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Aus: Ausgabe vom 08.08.2016, Seite 11 / Feuilleton

Fischbrötchen-Johnny

Von Wiglaf Droste

Am Rand eines dieser Plätze, an denen sich Discountermärkte (oder spricht man das »Disco-Untermärkte« aus?) für Lebensmittel, Getränke, Heimwerker- und anderen Lärmerzeugungsbedarf und eine Tankstelle mitsamt einer Waschstraße hinzugesellen, damit niemand jemals vergisst, wie hässlich der Mensch zu leben und sein Dasein zu gestalten versteht, befindet sich auch ein erstaunlich und erfreulich gut geführter Fischladen.

Hier wohnt ein schwarz-weißer Kater, der dem Kater Domi so ähnlich sieht, dass ich, als ich ihn zum ersten Mal sah, fest davon überzeugt war, Domi habe das Fahrtziel Fischladen quasi im voraus gewittert und sei, auf der hinteren Stoßstange sitzend und so vor Fahrtwind geschützt, einfach mal mitgefahren, um sich das Bäuchlein vollzuschlagen.

Doch dem war und ist nicht so. Der Fischladenkater ist ein ganz eigenes Wesen; schon an die 20 Jahre lebt er draußen auf der Straße, beziehungsweise auf dem selbstverständlich grau in grau verbundgepf la sterten Parkplatz. Gleich beim Fischladen, wo er von dem gütigen Fischverkäuferpaar und der nicht minder gütigen Kundschaft mit allem versorgt wird, was ein Kater liebt: Frischen Fisch und sogar Meeresfrüchte gibt es täglich reichlich. Und für die Zeit nach Feierabend oder fürs Wochenende hat man ihm gegen Regen, Schnee oder auch gegen allzuviel Sonne einen großen Schirm hingestellt, der auch nachts aufgespannt bleibt, über einem Korb mit Kissen und Decke, in dem er warm und trocken schläft.

Einer seiner Bewunderer und Freunde, von denen der charmante alte Kerl nicht wenige hat, bringt ihm von einem nahe gelegenen Imbiss gelegentlich ein halbes gebratenes Hähnchen mit, entbeint und häutet es und setzt ihm das schiere Fleisch vor, das der Kater hoch erfreut und auf stets liebenswürdevolle Art verspeist.

In seinen Jugendjahren ein wilder, scheuer Streuner und unterdessen recht milde, zutraulich und freundlich geworden, geht Fischbrötchen-Johnny – so nenne ich ihn für mich – seiner Arbeit nach, nämlich keiner, die als Arbeit erkannt oder anerkannt wird und die genau deshalb so groß ist: Die Menschen, die sich – selbst wie wechselseitig – so viel Hässlichkeit, Niedrigkeit und Gemeinheit antun, erinnert er an das Wesentliche, an die Basics: »Man is no good, but could do so much better / reminding the heart is the heart of the matter.« (Der Mensch, oft so stumpf in seinem Gemache / sollte wissen: Das Herz ist das Herz einer Sache.)

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