Aus: Ausgabe vom 20.02.2017, Seite 12 / Thema

Beschränkte Sichtweise

Debatte. Besteht ein Zwang zur »Neuorientierung« ­kommunistischer Bündnispolitik? Argumente und Einwände gegen Hans Christoph Stoodt

Von Hans-Peter Brenner
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Sieg der Volksfront im Sommer 1936 in Frankreich. Damals galt nach Einschätzung von Pieck und Dimitroff, dass die werktätigen Massen in einer Reihe von kapitalistischen Ländern nicht zwischen proletarischer Diktatur und bürgerlicher Demokratie, sondern zwischen bürgerlicher Demokratie und Faschismus zu wählen hatten

Am 31. Januar 2017 war an dieser Stelle unter dem Titel »Was ist ein breites Bündnis?« ein Beitrag von Hans Christoph Stoodt, evangelischer Pfarrer und Antifaaktivist in Frankfurt am Main, zu linker Strategie unter Rückgriff auf die historischen Erfahrungen der Kommunisten zu lesen. Im folgenden veröffentlichen wir eine Erwiderung des stellvertretenden Vorsitzenden der DKP, Hans-Peter Brenner.(jW)

Der Parteivorstand der DKP scheint offenbar einen guten Riecher gehabt zu haben, als er vor einigen Monaten beschloss, dass sich die Kommunistinnen und Kommunisten auf ihrem 22. Parteitag im März 2018 vor allem mit Fragen der Strategie befassen werden. Quasi im Vorgriff auf unsere parteiinterne Debatte über einen entsprechenden Parteitagsantrag möchte ich mich im folgenden mit einigen typischen Vorbehalten befassen, die auch im Beitrag von Hans Christoph Stoodt erkennbar werden.

Der fordert als parteipolitisch nicht organisierter Marxist und Antifaschist zu einer Neuinterpretation des kommunistischen Erbes auf, das er bündnispolitisch vor allem mit dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale von 1935 verknüpft. Nach seiner Meinung behindere der bisherige Umgang der DKP mit diesem »Erbstück« die Entwicklung einer stärker nach links ausholenden und stärker antikapitalistischen Fundierung einer antifaschistischen Strategie. Das werde besonders deutlich in der Debatte um eine Beteiligung der DKP an der Kampagne »Aufstehen gegen Rassismus«. Die DKP hatte nach ausführlicher und lebhafter Debatte im Parteivorstand entschieden, sich nicht diesem Aufruf anzuschließen, weil er die sozialen und ökonomischen Gründe, die viele Lohnabhängige, Arbeitslose und Rentner empfänglich für die soziale und nationalistische Demagogie der AfD macht, bewusst ausklammert. Dies geschah ganz offenkundig aus Rücksicht auf die im Bündnis mitwirkenden, aber für diese sozialreaktionäre Kahlschlagpolitik mitverantwortlichen Parteien SPD und Grüne.

Der DKP-Parteivorstand beschloss aber zugleich, mit eigenen Positionen lokale Initiativen des Bündnisses zu unterstützen. An diesem Punkt, so Stoodt, sei ein grundsätzliches Dilemma der Bündnispolitik der DKP zutage getreten. Ihre heutige antimonopolistische Strategie sei zu eng. Sie berufe sich zudem unkritisch auf die Orientierungen des VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale von 1935. Diese Kritik geht fehl, das sei im folgenden verdeutlicht.

Aktionseinheits- und Bündnispolitik

Die Strategie der deutschen Kommunisten ist ganz unbestritten bis zum heutigen Tag sehr stark vom VII. Weltkongress geprägt. Stoodt hat recht darin, das Referat von Georgi Dimitroff als »geronnenen Ausdruck von realen Kampferfahrungen« zu bewerten. Dies gilt aber auch für dessen Zusammenfassung der achttätigen Kongressdebatte um sein Referat, in dem er noch einmal und teilweise noch konkreter auf Vorbehalte, Fehler und sektiererische Verengungen in der antifaschistischen Strategie mancher Komintern-Parteien hinwies. Stoodt scheint dieses Fazit nicht zu kennen. Auch der Rechenschaftsbericht des Exekutivkomitees der Komintern, den Wilhelm Pieck noch vor Dimitroffs Referat vorgetragen hatte und in dem ebenfalls gerade mit Blick auf die heutige antifaschistische Bündnispolitik wichtige Erfahrungen aufgearbeitet wurden, wird von ihm nicht erwähnt.

