Aus: Ausgabe vom 23.02.2017, Seite 2 / Inland

»Vordenker für neuen Angriff auf Imperialismus«

Am Sonntag ist der 90. Geburtstag des Philosophen und Kommunisten Hans Heinz Holz. Eine Berliner Tagung ehrt ihn und sein Schaffen. Gespräch mit Mathias Meyers

Interview: Daniel Bratanovic
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Am Sonnabend findet in der Berliner Urania eine Konferenz zu Ehren des Philosophen und Kommunisten Hans Heinz Holz statt, der am Sonntag 90 Jahre alt geworden wäre. Warum ist es noch heute lohnend, sich mit seinem Werk zu beschäftigen?

Hans Heinz Holz gehörte zu denjenigen Philosophen und Kommunisten, die sich von den verheerenden Folgen der europäischen Konterrevolution 1989/90 nicht von ihrem Posten vertreiben ließen. Er setzte seine Arbeit fort, gründete die Zeitschrift Topos und lud die Philosophie zur Debatte ein. Diese Haltung und die konkrete Arbeit waren ein bedeutender Beitrag, die neuen Bedingungen gründlich zu analysieren, Fehler der Vergangenheit zu benennen und sich den neuen Aufgaben zu stellen. Neben der Vielzahl seiner eigenen philosophischen Publikationen und Beiträge war es insbesondere die Diskussion in Topos, die Autoren und Autorinnen aus dem In- und Ausland zu lehrreichen und zukunftsweisenden Beiträgen animierte. Wer die Welt also verstehen und verändern will, findet in dem Werk von Hans Heinz Holz die gründlichsten und klügsten Anregungen.

Neben seinem umfangreichen philosophischen Schaffen hat Holz sich auch klar und bestimmt in die kommunistische Debatte eingebracht. Wo liegen hier seine Verdienste?

Holz’ Verdienste in diesem Kontext sind vielfältig. Hervorzuheben sind seine Bücher »Niederlage und Zukunft des Sozialismus« und »Kommunisten heute«. Hier entwickelte er unmittelbar nach der historischen Niederlage der Arbeiter- und kommunistischen Bewegung Perspektiven unter Einbeziehung der Lehren und Erfahrungen. Im Unterschied zu vielen anderen lehnte er damals die Parole einer angeblich notwendigen »Erneuerung des Marxismus« ab, die nur eine Formel zur Distanzierung insbesondere von Lenins Positionen beinhaltete. Stattdessen lieferte er unter anderem in diesen beiden Bänden das theoretische Werkzeug zur Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus unter den neuen Bedingungen. Kluge Leute und Kenner seines Werks nennen Holz auch den Denker des dritten Anlaufs, der nach der Niederlage der Oktoberrevolution beginnt, die philosophischen und politischen Grundlagen für den nächsten Angriff auf die bürgerliche Herrschaft, auf den Imperialismus, zu schaffen.

In welchem Zusammenhang stehen bei ihm der philosophische und der politische Ansatz?

Der historische Materialismus, die Philosophie von Marx, Engels, Lenin und anderen Klassikern verstand sich immer als eingreifende, kämpferische und gestaltende Welterklärung. Dies war auch Holz’ grundlegende Haltung. Neben vielen anderen Publikationen und Artikel – u. a. in der jungen Welt – veröffentlichte Holz in seinen letzten Lebensjahren das dreibändige Werk »Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie«. Hier befasst er sich mit eben diesem Zusammenhang der philosophischen Reflexion der Weltentwicklung und der Erarbeitung politischer Strategie. Dabei war ihm Lenins Satz leitend: »Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben.«

Haben Sie vor, eine systematische Auseinandersetzung mit dem Werk von Hans Heinz Holz anzugehen?

In den fünf Jahren seit Holz’ Tod hat sich bereits eine bemerkenswerte Beschäftigung mit seinem Werk entwickelt. Jährlich fanden bisher kleine Konferenzen in Berlin statt, die Gesellschaft für dialektische Philosophie befasst sich anhaltend mit seinem Wirken, deren Zeitschrift Aufhebung ist Holz gewidmet, an mehreren Universitäten organisieren Studierende Lesekreise, einige Promotionen hatten Aspekte von Holz’ philosophischem Œuvre zum Thema. Die von Holz und Silvia Holz-Markun gegründete Stiftung führt jährlich ein Seminar für Jugendliche zur Einführung vornehmlich in das politische Denken und Wirken durch.

Was erwartet die Besucher am Samstag in der Urania?

Ab 10 Uhr werden in mehreren Panels theoretische Grundfragen aus Holz’ Werk diskutiert – so zur Widerspiegelungstheorie, zur Metaphysik als Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs, zur Frage des Realismus in der Kunst und zu Perspektiven der Verwirklichung der Philosophie im politischen Kampf. Ab 18.30 Uhr feiern wir Holz’ 90. Geburtstag mit Beiträgen internationaler Weggefährten – bereichert mit Musik der Chemnitzer Gruppe »Quijote«, die Stücke von Mikis Theodorakis darbietet.

Mathias Meyers ist einer der Organisatoren der Konferenz »Die rauhe See des Widerspruchs – Perspektiven auf das Werk von Hans Heinz Holz«

Weitere Informationen:

www.hhh90.de

www.dialektische-philosophie.org

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