich es erkennen kann, erfordert die Entwicklung von Medikamenten für die Behandlung des Gehirns sehr viel wissenschaftliches Herumwühlen in den heimischen Kramschubladen, und dann werfen sie, was sie da finden, auf den Patienten, bis irgend etwas zu helfen scheint – Murmeln, Lötzinn, Isolierband – einfach alles, was ihnen in die Hände fällt, bis sie schließlich, wenn es wirkt, murmelnd kundtun, sie glauben, es stimuliere bestimmte Synapsen zur Bildung einer Chemikalie, die sie gerade erfunden haben. So oder so ähnlich.

Wir haben also zwar einige Theorien über Tendenzen von Verhaltensweisen, aber bei weitem nichts Schlüssiges im Sinne von »Wer sich radioaktiven Strahlen aussetzt, bringt sich in Gefahr«. Doch wir können die Dinge ein wenig eingrenzen und sie in Kategorien unterteilen, damit es nicht ganz so kompliziert ist. Es gibt zwei Hauptgebiete, in denen wir den Einfluss auf unsere Genderrollen untersuchen können: Biologie und Soziologie. Gender als soziales Konstrukt wurde historisch sehr stark durch die Dominanz der Biologie geprägt. Das spiegelt es in vieler Hinsicht heute noch wider, auch wenn es dafür, abgesehen von dem schrägen menschlichen Wunsch, an Traditionen festzuhalten, selbst wenn sie unserer Gesellschaft objektiv mehr schaden als Fortschritt bringen, eigentlich keinen Grund mehr gibt.

Biologie und Gender

Die evolutionäre Natur der menschlichen Rasse macht es schwierig, exakt den Punkt zu bestimmen, an dem der Mensch der wurde, den wir heute kennen: Wann wir angefangen haben, die Charakteristika zu zeigen, die uns von den Primaten, die uns vorausgingen, trennen. Anatomisch hat sich der moderne Mensch vor rund 200.000 Jahren entwickelt, aber man geht davon aus, dass wir erst 150.000 Jahre später das Verhalten an den Tag legten, das uns in die Moderne führte – die Wesenszüge, die uns vom vorangegangenen Homo sapiens unterschieden. Im Kontext moderner Männlichkeit ist das alles nicht von besonderer Bedeutung, doch um der Definition willen können wir mit ziemlicher Sicherheit sicher sagen, dass es 50.000 Jahre her ist, dass in der Dämmerung modernen Verhaltens aus den männlichen Primaten Männer wurden.

Es mag seltsam erscheinen, dass ich es erwähne, und dann 49.800 Jahre oder so nach vorn springe, doch diese Epoche ist bedeutsam, weil Gender durch die Natur bestimmt wurde und nicht durch die Gesellschaft. Bis vor 10.000 Jahren lebten die Menschen als Jäger und Sammler, und ihre Rollen wurden allein durch die biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen definiert. Frauen kümmerten sich um die Kinder und suchten nach Nahrung, während die körperlich größeren und stärkeren Männer mit der Jagd betraut waren. Einige der evolutionären Merkmale, die daraus entstanden, sind heute noch vorhanden – etwa dass Frauen mehr Zapfen in der Netzhaut haben, wodurch sie, wie man annimmt, ein schärferes Sehvermögen erlangten, das ihnen beim Sammeln von Früchten und Wurzeln nützlich war. Deswegen glauben manche Menschen, bestimmte Verhaltensweisen wären den Genders als biologische Konditionen angeboren und nicht durch Sozialisation erworben: Aggres­sion und Gewalt, zum Beispiel, gelten als männliche Eigenschaften, weil sie uns womöglich vor langer Zeit einmal bei der Jagd zugutekamen. Testosteron wird oft dafür verantwortlich gemacht, dass diese Art von Verhalten bei Männern vorherrscht, doch die Beweise, die das stützen sollen, sind alles andere als schlüssig. Während unsere körperlichen Eigenschaften (wie Körpergröße) mit großer Wahrscheinlichkeit evolutionär bedingt sind, gibt es wenig, was nahelegt, dass die meisten Verhaltensweisen nicht ein Ergebnis von Erziehung und Gesellschaft wären. Im großen ganzen mag dies unwichtig erscheinen, doch diese sich allein auf die Biologie stützende Theorie kann ernsthaft nachteilige Folgen haben.