Ebensowenig wird von ihm das nur wenige Wochen später von Pieck auf der Brüsseler Konferenz der KPD gehaltene Grundsatzreferat berücksichtigt, in dem die Kominterndebatten systematisch auf die deutschen Kampfbedingungen bezogen werden; ganz zu schweigen von den Schlüssen, die die KPD vier Jahre später auf ihrer »Berner« Parteikonferenz für ihre antifaschistische Bündnisarbeit und die Perspektive Deutschlands nach dem Sieg über den faschistischen Aggressor zog und die Eckpunkte einer antifaschistischen »demokratischen Republik« skizzierte, die dann nach 1945 in Gestalt der späteren DDR verwirklicht wurden.

Die theoretischen Grundlagen der kommunistischen Bündnispolitik lassen sich jedoch bis zu den Aussagen des »Manifests der Kommunistischen Partei« zurückverfolgen, wonach »die Organisation der Proletarier zur Klasse« und damit zu einer wirksam werdenden politischen Kraft »jeden Augenblick wieder (gesprengt wird) durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst«. Die Herstellung der Einheit der Arbeiterklasse – das Bündnis innerhalb der Klasse selbst – im Kampf um die gemeinsamen ökonomischen und politischen Interessen ist die alles überragende Elementarbedingung für jegliche kommunistische Strategie. In der Geschichte der kommunistischen Bewegung wurde dafür Anfang der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts der Begriff der »Einheitsfront« geprägt; die DKP benutzt dafür heute das Synonym »Aktionseinheit«.

Aber es gibt noch einen weiteren ebenso alten wie auch bedeutenden Eckstein für die Bündnispolitik der Kommunisten: Nicht nur die Einheit der Klasse, sondern auch das Bündnis mit den »verschiedenen oppositionellen Parteien«, wie das Kapitel IV des »Manifests« überschrieben ist, zählt zur politischen Grundausstattung der Strategie und Taktik der Kommunisten. Zu möglichen Bündnispartnern gehörten bereits zur Zeit des »Manifests« nicht nur andere – nichtkommunistische – Arbeiterparteien, sondern auch bürgerliche und antifeudalistische, »radikale« und »demokratisch-sozialistische« Organisationen, solche, die die Interessen der werktätigen Handwerker und Bauern vertraten. Dazu zählte etwa damals in Polen eine Partei, die eine »agrarische Revolution« anstrebte. Speziell in Deutschland, so hieß es in diesem Kapitel IV, kämpften die Kommunisten in der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848, »sobald die Bourgeoisie revolutionär auftritt, gemeinsam mit der Bourgeoisie gegen die absolute Monarchie, das feudale Grundeigentum und die Kleinbürgerei«.

Anders als die zahlenmäßig damals stärkeren Anhänger von Ferdinand Lassalle vertraten die Kommunisten nicht den Standpunkt, dass, gemessen am revolutionären Proletariat, alle anderen Klassen und Schichten nur eine »reaktionäre Masse« darstellten. Lenin verwies später mehrmals in seinen Auseinandersetzungen mit sektiererischen und trotzkistischen Auffassungen von Bündnispolitik auf den folgenden von Marx formulierten Gedanken: »The whole thing in Germany (die ganze Sache in Deutschland) wird abhängen von der Möglichkeit, to back the ›Proletarian revolution by some second edition of the Peasants’ war‹ (die proletarische Revolution durch eine Art zweite Auflage des Bauernkrieges zu unterstützen). Dann wird die Sache vorzüglich« (MEW 29, 47).

»Verteidigung der Demokratie«

Das Ringen um den Zusammenschluss der Arbeiterklasse steht grundsätzlich in keinem Gegensatz zur Konzeption breiter Bündnisse für demokratische und ökonomische Forderungen, die unterhalb der Forderung nach der sozialistischen Revolution liegen und nicht »rein proletarischen« Charakter besitzen. Sie bilden vielmehr eine dialektische Einheit.

