Aus: Ausgabe vom 04.03.2017, Seite 12 / Thema

Reaktionäre Aktion

Auf der Jahreskonferenz rechter Organisationen in den USA, der CPAC, erklärte Donald Trump die Medien zu »Volksfeinden«. Die Veranstalter bereiteten schon seit Jahren die politische Wende im Land vor

Von Jürgen Heiser
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»Ich möchte Teil einer konservativen Jugendbewegung sein, weil Sozialismus ätzend ist.« Mitglieder der Organisation »Turning Point USA« auf der »Conservative Political Action Conference« am 23. Februar in National Harbor, Maryland

Die Regierung des US-Präsidenten Donald Trump verfolgt mit ihren Attacken auf die Medien des Landes das Ziel, sie nach dem Gusto einer sich neu formierenden ultrakonservativen politischen Elite zuzurichten. Dieser Umgang mit der »Freiheit der Presse« erreichte am Freitag vor einer Woche, während der »Conservative Political Action Conference« (CPAC), dem jährlichen Hochamt der Ultra- und Neokonservativen in den USA, ihren Höhepunkt.

Nicht zufällig brach Trump in seinem eskalierenden Streit mit den Medien ausgerechnet am letzten Abend der CPAC-Konferenz mit der jahrzehntelangen Tradition seiner Vorgänger und sagte seine Teilnahme an der Dinnerparty der im Weißen Haus akkreditierten Presse ab. Gemeinsam mit der politischen Elite Washingtons feiert sich das Pressekorps schon seit 1921 jährlich am Abend des letzten Samstags im April bei Gourmetspeisen und launigen Reden. Wie bei Trump üblich, zwitscherte er seine Entscheidung am vergangenen Samstag gegen 23 Uhr (Ortszeit) über den Kurznachrichtendienst Twitter in die Welt. »Bitte richten Sie allen meine guten Wünsche aus und haben Sie einen tollen Abend!« bat er die Gastgeber von der »White House Correspondents’ Association« (WHCA). Eine Begründung für seine Absage suchten die Adressaten vergeblich. Als Jeff Mason, der Präsident der WHCA, tags darauf erklärte, beim Galadinner am 29. April sollten »der erste Zusatzartikel zur Verfassung und die bedeutende Rolle unabhängiger Nachrichtenmedien in einer gesunden Republik« gewürdigt werden, schien klar, warum der amtierende Präsident seine Teilnahme abgesagt hatte. Er wollte nicht schon wieder öffentlich dafür kritisiert werden, dass er sich in letzter Zeit auf die »fake news media«, die »Falschnachrichten-Medien« eingeschossen hat.

Erklärte Gegner

Der kurzen Erklärung waren eine Woche zuvor scharfe Angriffe vor allem auf die New York Times und CNN vorausgegangen. Per Twitter hatte Trump am 17. Februar verbreitet, diese »Fake News Media« würden wissentlich nicht die Wahrheit sagen und seien deshalb »eine große Gefahr für unser Land« – ohne zu begründen, warum. Am Freitag, dem 24. Februar, kam es dann zum bislang größten Affront: Sean Spicer, Pressesprecher des Weißen Hauses, begrenzte sein tägliches Briefing auf eine intime Runde mit ausgewählten Journalisten. Medien wie New York Times, Politico, The Hill, Buzz Feed, New York Daily News, Los Angeles Times und Sendern wie CNN, ABC, CBS, NBC und sogar der »guten alten Tante« BBC blieb der Presseraum verschlossen. Auch hier keine Begründung, aber allen Ausgesperrten war sofort klar, dass sie abgestraft wurden, weil sie in den vergangenen Wochen unter Bezug auf anonyme Quellen immer wieder kritisch über die Regierung berichtet hatten.

WHCA und andere Medienorganisationen kritisierten den Vorfall scharf. Das sei eine klare Eskalation, erklärte laut Politico Carlos Lauria vom internationalen »Komitee zum Schutz von Journalisten«. Trumps »hitzige Rhetorik« ziele darauf ab, die Arbeit der Medien in den USA zu untergraben. Gleichzeitig ermutige dieses Verhalten »autokratische Führer in aller Welt«, war Lauria überzeugt. Sarah Sanders, stellvertretende Sprecherin des Weißen Hauses, hielt dem in einer E-Mail schlicht entgegen, man habe lediglich »einen Pool von Journalisten« eingeladen, durch den auch alle anderen informiert würden. Denen habe man noch »ein paar Leute« hinzugefügt, das sei »schon alles«.