Wenn Menschen männliche Aggres­sion als unvermeidlichen Teil unserer Natur verteidigen, ist das für Männer schlicht eine Möglichkeit, sich der Verantwortung für ihr beschissenes Verhalten zu entziehen. Es erlaubt Männern, eine sehr gefährliche Haltung innerlich zu rechtfertigen, schließlich gilt sie als männlich. Und es wischt Zehntausende Jahre menschlicher Evolution vom Tisch, in denen Imperien entstanden und wieder untergingen, sich komplizierte Sprachen entwickelten, unsere Lebensweise sich bis zur Unkenntlichkeit veränderte und die Technik bis zu einem Punkt voranschritt, an dem praktisch alle existierenden Informationen massenweise zur Verfügung stehen und man jederzeit mit einem Menschen auf der anderen Seite der Weltkugel kommunizieren kann. Unsere Gehirne sind gewachsen, wodurch wir unendliches kreatives Potential erlangten, und wir haben die Welt mit Kunst, Musik und Literatur gefüllt, Nahrung von einer Notwendigkeit in eine Form reinen Vergnügens verwandelt, zahllose Krankheiten geheilt oder uns dagegen geimpft, sind auf dem Mond spazierengegangen, haben einen Roboter zum Mars geschickt ... und du hast einem Typen einen Kinnhaken verpasst, weil dein Gehirn ihn für einen kurzen Moment mit einem zotteligen Mammut verwechselt hat?

Diese Argumente dienen in erster Linie fast ausschließlich dazu, Meinungen zu rechtfertigen, die ansonsten schlicht unvertretbar sind. Nehmt den ganz gewöhnlichen »Schwuler Sex ist unnatürlich«-Homophoben und überlegt, wie sein Tag verläuft: Vor Sonnenaufgang wird er vom Wecker aus dem Schlaf gerissen, er steigt in seine Polyesterpantoffeln, steckt zwei Scheiben pappiges Brot in den Toaster, springt in sein Auto, um zur Arbeit zu fahren, sitzt acht Stunden an seinem Schreibtisch, fährt zurück nach Hause und schaltet den Fernseher ein, wo ihm ein Nachrichtenbeitrag über eine schwule Hochzeit ins Haus geliefert wird. »Das ist einfach nicht natürlich«, denkt er, geht ins Bett und stellt sich den Wecker für den nächsten Tag. Die Vorstellung, Homosexualität wäre unnatürlich, erwächst hauptsächlich aus dem Glauben, Sexualität existierte einzig als Mittel zur Reproduktion – und damit jeden heterosexuellen Akt, der keine Schwangerschaft zum Ziel hat, genauso zu verurteilen. Zugegeben, gewisse religiöse Einstellungen gegenüber Menschen, die Vergnügen aus Sexualität ziehen, vertreten diese Position und betrachten alles von Empfängnisverhütung bis hin zu Masturbation als Fluch gegen ihre Bemühungen, fruchtbar zu sein und sich zu mehren, doch solches gilt allgemein eher als antiquierte Vorstellung. Ja, es ist mit allergrößter Wahrscheinlichkeit so, dass unser sexuelles Begehren in dem grundlegenden Instinkt wurzelt, das Überleben unserer Spezies zu sichern – was beinahe zu gut funktioniert hat –, aber unser Verhalten hat sich doch weit darüber hinaus weiterentwickelt. Wir haben – manchmal – Sex, um uns fortzupflanzen, aber viel öfter haben wir Sex, weil es einfach Spaß macht. Wie der Großteil unseres Verhaltens heute hat das nichts mit Natur zu tun, und darum ging es mir bei dem Beispiel mit dem homophoben Büroangestellten: Unser Lebensstil hat nichts, aber auch gar nichts mehr mit dem unserer Jäger-und-Sammler-Vorfahren zu tun, und es ist vollkommen absurd zu behaupten, etwas wäre entweder angeboren und damit Teil unserer unveränderlichen Natur oder eben nicht. 50.000 Jahre sind vergangen, seit wir Menschen das erste Mal die Charakteristika an den Tag legten, die uns als die einzigartig intelligenten Geschöpfe ausweisen, die wir heute sind, und es ist 10.000 Jahre her, seit wir aufhörten, als einfache Jäger und Sammler zu leben, und ihr wollt buchstäblich sämtliche zivilisatorischen Entwicklungen ignorieren und behaupten, wir sollten uns heute so verhalten wie damals?