Die Orientierung auf eine über die antifaschistische Etappe hinausgehende sozialistische Umwälzung (die proletarisch-sozialistische Revolution), die zur Errichtung einer sozialistischen Demokratie der Arbeiterklasse im Bündnis mit anderen werktätigen Klassen und Schichten führt, wäre von Beginn an zum Scheitern verurteilt, wenn sie nicht die Frage der direkten und indirekten »Reserven« der Revolution, d. h. der Bündnispartner der Arbeiterklasse, sowie die Ausnutzung der verschiedensten Arten von Widersprüchen und Rissen im Lager des Klassengegners und dessen Umfelds berücksichtigte. Sie bliebe eine unverbindliche Fiktion.

Lenin spottete in einer scharfen Kontroverse nach dem irischen »Osteraufstand« im Mai 1916 über das Unverständnis auch prominenter Bolschewiki, die die Bedeutung solcher von breiten Massen getragenen nationalen Erhebungen auch für die weitergehenden Ziele der Kommunisten verkannten. »Es soll sich wohl an einer Stelle das eine Heer aufstellen und erklären: ›Wir sind für den Sozialismus‹, an einer anderen Stelle das andere Heer aufstellen und erklären: ›Wir sind für den Imperialismus‹, und das wird dann die soziale Revolution sein! (…) Wer eine ›reine‹ soziale Revolution erwartet, der wird sie niemals erleben. Der ist nur in Worten ein Revolutionär, der versteht nicht die wirkliche Revolution« (LW 22, 363f.).

In seiner Auseinandersetzung mit der damaligen »Kinderkrankheit« in der kommunistischen Bewegung, dem »linken Radikalismus«, formulierte er vor dem Hintergrund jahrzehntelanger eigener Erfahrungen, aber auch des Studiums der Schriften des Militärtheoretikers Carl von Clausewitz den folgenden Grundsatz: »Einen mächtigeren Gegner kann man nur unter größter Anspannung der Kräfte und nur dann besiegen, wenn man unbedingt aufs angelegentlichste, sorgsamste, vorsichtigste, geschickteste sowohl jeden, selbst den kleinsten ›Riss‹ zwischen den Feinden, jeden Interessengegensatz zwischen der Bourgeoisie der verschiedenen Länder, zwischen den verschiedenen Gruppen oder Schichten der Bourgeoisie innerhalb der einzelnen Länder als auch jede, selbst die kleinste Möglichkeit ausnützt, um einen Verbündeten unter den Massen zu gewinnen, mag das auch ein zeitweiliger, schwankender, unsicherer, unzuverlässiger, bedingter Verbündeter sein. Wer das nicht begriffen hat, der hat auch nicht einen Deut vom Marxismus und vom wissenschaftlichen modernen Sozialismus überhaupt begriffen.« (LW 31, S. 56)

Die antifaschistische Strategie und Bündnispolitik der Kommunistischen Partei hat noch immer die Analyse der realen Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen, die Charakterisierung der Hauptkräfte des politischen Gegners und zugleich die Einschätzung von Klassenbewusstsein und Kampferfahrungen der Arbeiterklasse erfordert. Sie muss immer eine konkrete Untersuchung der Möglichkeiten zur Gewinnung von taktischen (kurzfristigen) und strategischen (dauerhaften) Bündnispartnern einschließen und sich auf die Herstellung solcher Bündnisse orientieren. Speziell die Gegnerschaft zum Faschismus ist keine exklusive Angelegenheit von Kommunisten und Linken, weil der Faschismus der Feind aller humanistisch und demokratisch gesinnten Menschen ist.

Der bürgerliche Antifaschismus

Pieck, der nach der Inhaftierung von Ernst Thälmann die Funktion des KPD-Parteivorsitzenden ausübte und neben Dimitroff einer der zentralen Funktionäre des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale war, erklärte auf der »Brüsseler Konferenz« der KPD ausführlich die Notwendigkeit des Bündnisses auch mit dem bürgerlichen Antifaschismus. »Hitler hat sich in den zwei Jahren und acht Monaten seiner Diktatur durch die Gleichschaltung aller bürgerlichen Parteien und Organisationen sehr darum bemüht, diese Kräfte der Totalität der Nazipartei unterzuordnen und dadurch die Differenzen in der Bourgeoisie auszugleichen und eine Konsolidierung seiner Diktatur zu sichern. Das ist ihm nicht gelungen. Im Gegenteil, er musste auf dem Nürnberger Parteitag von der Verschärfung dieser Differenzen sprechen. Diese Differenzen haben sowohl für die Bourgeoisie wie auch für die Arbeiterklasse eine sehr große Bedeutung, und zwar in bezug auf die Orientierung der Mittelschichten, des städtischen Mittelstandes und der Bauernmassen. Je stärker diese Differenzen hervortreten (…), um so größer wird die Möglichkeit, diese Schichten für den gemeinsamen Kampf mit der Arbeiterklasse zu gewinnen.«