Doch. Da steckte mehr dahinter. Denn dieser Vorfall war bezeichnend, weil die »paar Leute«, die man »hinzugefügt« hatte, zwar von Vertretern wesentlich kleinerer, aber der Regierung äußerst wohlgesonnener rechter Medien waren, die gar nicht im Weißen Haus akkreditiert sind. Darunter die Nachrichten- und Meinungswebsite Breitbart News, die sich zum Portal der neuen Rechten entwickelt hat, und der konservative Kabelsender One America News Network. Und die waren nicht ganz zufällig ausgewählt worden. Ihre Reporter kamen nämlich von einer mehrtägigen Konferenz, die nur einen Steinwurf entfernt von den Schaltzentralen der Macht in Washington D.C. stattfand: Vom 22. bis 25. Februar war das nach außen gut abschirmbare »Gaylord National Resort & Convention Center« in National Harbor (Maryland) zum wiederholten Male Veranstaltungsort der besagten CPAC. Auf dieser jährlichen »Konservativen Politischen Aktionskonferenz« treffen sich die Erzkonservativen in der Republikanischen Partei und Mitglieder einer wachsenden Zahl von politisch weiter rechts angesiedelten Gruppierungen und Organisationen, um ihre aktuellen Strategien zu diskutieren.

Waffenlobby zahlt

In diesem Kreis war der Immobilientycoon Donald Trump seit 2011 systematisch zum Kandidaten für das Präsidentenamt aufgebaut worden, ohne dass die Öffentlichkeit davon Notiz genommen hätte. Hinter der CPAC standen ursprünglich kleine Zirkel machtorientierter Kräfte in Politik, Wirtschaft und Militär. 2008 empfanden sie die Wahl des »schwarzen Liberalen« Barack Obama als den berühmten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Initiatoren der Konferenz hatten sich schon viel länger geschworen, eine Machtbasis zu schaffen, die es ihnen mittel- bis langfristig ermöglichen sollte, das scheinbar monolithische Zweiparteiensystem der USA zu zerschlagen. »Demokraten, Liberale und Linke« sowie kompromisslerische Republikaner sollten der eigenen freien Machtentfaltung nicht länger im Wege stehen.

Ins Leben riefen die CPAC 1973 die »American Conservative Union« (ACU) und die »Young Americans for Freedom« (YAF), mehr als hundert rechtskonservative Organisationen aus allen Teilen der USA nehmen an ihr Teil. Zunächst hatte die ACU Konservative zusammengebracht, denen die politische Linie der Republikanischen Partei zu liberal erschien. Die von der ACU und ihrem resoluten Vorsitzenden Matthew Schlapp inszenierten Aktionskonferenzen wurden zunächst regional in verschiedenen Landesteilen der USA veranstaltet. Seit 2010 sponserten die John Birch Society, eine antikommunistische Frontorganisation des Kalten Krieges, und das Komitee »Goproud« die CPAC. Unzufriedene der »Grand Old Party« (GOP), wie die Republikanische Partei auch genannt wird, hatten »Goproud« gegründet, um stärker für freie Märkte und Steuersenkungen einzutreten. Auch schwule und lesbische Konservative sahen in dem Komitee ein Forum für ihre Belange.

Als Trump auf der CPAC 2011 in Orlando (Florida) zum ersten Mal zu erkennen gab, dass er bereit sei für das Präsidentenamt, hatte »Goproud« seinen Auftritt eingefädelt und sich nach seiner Rede beim »Presidential straw poll«, einer Probeabstimmung der Konferenzteilnehmer, wen sie zum Präsidenten küren würden, für den Immobilientycoon ausgesprochen. »Goproud«-Mitbegründer Cristopher R. Barron unterstützte dann 2016 dessen Wahlkampf, unter anderem mit der Kampagne »LGBT for Trump«, in der sich lesbische, schwule, bi- und transsexuelle Konservative für den Präsidentschaftskandidaten stark machten.

