Aus: Ausgabe vom 21.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Aus für Lukács-Archiv? Eine Ergänzung

Von Rüdiger Dannemann

Meldungen zur aktuellen, im Internet überaus erfolgreichen Petition gegen die Schließung des Budapester Lukács-Archivs (siehe jW vom Wochenende) sind sehr zu begrüßen, bedürfen allerdings der Ergänzung. Tatsächlich ist die vom Präsidium (nicht vom Philosophischen Institut) der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (UAdW) verfügte Schließung des jetzigen Archivstandorts in der ehemaligen Wohnung des Philosophen am Donauufer beschlossene Sache. Der Entschluss ist zu bedauern, besitzt doch dieser Standort einen hohen symbolischen Wert als »Stätte der Erinnerung an eine der faszinierendsten literarischen Figuren« des 20. Jahrhunderts (so der Text der Petition).

Aber der Präsident der UAdW, László Lovász, hat mir in einem Schreiben vom 30. November 2015 versichert, es bestehe »das aufrichtige Interesse der UAdW an der Bewahrung von Lukács’ Vermächtnis«. Der Nachlass solle in die Zentralbibliothek der Akademie überführt werden, schrieb Lovász weiter. Vor allem versprach er die digitale Katalogisierung von Lukács’ Bibliothek sowie die Digitalisierung der hinterlassenen Manuskripte, Briefe und Dokumente. Damit sollen aus seiner Sicht Versäumnisse der letzten 43 Jahre beseitigt und der Zugang zu Lukács’ Nachlass erleichtert werden. Die Schließung des jetzigen Standorts rechtfertigt er mit dessen schlechtem Zustand, dort könnten moderne Standards der Konservierung nicht eingehalten werden.

Bei verdienstvollen jetzigen Mitarbeitern des Lukács-Archivs herrscht Skepsis bezüglich der Pläne des Präsidiums der UAdW. Werden sie tatsächlich realisiert? Die wissenschaftliche Öffentlichkeit hat ihr Interesse an Lukács eindringlich verdeutlicht, nicht zuletzt durch die Solidaritätsbekundungen einer Reihe von philosophischen Gesellschaften sowie von Persönlichkeiten des philosophisch-intellektuellen Lebens wie Jürgen Habermas, Axel Honneth, Antonino Infranca, Ferenc Lendvai, Sergio Lessa, Michael Löwy, Domenico Losurdo, Timothy Hall, W. F. Haug, István Mészáros, Guido Oldrini oder Miguel Vedda. Sie muss darauf achten, dass die angekündigten Verbesserungen tatsächlich umgesetzt werden; dass nicht der Anfang vom Ende, sondern ein Neubeginn kommt. Ein Ärgernis bleibt die Schließung des historisch authentischen Standorts des Lukács-Archivs allemal.

Der Autor ist Vorsitzender der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft

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