Pieck kritisierte ausdrücklich einen »Tempoverlust« beim »Zusammenschweißen« einer breiten – über die proletarische Einheitsfront hinausreichenden – antifaschistischen Bündnisbewegung und rügte: »Das ist auf das Unverständnis in unseren Reihen und teilweise auf einen gewissen Widerstand dagegen zurückzuführen, die gemeinsame Kampffront in der Arbeiterklasse und mit den Mittelschichten und sogar mit Teilen der Bourgeoisie gegen die Hitlerdiktatur zu schaffen. Hitler hat auf dem Nürnberger Parteitag die ihm gegenüberstehenden Kräfte wie folgt charakterisiert: ›1. der jüdische Marxismus und die mit ihm verwandte parlamentarische Demokratie, 2. das politisch und moralisch verderbliche Zentrum, 3. gewisse Elemente eines unbelehrbaren, dummreaktionären Bürgertums‹« (W. Pieck: Rede auf der Brüsseler Konferenz der KPD. Frankfurt am Main 1975, S. 162f.).

Pieck wiederholte und vertiefte vor den antifaschistischen Aktivisten der KPD im Grunde die von Dimitroff auf dem VII. Komintern-Kongress vorgetragene sehr klare Kritik an einem verengten, ultralinken und fruchtlosen Demokratie- und Antifaschismuskonzept. Im Schlusswort zu der intensiven, acht Tage dauernden Debatte über sein berühmtes Referat hat Dimitroff in seltener Schärfe unterstrichen, wie wichtig es sei, ultralinke und sektiererische Auffassungen über die Stellung der Kommunisten zur bürgerlichen Demokratie endlich zu überwinden.

»Die Stellung zur bürgerlichen Demokratie bleibt nicht unter allen Umständen gleich. Während der Oktoberrevolution z. B. führten die russischen Bolschewiki einen Kampf auf Leben und Tod gegen alle jene politischen Parteien, die unter der Flagge der Verteidigung der bürgerlichen Demokratie gegen die Errichtung der proletarischen Diktatur auftraten (…). Heute greift die faschistische Konterrevolution die bürgerliche Demokratie an und ist bestrebt, ein Regime der barbarischsten Ausbeutung und Unterdrückung der Werktätigen aufzurichten. Gegenwärtig haben die werktätigen Massen in einer Reihe von kapitalistischen Ländern konkret, für den heutigen Tag, zu wählen nicht zwischen proletarischer Diktatur und bürgerlicher Demokratie, sondern zwischen bürgerlicher Demokratie und Faschismus« (VII. Kongress der Kommunistischen Internationale. Gekürztes stenographisches Protokoll. Moskau 1939, S. 363).

Dimitroff erinnerte ausdrücklich im Abschnitt »Über die Stellung zur bürgerlichen Demokratie« seines Schlussworts an die folgende Positionierung Lenins: »Es wäre ein grundlegender Fehler zu glauben, dass der Kampf für die Demokratie imstande wäre, das Proletariat von der sozialistischen Revolution abzulenken oder sie in den Hintergrund zu schieben, zu verdunkeln und dergleichen. Im Gegenteil, wie der siegreiche Sozialismus, der nicht die vollständige Demokratie verwirklicht, unmöglich ist, so kann das Proletariat, das einen allseitigen, konsequenten und revolutionären Kampf für die Demokratie nicht führt, sich nicht zum Sieg über die Bourgeoisie vorbereiten« (zitiert nach Protokoll, a. a. O., S. 363 f. Vergleiche auch LW 22, S. 145 oder W. Pieck: Bericht auf der Brüsseler Konferenz der KPD (3.–15.10.1935). Frankfurt am Main 1975, S. 171).