Trumps Rede auf der Konferenz im Jahr 2011 wird heute als Beginn seiner seitdem forcierten politischen Karriere in der Republikanischen Partei angesehen. Diese und weitere seiner Ansprachen auf der CPAC enthielten bereits die zentralen politischen Elemente seines Wahlprogramms, das er nun als Amtsträger umzusetzen beabsichtigt. Sie sind alle im Internet verfügbar, und wer sie sich anhört, fragt sich unweigerlich, warum sich die westliche Welt über Trumps Durchmarsch bei den Vorwahlen und seinen Wahlsieg wunderte. »It's all been there«. Man hätte sich nicht davon einlullen lassen sollen, dass der Clinton-Clan und seine weltweiten Verbündeten den Sieg Hillary Clintons als Nachfolgerin von Barack Obama quasi wie eine »Vorsehung« inszenierten.

So aber konnten die in der CPAC versammelten Pro-Trump-Kräfte relativ ungestört ihre Netze weiter spinnen und ihr Konferenzmotto von 2016 in die Tat umsetzen: »Unsere Zeit ist gekommen«.

Das Sammelbecken der »wahren Konservativen« brachte über die Jahre die rechte Basis mit Repräsentanten aus den Spitzen der Politik zusammen: Ronald Reagan, Pat Buchanan, Newt Gingrich, Ron Paul, Mitt Romney und der heutige Vizepräsident Mike Pence waren alle da und hielten Reden. George W. Bush, dessen »Präsidentenmacher« Karl Rove und die ehemaligen Mitglieder des Kriegskabinetts von 2001 nutzten das Forum ebenso wie die führenden Köpfe der Tea-Party-Bewegung und einige der gescheiterten Kandidaten aus dem letztjährigen Vorwahlkampf der Republikaner.

Die »Aktionskonferenzen« werden seit Jahren propagandistisch und finanziell von mächtigen Lobbyorganisationen wie der »National Rifle Association« (NRA) unterstützt. Die US-amerikanische Waffenindustrie sucht dort den Schulterschluss mit privaten Waffennarren, rechten Milizen und den nicht weniger mächtigen Berufsvertretungen von Polizisten und sonstigen Beamten des Sicherheitsapparats.

Mit besonderem Augenmerk auf die Schaffung einer »konservativen Jugendbewegung« an den US-Hochschulen tritt auf den Konferenzen seit Jahren die Organisation »Turning Point USA« (TPUSA) auf. Sie machte Ende 2016 mit ihrer »Professor Watchlist« Schlagzeilen, mit der sie kritische, liberale und linke Hochschullehrer an den Pranger stellt (siehe jW-Thema vom 19. Januar 2017). TPUSA gehört zu dem wachsenden Netzwerk intellektueller Kreise, die sich als harmlose »patriotische« Bürger ausgeben, in Wahrheit jedoch eine ultrarechte Ideologie vorantreiben, um in den Vereinigten Staaten eine Trendwende hin zum »Turning Point« einzuleiten.

Bedeutend war für die CPAC von Beginn an die mediale Unterstützung durch reaktionäre Medien wie den Sender Fox, die Washington Times und das Onlinemagazin Breitbart News, dem Sprachrohr von Stephen Bannon, heute Trumps Chefberater im Weißen Haus. Breitbart News hatte der ehemalige Investmentbanker Bannon gekauft, zur Plattform für die neue Rechte gemacht und vier Jahre lang geleitet. 2016 hatte er als Wahlkampfmanager die Werbetrommel für Trump gerührt und dafür die Netzwerke der extremen Rechten eingebunden.

