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Leserbriefe

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Leserbrief zum Artikel Syrien: Alles verloren vom 17.03.2021:

Unerschütterlich standgehalten

Als langjähriger Leser hatte ich bei aller beistimmenden Würdigung auch oft einen recht kritischen Blick auf den einen oder anderen Artikel, ich muss auch zugeben, dass ich mich manchmal schon tüchtig geärgert habe. aber ich sah mich bisher nicht herausgefordert, mit einem Leserbrief zu reagieren. Heute allerdings möchte ich mich doch einmal schriftlich äußern. Da lese ich auf der dritten Seite in fetten, großen schwarzen Lettern die Überschrift: »Alles verloren«. Ich dachte dabei an einen Glücksspieler, der sein gesamtes Hab und Gut durchgebracht hat und nun vor dem Nichts steht. Aber nein, es ging in diesem Artikel von Karin Leukefeld um Syrien, dieses von den westlichen Großmächten und ihren Gefolgsleuten angegriffene und gepeinigte Land, eine Regierung und ein Volk, die diesem »Weltkrieg« mit der Hilfe seiner Verbündeten und unter großen Opfern standgehalten hat, zehn Jahre lang bisher! Was heißt da: »Alles verloren«?
Die Überschrift lässt auch offen, ob einige alles verloren haben oder ob für das Land alles verloren ist. Ich glaube schon, dass die Feinde Syriens über diese Aussage sehr erfreut und begeistert wären. Denen geht es ja darum zu beweisen, dass die Sache derer, die sich gegen »den Westen« stellen, von vornherein verloren ist! Und was den Lesern damit signalisiert wird, ist katastrophal. Ich brauche ja nicht auszuführen, wie prägend Überschriften dieser Art sind. Natürlich ist Syrien in weiten Teilen ein geschädigtes und verwüstetes Land, und die Lebensbedingungen der Menschen sind weithin äußerst beklagenswert bis unzumutbar. Aber wenn die USA und ihre westeuropäischen Freunde den Krieg gewonnen hätten, wäre das Land heute von Dschihadisten überschwemmt, zerteilt, Frauen und Männer würden vielleicht auf dem Sklavenmarkt – wie in Libyen – dem Meistbietenden verkauft, nicht zu vergessen, dass der Staat Israel außer den Golanhöhen sicher noch weitere Gebiete »annektiert« hätte. Dass dies nicht eingetreten ist – nicht alles verloren ist –, liegt an der großen Stärke und Widerstandskraft des syrischen Staates mit Präsident Baschar Al-Assad an der Spitze und dem Heldenmut des Volkes sowie an der Unterstützung seiner Verbündeten! Was es bedeutet, dass die Staatlichkeit des Landes, das Funktionieren seiner Institutionen aufrechterhalten wurden, dass viele Kinder und Jugendliche lernen und studieren können, dass im Lande unter diesen Umständen produziert, gehandelt und geerntet wird, zeugt von erstaunlicher Lebenskraft und ist eine Hoffnung auf die Zukunft, die dieses Land mit seinen Menschen haben kann.
Ich halte es auch nicht für richtig, die sicher unheilvolle Rolle der USA ins Überdimensionale, quasi als die einzige bestimmende Macht, zu steigern. Syrien ist nicht das Kaninchen, das nur auf die Schlange starren und nur als einzigem Ausweg darauf hoffen kann, wieder in die Arabische Liga aufgenommen zu werden. Ich denke, da bieten sich dem Land noch andere, politische und wirtschaftliche Alternativen. Es ist doch auch erwähnenswert, dass der Iran seit einiger Zeit Syrien auf dem Wasserweg mit Öl und Brennstoffen versorgt, die aufgrund der Plünderung der syrischen Ölfelder und der westlichen Wirtschaftsblockade dem Lande fehlen. Soeben hat Israel ein iranisches Frachtschiff beschossen und kommentiert, dass dies der 16. Angriff gewesen sei. Da kann man ermessen, wie rege diese »Handelsverbindung« sein muss. Syrien ist noch nicht verloren, mitnichten »ist alles verloren« – das Ende der Geschichte ist nicht gekommen, auch nicht für die Völker die um ihre Unabhängigkeit kämpfen, sondern ganz im Gegenteil!
Das sollte auch, wo es gerechtfertigt ist, dem Leser vermittelt werden. Ins »Thema« haben Sie heute die »Pariser Kommune« gesetzt; das ist lobenswert. Ich muss aber auch daran denken, dass die junge Welt über den langjährigen Versuch der chavistischen Regierung Venezuelas, Elemente des »kommunalen Staates« aufzubauen, nicht berichtet. Es muss doch für eine sozialistische Tageszeitung ein Anliegen sein, das, was die Mainstreampresse absichtsvoll verschweigt oder diskreditiert, zur Sprache zu bringen, und das nicht nur in einem kleinen, einmaligen Artikelchen. Sicher, der »reinen Lehre« entspricht der Sozialismus dort nicht, und außerdem scheint die Regierung Maduro eine heiße Kartoffel zu sein, die auch die linken Genossen in Venezuela nicht gern anfassen. Aber was dort seit Jahren – und sicher in aller Unvollkommenheit – im Zusammenhang mit den Consejos Comunales geschieht, ist doch beachtens- und berichtenswert und für die politische Weiterbildung in unserem begrenzten Europa allemal relevant. Gerade wurde in das Parlament in Caracas eine Gesetzesvorlage zur »kommunalen Stadt« (Ciudad Comunal) eingebracht, im Rahmen eines perspektivischen Planes (Plan de la Patria), die konventionellen Regierungsstrukturen durch basisdemokratische Rätestrukturen zu ergänzen oder zu ersetzen. Das ist ein – von Hugo Chávez – begonnenes, interessantes und spannendes Projekt, ein Experiment, nicht wahr? Aber man liest hier und anderswo nichts darüber! In Venezuela werden gegenwärtig circa sechs Millionen CLAP-Lebensmittelpakete zweimal im Monat verteilt. Dass Venezuela unter der brutalen Blockade der USA nicht zusammengebrochen ist, ist unter anderem auch dieser Aktion zu verdanken. Die 14tägige Zusammenstellung und Verteilung der Pakete im ganzen Land ist eine ungeheure logistische Leistung. Die Consejos Comunales übernehmen weitgehend diese Arbeit, ohne sie wäre dies nicht möglich. Darüber könnte man doch mal eine Beilage machen, als Aktualisierung der Pariser Kommune. Ich hoffe, Sie fassen meine Kritik nicht als destruktiv auf, sondern als motiviert durch das Interesse an den unglaublichen Ereignissen, Widersprüchen und Herausforderungen unserer Zeit.
Bruno Müller, Ahrensfelde
Veröffentlicht in der jungen Welt am 23.03.2021.