Die Rechtfertigung dafür speist sich zum Großteil daraus, dass unsere körperliche Erscheinung sich seit damals kaum verändert hat, womit angedeutet wird, diese Rollen wären relevant geblieben – sonst wären Männer im allgemeinen längst nicht mehr größer und stärker als Frauen. Dem steht die Tatsache entgegen, dass die körperliche Evolution ein unglaublich langsamer Prozess ist. Das sieht man schon daran, dass wir immer noch mit einem Blinddarm geboren werden, einem Organ, das nur dazu da ist, sich ab und an zu entzünden und, wenn das unbehandelt bleibt, uns umzubringen. Wissenschaftler können nicht einmal mit Gewissheit sagen, welche Funktion der Blinddarm einst hatte, womöglich diente er der Verdauung bestimmter Blätter, aber das ist bloß eine Theorie. Unser Körper entwickelt sich über viele Jahrtausende, doch unser Verhalten und unsere Ansichten unterliegen schon von einer Generation zur nächsten drastischen Veränderungen. Man muss sich nur unsere sozialen und politischen Ansichten ansehen: Es ist äußerst selten, dass eine Generation konservativer ist als die vorhergehende und infolgedessen auch als die davor. Wenn man sich die gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen des letzten Jahrhunderts ansieht, wird einem schnell klar, dass all das nicht möglich gewesen wäre, wenn die nachfolgenden Generationen nicht progressiver gewesen wären. Das soll nicht heißen, dass nicht hier und da auch immer wieder Konservativismus aufgeblitzt wäre, unvermeidliche Nebenwirkung der Demokratie in einem historischen Zwei-Parteien-System, genau wie Angstmache und die Suche nach Sündenböcken in ökonomisch schwierigen Zeiten. Im Großen und Ganzen aber bewegen wir uns vorwärts. Es geschah sogar unter einem konservativen Premierminister, dass 2013 die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert wurde – fünfundzwanzig Jahre, nachdem seine Partei Section 28 des Local Government Act eingebracht hatte, die dafür gesorgt hatte, dass in Schulen nicht über Homosexualität gesprochen werden durfte. Doch die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe war kaum ein Akt politischen Heldenmuts, sie spiegelte lediglich die Haltung der Mehrheit der Öffentlichkeit wider und zeigte, dass wir selbst unter der Regierung einer weniger traditionellen progressiven Partei nicht unbedingt Rückschritte machen.

Ich erwähne die gleichgeschlechtliche Ehe nicht nur als Beweis dafür, wie schnell Menschen ihr Glaubenssystem und ihr Verhalten ändern können, sondern um zu betonen, wie ungewöhnlich und unbegründet die Vorstellung ist, ein solcher Akt wäre »unnatürlich«. Am häufigsten wird dieses Argument von Menschen vorgebracht, die nicht zugeben wollen, dass sie die Vorstellung von schwulem Sex einfach ein wenig »eklig« finden – im großen und ganzen würden wenige von uns diese Begründung als legitim betrachten. Akzeptanz und Unterstützung für die Rechte Homosexueller ist heute eine durch und durch unradikale Haltung, und ich amüsiere mich regelmäßig, wenn ich sehe, dass Organe, die früher für ihre Homophobie oder Misogynie kritisiert wurden, die Regenbogenflagge hissen. Homosexuelle findet heutzutage jeder cool, sie sind genau wie wir! Sie sind normal! Sie sind nicht unnatürlich! Und warum glauben dann immer noch so viele Menschen, dass Gender auf der Arbeit und zu Hause eine so unflexible Rolle spielt?