»Krieg gegen die Medien«

Auf der diesjährigen Konferenz prangte die Parole »We the People. Reclaiming Americas Promise« über der Bühne. In Anlehnung an die ersten drei Worte der US-Verfassung zielte der Slogan »Wir, das Volk. Das amerikanische Versprechen einfordern« auf den »Washingtoner Sumpf« (nach Lesart der CPAC der Filz aus »Liberalen« und Demokratischer Partei). Gefordert wird, »Amerika« endlich wieder »groß« zu machen und das Versprechen, »Land der Tapferen und Freien« zu sein, einzulösen. Darüber hielten aus Trumps Team seine Beraterin Kellyanne Conway (Schöpferin des Begriffs »alternative Fakten«), Bildungsministerin Betsy DeVos, Stabschef Reince Priebus und Vizepräsident Mike Pence Ansprachen auf der Bühne. Einen Tag vor dem Auftritt des Präsidenten am 24. Februar sprach Bannon. Er stimmte den mit mehreren tausend Enthusiasten gefüllten »Potomac Ballroom«, einen gigantischen Konferenzsaal, gebührend auf die Rede Trumps ein. Bannon hatte sich seit der Amtseinführung in der Öffentlichkeit zurückgehalten, um Kritikern der Regierung nicht noch weitere Vorlagen zu liefern. Selbst bürgerliche Medien bezeichneten ihn als »extremen Anhänger des weißen Überlegenheitsdenkens«. Das Magazin Slate verurteilte Trumps Entscheidung, Bannon auch noch zum ständigen Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats zu machen. Einen solchen Protagonisten der neuen Rechten in ein Gremium zu schicken, in dem über Krieg und Frieden entschieden werde, sei »rechtswidrig«.

Auf der CPAC jedoch befand sich Bannon in sicherer Umgebung und redete Tacheles. Der Präsident halte seine Wahlversprechen, er habe schon geliefert und werde weiter liefern. Der »Krieg gegen die Medien«, die sich als »globalisierte Konzerne« der »ökonomisch-nationalistischen Agenda« der neuen Regierung hartnäckig entgegenstellten, werde »noch schlimmer werden«, drohte Bannon. Und an das Auditorium gerichtet: »Wenn ihr dachtet, dass die euch euer Amerika ohne Kampf zurückgeben, dann liegt ihr leider völlig falsch.«

Der Freitag war dann der große Tag der Konferenz. Trumps Tag. Als erster Präsident seit Ronald Reagan im Jahr 1981 besuchte Trump gleich zu Beginn seiner Amtszeit die Konferenz. Nicht als »Spalter«, wie er zu Zeiten des Vorwahlkampfs von nicht wenigen Republikanern beschimpft wurde, sondern als derjenige, der die Einheit der Partei wiederherzustellen vermag, wird er von den meisten Teilnehmern der CPAC gesehen. Deswegen erwartete die Menge ihn wie einen Superstar. Moderator Lou Dobbs vom Sender Fox stimmte das Publikum auf den Auftritt ein: »Ist das hier nicht ein wunderbarer, ein glorreicher Morgen für Amerika?« Dieser historische Moment sei aufregend. »Und wir sind Teil davon. Wir sind jetzt alle aufgefordert zu handeln. Ich zweifle nicht daran: Wir werden diese Republik verteidigen. Ich vertraue auf euch. Wir werden ihm folgen – auf der richtige Seite der Geschichte!«

Während zur gleichen Zeit Pressesprecher Spicer im Weißen Haus akkreditierte Medien von seinem Morgenbriefing ausschloss, bekräftigte der US-Präsident auf der CPAC-Bühne seine Vorwürfe gegen ebendiese. Sie verbreiteten falsche Nachrichten und seien »Volksfeinde«. Unter tosendem Beifall verspottete Trump den Sender CNN als »Clinton News Network«. Junge Leute im Publikum, viele mit »Turning Point USA«-T-Shirts, skandierten frenetisch »Sperrt sie ein! Sperrt sie ein!« Eine Stimmung wie zu Wahlkampfzeiten. Dank der für sie verbilligten Konferenztickets von »nur« 85 US-Dollar machten Studenten einen beträchtlichen Teil des Publikums aus.

Trump war in seinem Element und kündigte an, er werde dafür sorgen, dass die Medien sich für ihre Berichterstattung künftig nicht mehr auf Insiderquellen stützen dürften, ohne deren Namen offenzulegen. Eine Ankündigung, in der die attackierten Medien die Gefahr eines massiven Eingriffs in die Pressefreiheit und in ihr verbrieftes Recht auf Quellenschutz sehen. Käme Trump damit durch, würden Whistleblower keine Informationen mehr herausrücken. Im Konferenzsaal störte sich daran indes niemand. Im Gegenteil. Trumps Mantra »Fake news« grassierte auf der Konferenz wie kein zweites. Im Tagungsprogramm tauchte der Begriff immer wieder auf, beispielsweise im Titel eines Vortrags zum Thema »Falsche Klimanachrichten als Tarnung für eine antikapitalistische Agenda und was Präsident Trump dagegen zu tun gedenkt«.

