Aus: Ausgabe vom 01.02.2017, Seite 5 / Inland

Obdachlose zählen nicht

Alles wird in der BRD dokumentiert. Aber nicht, wie viele ohne Wohnung sind. Dabei müssen immer mehr in der Kälte schlafen

Von Ralf Wurzbacher
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Ein Obdachloser auf einer Bank in der Berliner U-Bahnstation am Hansaplatz (24. Januar 2013)

Obdachlosigkeit ist nichts, wovon die Regierenden etwas wissen wollen. Sie machen das, was so viele machen, wenn ihnen ein Bettler begegnet: Sie gucken weg. Entsprechend kommt das Problem in der offiziellen Statistik gar nicht erst vor. Bis heute existiert dazu keine bundeseinheitliche Berichterstattung auf gesetzlicher Grundlage, lediglich Nordrhein-Westfalen erhebt von Amts wegen Daten. Allein an Rhein und Ruhr lebten demnach 2015 mehr als 20.000 wohnungslose Personen. Deutschlandweit sind es nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) über 335.000. Und es werden immer mehr. Bis 2018 rechnet der Verband mit 536.000 Betroffenen.

Berlin gilt gemeinhin als »Hauptstadt der Obdachlosen«. Das Thema kocht dort seit Jahren immer dann hoch, wenn es bitterkalt ist. Aktuell üben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Druck auf den Senat aus, ausreichend Notquartiere für Menschen einzurichten, die vor dem Frost Schutz suchen. Im Rahmen der »Berliner Kältehilfe«, eines von Wohlfahrtsverbänden, Kirchen und Landesregierung getragenen Programms, werden derzeit rund 800 Schlafplätze angeboten, im Februar sollen rund 100 dazukommen. Den Bedarf deckt das nicht annähernd. In der Hauptstadt könnten bis zu 20.000 Menschen ohne festen Wohnsitz leben. Nach Angaben des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) fristeten davon 3.000 dauerhaft ein Dasein auf der Straße.

Am Montag schlug die BVG Alarm, weil immer mehr Zufluchtsuchende in den U-Bahn-Stationen nächtigen würden. In den Wintermonaten bleiben dafür grundsätzlich zwei Bahnhöfe auch nachts geöffnet, in Notzeiten werden behelfsmäßig weitere Stationen offengelassen. Allerdings fehlten dort Toiletten und sanitäre Einrichtungen, monierte BVG-Sprecherin Petra Reetz gegenüber der Berliner Morgenpost. Dazu kämen Verständigungsprobleme, weil viele Gäste aus Osteuropa stammten. Vor allem für diese Menschen müssten andere Lösungen gefunden werden, so Reetz. Ihr Appell: »Bahnhöfe sind eine Notlösung und kein würdiges Quartier, auch nicht für Obdachlose.«

Sicher ist es dort auch nicht. Erst an Weihnachten war ein 37jähriger in einem U-Bahnhof in Kreuzberg knapp einer Feuerattacke durch junge Flüchtlinge entgangen. Nach Angaben der BAGW von Anfang Januar kamen allein im vergangenen Jahr bundesweit 17 Obdachlose durch Gewalttaten zu Tode. Dazu gab es mindestens 128 Fälle von Körperverletzungen, Vergewaltigungen, Raubüberfällen und bewaffneten Drohungen. Die Dunkelziffer könnte weitaus höher sein, da in der Regel nur schwere Übergriffe bekannt würden. Sind die Täter nicht selbst wohnungslos, spielen laut BAGW »menschenverachtende und rechtsextreme Motive häufig eine zentrale Rolle«. Dazu gelte: »Vorurteile und Abwertungen gegenüber wohnungslosen Menschen kommen in breiten Schichten der Bevölkerung vor.«

Im Fall Berlin will Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke) auf die steigende Zahl von Obdachlosen reagieren. Mit der BVG habe sie bereits Gespräche geführt, weitere sollten folgen, bekundete sie im Montag im RBB. Die Lage habe sich verändert, sagte sie, viele Menschen kämen aus EU-Ländern, um Arbeit zu finden. Laut Berliner Stadtmission suchten vor allem Polen verstärkt ihr Glück in der Spreemetropole, landeten am Ende aber oft auf der Straße. »Wir brauchen eine zielgerichtete Straßensozialarbeit«, sagte Missionssprecherin Ortrud Wohlwend der Berliner Morgenpost. Nach BAGW-Auskunft könnten allein in diesem Winter bis zu zehn Obdachlose in Deutschland dem Kältetod erlegen sein. Der Verband sieht die wesentlichen Ursachen für die Verschärfung des Problems »in einer seit Jahrzehnten verfehlten Wohnungspolitik in Deutschland in Verbindung mit einer unzureichenden Armutsbekämpfung«.

Das von der Senatorin angekündigte »Gesamtkonzept« erscheint dagegen recht kleinlich. Zunächst konzentriere sich die Regierung auf die Kältehilfe. Diese scheitere im Moment jedoch nicht am Geld, sondern an fehlenden Immobilien, die als Notquartiere in Frage kommen. Eine Stadt, die Immobilienhaien den roten Teppich ausrollt, hat für die Ärmsten der Armen offenbar nichts übrig.

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