So liberal wir heute auch sein mögen, und so viele Beweise ihr auch für das Gegenteil vorbringen mögt, Tatsache ist, dass der größte Teil der westlichen Gesellschaft immer noch die Kleinfamilie favorisiert, der ein Mann als Haupternährer vorsteht, während von der Frau erwartet wird, die Mutterschaft über alles zu stellen. Die Debatte darüber, ob Frauen eine erfolgreiche Karriere und eine Familie haben können, wird von der allgemeinen Phrase »alles haben« bestimmt, und die bezieht sich immer auf Frauen. Strukturelle Hürden, die sowohl Männer als auch Frauen betreffen, sorgen dafür, dass es in den meisten Familien nach wie vor so ist: In Haushalten mit nur einem Einkommen bedeutet das geschlechtsspezifische Lohngefälle, dass es finanziell nicht sinnvoll ist, wenn die Frau die Alleinverdienerin ist, denn sie bringt nicht so viel Geld nach Hause wie ein Mann, der dieselbe Arbeit tut. In vielen Ländern resultieren weitere Anreize für Mütter, sich – statt der Väter – in erster Linie um die Kinder zu kümmern, aus Ungleichheiten im Gesetz: Der gesetzliche Mutterschaftsurlaub ist in der Regel viel großzügiger als der Vaterschaftsurlaub, und auch wenn in den letzten Jahren einiges unternommen wurde, um diese Ungleichheit zu beseitigen, ist es für Väter immer noch viel schwerer, wenn sie zu Hause bleiben und sich vorrangig um ihre Kinder kümmern wollen.

Das hat weitere, tiefgreifende Folgen für die Gendergleichheit. Besonders in Ländern mit gesetzlich geregeltem Mutterschaftsurlaub übergehen sexistische Arbeitgeber, die fürchten, die Frauen könnten schwanger werden und die Firma dann Zeit und Geld kosten, Frauen routinemäßig bei der Neubesetzung freier Stellen. In den meisten Ländern sorgen Antidiskriminierungsgesetze dafür, dass so etwas im allgemeinen gesetzeswidrig ist, aber es kann schwer zu beweisen sein, dass die Entscheidung des Arbeitgebers, keine Frau einzustellen, dadurch motiviert war.

Der Weg aus dem Schicksal

Im Zuge der Veränderungen der Genderrollen in den letzten sechzig oder siebzig Jahren haben mehr Frauen einen Beruf ergriffen und sich allmählich auch in Führungspositionen hochgearbeitet, die zuvor nur Männern vorbehalten waren. Finanziell haben Männer immer noch bedeutend mehr Macht, aber immer häufiger sehen wir, was einst undenkbar gewesen wäre: Haushalte und Partnerschaften, in denen Frauen die Hauptverdienerinnen sind. Das bietet den Männern eine Gelegenheit, die ihnen in der Vergangenheit selten offenstand: Sich in erster Linie um ihre Kinder zu kümmern.

Dies ist eines der zentralen Beispiele dafür, dass die Biologie bei Genderrollen inzwischen überflüssig ist. Es stimmt zwar, dass ihre Körpergröße und ihre Kraft früheren Männern einen Vorteil als Jäger verschaffte, doch Frauen hätten, auch wenn sie von Natur aus zierlicher sind, durchaus auch die Muskelkraft entwickeln können, die notwendig war, um ihre Beute zu erlegen, wenn sie die Chance bekommen hätten. Männer dagegen hätten nicht die Aufzucht der Kinder übernehmen können, denn sie können keine Milch produzieren. Und so war für den größten Teil der Geschichte festgeschrieben, dass Genderrollen nicht davon bestimmt wurden, was Frauen gekonnt hätten, sondern davon, was Männer nicht konnten. Es ist die grausamste Ironie, und noch heute leiden Frauen unter dem, was man tatsächlich ihre biologische Überlegenheit nennen könnte. Doch das muss nicht sein.