Nach der Konferenz erklärte John Dean, ehemaliger Berater des republikanischen Präsidenten Richard Nixon (1969–74), im Interview mit dem im nichtkommerziellen Rundfunk ausgestrahlten Politmagazin Democracy Now!, sein früherer Chef habe sicher kein besseres Verhältnis zur Presse gehabt als Trump. Nixon habe sich aber nur hinter verschlossenen Türen abfällig über die Medien geäußert. »Trump hingegen greift geradeheraus den ersten Zusatzartikel der Verfassung an, der einer unserer wichtigsten ist, weil er die Meinungs- und Pressefreiheit schützt«, sagte Dean. Dass der Präsident nach jeder Berichterstattung, die ihm missfalle, Autoren als »Volksfeinde« beschimpfe, sei aberwitzig. Er versuche, die Presse zu beherrschen, indem er sie von den Höhen »seiner Tyrannenkanzel im Oval Office« einschüchtere.

Von altem Schrot und Korn

Die schreibende Zunft der bürgerlichen Medien in der BRD sieht sich von den Vorgängen in den Vereinigten Staaten kaum weniger bedroht als ihre US-Kollegen. Doch in vielen Kommentaren ist nicht Trump mit seinem »proletenhaften Auftreten«, wie der Spiegel schreibt, der »böse Mann im Weißen Haus«. Vielmehr sei »der Populist« Stephen Bannon »jetzt der gefährlichste Mann Amerikas«. Ob sich »die graue Eminenz Bannon denn stoppen« lasse, grübelte Carsten von Nahmen in einem Kommentar der Deutschen Welle am 24. Februar. Schließlich sei es vor allem Trumps Chefberater, der »die altehrwürdige Republikanische Partei – und letztlich den amerikanischen Staat – grundlegend umkrempeln« wolle. Der sehe im Präsidenten nur ein »Instrument« für diesen Umbau, gestützt auf die »nationalistische Bewegung«, die sich »in den letzten Tagen am Rande der Hauptstadt«, nämlich auf der CPAC, getroffen habe. Bannon selbst hat übrigens kein Problem mit dem Begriff »nationalistisch«, er bezeichnet sich als »ökonomischen Nationalisten«. Und die Kritik, in Trump ein »Instrument« zu sehen, bezieht sich auf ein Interview der US-Zeitschrift Vanity Fair, in dem der Chefstratege sagte, der Präsident sei »ein grobes Werkzeug in unserer Hand«, also in der Hand der neuen Rechten.

Das alte Dilemma des bürgerlichen Journalismus zeigt sich hier: Bestimmte Entwicklungen in Politik und Geschichte werden Einzelpersonen zugeschrieben, anstatt das Handeln einer elitären Clique oder politischen Strömung nach ihrer Klassenlage und ihren Interessen zu beurteilen. Da ist der seit Jahrzehnten inhaftierte US-Journalist Mumia Abu-Jamal analytischer und näher an der Realität. Für ihn stehen Trump und Co. »für eine aussterbende Generation von Menschen, die sehen, wie ihre überkommene Lebensweise dahinscheidet«. Zeternd und um sich schlagend versuchten sie, den Lauf der Zeit aufzuhalten. Bannon als die »graue Eminenz« hinter Trump zu sehen oder ihn zum »gefährlichsten Mann Amerikas« aufzubauschen, scheint vermessen. Der ist wahrscheinlich für Trump genauso ein »Werkzeug« wie umgekehrt, und er ist nur ein Chefberater, für den jeder Tag im Weißen Haus der letzte sein kann, wenn er nicht mehr gebraucht wird.