Stoodt hat schließlich offenkundig auch Probleme mit der von ihm erwähnten letzten Rede Ernst Thälmanns auf einer illegalen Tagung von Teilen des ZK der KPD im Sporthaus Ziegenhals in Königs Wusterhausen am 7. Februar 1933.

Thälmann – und das lässt Stoodt leider unerwähnt – formuliert den dann später von Dimitroff und der Komintern weiter ausgearbeiteten strategisch bedeutsamen Gedanken, dass der Kampf um den Sturz des Faschismus nicht gleichzusetzen sei mit der sozialistischen Revolution. Die Diktatur des Proletariats sei nicht die einzige Zielsetzung im Kampf gegen den Faschismus. »Es wäre ein Verbrechen, irgendwelche legalistischen Illusionen in unseren Reihen zu dulden. Wir müssen in der ganzen Arbeiterklasse darüber Klarheit schaffen, dass es wahrscheinlich keine andere Art der Ablösung dieser Regierung geben kann als ihren revolutionären Sturz. Das bedeutet nicht, dass der Sturz der Hitlerregierung und der Sieg der proletarischen Revolution ein und dasselbe sein muss.«

Es sei der heftigste Kampf gegen die SPD-These vom »Abwirtschaftenlassen« zu führen, »ohne dass wir unter allen Umständen zu 100 Prozent sagen können, dass, wenn uns der Sturz der faschistischen Diktatur gelingt, dies schon mit dem Sieg der proletarischen Revolution direkt verbunden ist. (…) Hier darf es kein Schema geben, sondern nur eine dialektische Betrachtung« (E. Thälmann: Geschichte und Politik. Artikel und Reden 1925–1933. Berlin 1973, S. 213f.).

Thälmann beschäftigte sich im weiteren Verlauf dieser Rede auch mit der Notwendigkeit, den richtigen Zeitpunkt herauszufinden, um »Übergangslosungen« zu propagieren, die »unter bestimmten Voraussetzungen in den Kampf zur Beseitigung der bürgerlichen Klassenherrschaft überhaupt« einmünden könnten.

Varianten des Übergangs

Der letzte Dissens mit Stoodt besteht in Folgendem. Bereits 1922 betonte der IV. Kongress der Komintern (der letzte zu Lenins Lebzeiten): »Zwischen der gegenwärtigen Periode der offenen bürgerlichen Reaktion und dem vollen Sieg des revolutionären Proletariats über die Bourgeoisie liegen verschiedene Etappen und sind verschiedene kurzfristige Episoden möglich.« Der Kongress sah in der Form der »Arbeiter- und Bauernregierungen« eine solche Möglichkeit des Übergangs zur sozialistischen Revolution (vgl. Die Kommunistische Internationale. Kurzer historischer Abriss. Berlin 1970, S. 195). Dimitroff erinnerte 1935 an diese Überlegungen Lenins und der Komintern, als er in seinem historischen großen Referat scharf mit sektiererischen Fehlern in der Strategie der Kommunistischen Parteien abrechnete.

»Vor fünfzehn Jahren hat uns Lenin aufgefordert, unsere ganze Aufmerksamkeit darauf zu konzentrieren, ›Formen des Übergangs oder des Herankommens an die proletarische Revolution ausfindig zu machen‹. Möglicherweise wird die Einheitsfrontregierung in einer Reihe von Ländern sich als eine der wichtigsten Übergangsformen erweisen. Die ›linken‹ Doktrinäre haben sich stets über diesen Hinweis Lenins hinweggesetzt, als beschränkte Propagandisten haben sie immer nur vom ›Ziel‹ gesprochen, ohne sich je um die ›Übergangsformen‹ zu kümmern. Die Rechtsopportunisten aber versuchten, ein besonderes ›demokratisches Zwischenstadium‹ zwischen der Diktatur der Bourgeoisie und der Diktatur des Proletariats herzustellen, um in der Arbeiterschaft die Illusion eines friedlichen parlamentarischen Spazierganges aus der einen Diktatur in die andere zu erwecken. Dieses fiktive ›Zwischenstadium‹ nannten sie auch ›Übergangsform‹ und beriefen sich sogar auf Lenin! Aber es war nicht schwer, diesen Schwindel aufzudecken: sprach doch Lenin von einer Form des Übergangs und des Herankommens an die ›proletarische Revolution‹, d. h. an den Sturz der Diktatur der Bourgeoisie, und nicht von irgendeiner Übergangsform zwischen der Diktatur der Bourgeoisie und der proletarischen Diktatur« (Protokoll VII. Komintern-Kongress, a. a. O., S. 178).