Das Ammentum hat eine lange Tradition: Mütter, die ihre Kinder nicht stillen konnten oder wollten, haben sich Ammen genommen. Doch dank der Entwicklung von Milchpumpen und Milchersatznahrung sind Säuglinge nicht mehr auf den direkten Zugang zu Milchdrüsen angewiesen. Es sind relativ simple Erfindungen, doch sie erlauben Männern, die Rolle der Hauptbezugsperson für die Kinder zu übernehmen, und geben Frauen die Gelegenheit, unmittelbar nach der Geburt zur Arbeit zurückzukehren. Sie haben damit quasi auch den Weg für Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Paare geebnet (auch wenn noch viele Jahrzehnte vergingen, bis es sozial akzeptiert und vom Gesetz legalisiert wurde). Nachdem Genderrollen über Hunderttausende von Jahren durch die Biologie erzwungen worden waren, war das einzige körperliche Hindernis, das verhinderte, dass ein Vater seine Kinder großziehen konnte, damit aus dem Weg geräumt worden. Mit diesen Erfindungen haben wir uns aus einer biologisch erzwungenen Struktur gelöst. Ist euch klar, wie verdammt geil das ist? Leck mich, Mutter Natur, du bist eh nicht meine richtige Mama!

Gesellschaftlich haben wir noch einen langen Weg vor uns, aber Haltungen können sich sehr viel schneller verändern als Körper. Die Auswirkungen sind erst seit zwei oder drei Jahrzehnten sichtbar, doch es ist deutlich, dass jedes Jahr mehr Männer lernen, ihre Vaterrolle anzunehmen und ihre Kinder großzuziehen – und aus irgendeinem Grund scheint es, als bekäme jeder einzelne eine Zeitungskolumne, um sich darüber auszulassen. (Im Ernst, mehr braucht es nicht? Denn wenn ich dann für lukratives Honorar regelmäßig für die Zeitung schreiben darf, werde ich auf jeden Fall ein Kind in die Welt setzen.) Es scheint auch Auswirkungen auf die allgemeine Haltung zur Vaterschaft zu haben, denn selbst Väter, die Vollzeit arbeiten, unternehmen heutzutage größere Anstrengungen, gute Bindungen zu ihrem Nachwuchs aufzubauen. Es bedarf keiner weiteren Erläuterung, dass das einen positiven Effekt auf unsere Vorstellung von Männlichkeit hat und eine entscheidende Rolle dabei spielen wird, wie Genderrollen in einer – für uns alle besseren – Zukunft aussehen werden. Oder wenigstens aussehen könnten. Wir haben die körperliche Hürde genommen, doch solange wir uns nicht mit den sozialen Fragen befassen, bekommen nur wenige Männer so eine Gelegenheit, und das ist eine Tragödie.

Jack Urwin wurde 1992 in Loughborough (UK) geboren und studierte Journalismus in London. Er arbeitete als Promoter für verschiedene Musik­labels und schreibt für diverse Kultur- und Lifestylezeitschriften, u. a. McSweeney’s und Vice, über Politik, psychische Gesundheit und Genderthemen. Urwin lebt derzeit in Toronto, Kanada.

Bei der Edition Nautilus ist kürzlich sein Buch »Boys don’t cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit« erschienen, dem der hier leicht gekürzt abgedruckte Auszug entnommen ist. (jW)

Jack Urwin: Boys don’t cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit. Aus dem Englischen von Elvira Willems. Edition Nautilus, Hamburg 2017, 232 Seiten, 16,90 Euro

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