Aus: Ausgabe vom 28.02.2017, Seite 7 / Ausland

Kein Frieden für die Bauern

Landarbeiter protestieren gegen Zerstörung von Kokafeldern in Kolumbien. Programme für alternative Bewirtschaftung gefordert

Von Jan Schwab
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Kokabauern demonstrieren am 28. Januar in Popayán gegen die Politik der Regierung

In Kolumbien hat die Basisgewerkschaft der Koka- und Marihuanabauern Coccam am vergangenen Dienstag ihre Mitglieder in der Provinz Nariño im Süden des Landes zu einem unbefristeten Streik aufgerufen. Seither prägen tägliche Straßenblockaden und Mahnwachen das Bild in der Agrarprovinz. In der Hauptstadt Tumaco con Pasto demonstrierten am vergangenen Donnerstag 1.200 Bauern gegen die Zerstörung ihrer Plantagen durch das Militär und für eine freiwillige Substitutionspolitik, wie sie in den Friedensverträgen von Havanna zwischen der marxistischen FARC-Guerilla und der Regierung in Bogotá vereinbart worden war. Die Behörden setzten die berüchtigten Aufstandsbekämpfungseinheiten Esmad gegen die Streikposten und Blockierer ein. Mit Tränengas, Gummigeschossen und Schlagstöcken gingen die Beamten gegen die demonstrierenden Landarbeiter vor. »Die nationale Regierung muss sofort die gewalttätigen Ausrottungsaktionen einstellen, weil keine Alternativen zur ökonomischen Entwicklung in diesen Gebieten existieren. Wir sind Opfer des Vergessenwerdens durch den Staat«, heißt es in einem von der Coccam am Samstag veröffentlichten Statement.

Kolumbien gilt nach wie vor als Hauptproduzent der Kokapflanze, noch vor dessen Nachbarländern Ecuador und Peru. Laut einem im Juli 2016 veröffentlichten Untersuchungsbericht des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) hat sich seit der Verringerung der militärischen Aktivitäten im Zuge der Friedensverhandlungen, die Kokaproduktion nahezu verdoppelt. Diese wird mehrheitlich von Kleinbauern betrieben, so dass insgesamt 60.000 Familien in Kolumbien vom Anbau der Pflanze abhängig sind. Er ist attraktiv, da es wenig Konkurrenz in Form von größeren Unternehmen gibt. Im Unterschied zu Obstkulturen existiert zudem eine feste Abnehmerschaft mit geringem Risiko. Außerdem ist die Infrastruktur in ländlichen Teilen Kolumbiens so schlecht ausgebaut, dass andere Nutzpflanzen schon während des Transports verderben und nicht mehr auf den Märkten abgesetzt werden können. Die Region Nariño an der Grenze zu Ecuador gilt UN-Berichten zufolge als eines der Schwerpunktgebiete der Kokaproduktion in Kolumbien.

In der Vergangenheit hatten kolumbianische Regierungen im Zeichen des von den USA ausgerufenen »Krieges gegen die Drogen« den Kokaanbau teilweise unter Anwendung von militärischer Gewalt radikal bekämpft. Im Rahmen des 1999 von der Pastrana-Regierung mit den USA vereinbarten »Plan Colombia« stimmten beide Länder ein gemeinsames Vorgehen gegen die im Land aktiven Guerillagruppen und gegen einen Teil der Drogenkartelle ab. Zum Einsatz kamen neben Soldaten, die die Felder in Brand setzten, auch Herbizide, u.a. Glyphosat, die aus Helikoptern und Flugzeugen über Plantagen abgeworfen wurden. Letzteres hat die Regierung des derzeitigen Präsidenten Juan Manuel Santos inzwischen eingestellt, nachdem bekanntgeworden war, dass diese chemischen Stoffe hochgradig gesundheitsschädlich sind und Mensch wie Natur nachhaltig in Mitleidenschaft ziehen.

Die Ausrottungsbemühungen der Regierung gehen jedoch weiter. Bauern der Coccam berichteten davon, dass es nach wie vor zu Militäreinsätzen in Nariño kommt. Den Bauern wird mit der Vernichtung ihrer Plantagen ihre Lebensgrundlage geraubt, was die ohnehin desaströse soziale Situation in den agrarischen Gebieten Kolumbiens verschärft.

Am Sonntag verständigten sich die Regionalregierung und die Streikenden auf ein Treffen am 4. März. Dort soll es um die Entwicklung von Alternativen zur Zerstörung der Anbauflächen gehen, die an die Vereinbarungen in den Verträgen von Havanna angelehnt sein sollen.

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