Da gibt es weitaus bedeutendere Figuren. Bannon kann die nationalistische Basis mobilisieren, aber sein Wort wird niemals Gesetz sein. Da ist ein Ultrakonservativer von altem Schrot und Korn wie Jeff Sessions von ganz anderem Kaliber. Ihn bewundert Trump seit vielen Jahren geradezu ehrfürchtig, und machte ihn mit der Ankündigung, hier komme der »legendäre Jeff Sessions«, zum neuen Justizminister der USA. Als der Präsident zu Beginn seiner Amtszeit sofort begann, seine nationalbornierte »America First!«-Agenda umzusetzen, trugen die Dekrete zwar seine Unterschrift, aber Sessions hatte auf jedem einzelnen »seine Fingerabdrücke hinterlassen«, wie die Washington Post schrieb. Der Attorney General, so die US-amerikanische Bezeichnung für das Amt, der seine politischen Ideen schon sehr lange als stiller Hinterbänkler im Senat kultivierte, ist seit der Rückeroberung der politischen Macht durch die von Trump halb geschobenen, halb in die Schlacht geführten Republikaner zu einem wichtigen Faktor im neuen Washington geworden. Seine Ideologie wird von einer Abneigung gegen all das angetrieben, was er »seelenlose Globalisierung« nennt. Ein Begriff, den auch die neue Rechte verwendet, die damit die Bedrohung der Vereinigten Staaten durch Freihandel, »Fesselung« infolge internationaler Allianzen und Verträge sowie die Einwanderung sogenannter Nichtweißer meint. »Jeff war einer meiner frühesten Unterstützer«, erklärte Trump vor der Presse. »Und die Tatsache, dass er von allen in Washington D.C. und im Land so außerordentlich respektiert wird, war ein enormer Vorteil für mich während der Wahlkampagne.«

Sessions nahm starken Einfluss auf die erste Arbeitswoche des Präsidenten. Wie ein plötzlich hereinbrechendes Unwetter sollte Dekret auf Dekret folgen und zeigen, dass Trump seine Wahlversprechen hält. Der Justizminister drängte auf »Schock und Ehrfurcht« gebietende Maßnahmen des Präsidenten, die den US-Kongress durchschütteln, Trumps Anhänger beeindrucken und seine Kritiker unvorbereitet treffen sollten.

Nicht lockerzulassen und zuzuschlagen, auch wenn man abgelehnt wird, gehört zu Sessions’ Erfahrungsschatz. 1986 war dem Juristen wegen früherer rassistischer Äußerungen die Berufung zum Bundesrichter in Alabama versagt worden. Er habe laut das »N-Wort« benutzt und den Ku-Klux-Klan immer »okay« gefunden, bis er herausfand, dass auch dessen Mitglieder Marihuana rauchten, schrieb die Washington Post. Im damaligen öffentlichen Streit um seine Richterberufung hatte die New York Times aus einem Brief der Bürgerrechtlerin Coretta Scott King, der Witwe des ermordeten Martin Luther King, zitiert: »Mr. Sessions hat die einschüchternde Autorität seines Amtes in einem schäbigen Versuch benutzt, um ältere schwarze Wähler einzuschüchtern und ihnen Angst einzujagen. Für dieses verwerfliche Verhalten sollte er nicht mit dem Bundesrichteramt belohnt werden.« Er wurde es nicht, und so schlug er den Weg als republikanischer Senator des Südstaats Alabama in den US-Kongress ein.

2007 bezeichnete das Wochenmagazin National Journal Sessions als einen »der fünf konservativsten US-Senatoren«. Als Irak-Krieg- und Folterbefürworter, Migranten- und Abtreibungsgegner war er immer zur Stelle. Er verurteilt die gleichgeschlechtliche Ehe und hält bis heute die Bedrohung unseres Planeten durch den Klimawandel für »liberale Spinnerei«. Die US-Erdöl- und Erdgasindustrie dankte ihm diese Haltung über die Jahre mit 400.000 US-Dollar Spenden. Nach wochenlangem öffentlichen Streit über seine Nominierung, gegen die sich in einem offenen Brief auch mehr als 1.400 Juraprofessoren ausgesprochen hatten, bestätigte ihn der US-Senat am 8. Februar im Amt des Justizministers, der in den USA auch gleichzeitig Generalstaatsanwalt ist. Seitdem wacht er über Recht und Gesetz des Landes. Er, von dem die Washington Post schrieb, er sei der »intellektuelle Pate von Trumps hartem Kurs«, ist ein gutes Beispiel für die politischen Triebkräfte einer Entwicklung, über die Bannon auf der CPAC sagte: »Was wir gerade erleben, ist die Geburt einer neuen politischen Ordnung.«

Jürgen Heiser schrieb an dieser Stelle zuletzt am 19.1. über rechtskonservative Websites in den USA und deren Feldzug gegen fortschrittliche Professoren.

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