Dimitroff bejahte also den notwendigen Kampf um die besten und günstigsten Übergänge und Wege zum revolutionären Bruch mit dem System des Kapitalismus deutlich und grenzte diese Option zu Recht gleichzeitig scharf von einer Konzeption des reformistischen »dritten Wegs« ab. Er kritisierte die These eines dauerhaften »demokratischen Zwischenstadiums«, das angeblich durch friedliche Transformationsprozesse und durch rein parlamentarische Mehrheitsentscheidungen erreicht werde und damit die Erringung einer proletarisch-sozialistischen Demokratie der Arbeiter und Werktätigen obsolet machen sollte.

Aber gleichzeitig kritisierte Dimitroff sektiererische Auffassungen, die die Suche nach Formen des »Übergangs« und des »Herankommens« an die proletarische Revolution negierten. Das gelte auch ausdrücklich vor dem Hintergrund negativer Erfahrungen wie den kurzlebigen Arbeiterregierungen in Sachsen und Thüringen im Jahr 1923. Dazu war es in Deutschland in Folge der dramatischen wirtschaftlichen Krise und des Erstarkens der KPD gekommen. Diese Regierungen vermochten aber nicht, wie eigentlich geplant, die Bewaffnung »proletarischer Hundertschaften« in großem Umfang zu organisieren, um dann in einem reichsweiten bewaffneten Aufstand, für den eine Betriebsrätekonferenz in Chemnitz das Signal geben sollte, einen »roten Oktober« auch in Deutschland zu erkämpfen. Nach nur wenigen Tagen wurden diese Arbeiterregierungen von Reichswehr-Truppen auseinandergejagt.

Stoodt behauptet nun, Dimitroffs Bemerkung vom »Schwindel« der sozialdemokratischen Doktrin des »dritten Weges« sei ausdrücklich mit den Erfahrungen von Sachsen 1923 begründet worden. Anschließend habe er dann auch »scharf gegen die Theorien von Übergangsetappen (polemisiert)«.

Damit stellt Stoodt Dimitroff leider völlig auf den Kopf. Letzterer hatte nämlich wortwörtlich erklärt: »Der Eintritt der Kommunisten in die sächsische Regierung zusammen mit den linken So­zialdemokraten (Zeigner-Gruppe) war an und für sich kein Fehler. Im Gegenteil, dieser Schritt wurde durch die revolutionäre Entwicklung in Deutschland vollauf gerechtfertigt.« Die deutschen Kommunisten hätten aber dann in der Praxis das »klassische Beispiel« dafür geliefert, »wie sich Revolutionäre nicht in der Regierung verhalten dürfen« (VII. Komintern-Kongress, a. a. O., S. 177f.).

Dimitroff präzisierte lediglich die Bedingungen, die Kommunisten an eine solche Regierung einer »Übergangsetappe« – auch in Form der Einheitsfront- oder Volksfrontregierung – stellen müssen. Das verschweigt jedoch Genosse Stoodt.

O-Ton Dimitroff: »Genossen, wir verlangen von jeder Einheitsfrontregierung eine ganz andere Politik. Wir verlangen von ihr, dass sie bestimmte, der Situation entsprechende revolutionäre Grundforderungen verwirklicht. So z. B. Produktionskontrolle, Kontrolle über die Banken, Auflösung der Polizei, ihre Ersetzung durch eine bewaffnete Arbeitermiliz usw.« (a. a. O., S. 178).

Es fällt schwer zu verstehen, warum Stoodt dies alles ausblendet. Die DKP jedenfalls hat die Suche nach Möglichkeiten des »Herankommens« nie in einen Gegensatz zur sozialistischen Revolution gestellt, sondern immer betont, dass sie von einem einheitlichen revolutionären Prozess des Kampfes um die Macht ausgeht, der über verschiedene kürzere oder längere Phasen und Etappen, zwischen denen es keine »chinesische Mauer« gibt, zur Überwindung des Kapitalismus führen soll.

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