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Leserbrief zum Artikel Faschismustheorien: Der Umschuldungshistoriker vom 18.05.2020:

Große Schieflage

Die von Mathias Wörsching in seinem jW-Artikel vor einigen Tagen vorgenommene Unterscheidung zwischen einem »liberalen« frühen Ernst Nolte einerseits und einem »revisionistischen späten Nolte« verwischt entscheidende Kontinuitäten in dessen faschismusverharmlosendem Werk und ist brandgefährlich für die Zurückgewinnung eines adäquaten Faschismusverständnisses. Die Fallstricke der Nolteschen Methodik, die Wörsching für sein eigenes Forschungsprogramm in Teilen mitträgt, sind kein Zufall und offenbaren bereits in Noltes »Frühwerk« eine Faschismusapologie, auf die lange, lange Zeit vor dem Historikerstreit beispielsweise aufmerksame Beobachter wie Manfred Weißbecker hingewiesen haben. Schon Wörschings »vielleicht«, mit dem er die Qualifizierung einer profaschistischen Tendenz bei Nolte vornimmt, macht seine Ausführungen zur Unwahrheit, insbesondere wenn er dem »frühen« Nolte zugleich noch eine Ablehnung des Faschismus attestiert (man schaue sich beispielhaft nur Noltes erste Schrift über Marx und Nietzsche im Denken des jungen Benito Mussolini an, die wenige Jahre vor seinem »Epochen«-Buch erschien, und frage sich, wie weit es angesichts der dortigen Bewunderungsbekundungen für den »Duce« mit einer Ablehnung des Faschismus her sein kann …).
Dem kläglichen Zustand des derzeitigen »State of the art« der internationalen wissenschaftlichen und politischen Faschismusdiskussion wird man so nicht beikommen. Da versucht man sich andernorts an sinnvolleren Operationen: In Indien werfen die Genossen immerhin zum Beispiel Palmiro Togliattis »Lektionen über den Faschismus« als englischsprachige Neuausgabe auf den Markt, ein vergessenes Büchlein, aus dem sich viel lernen lässt – in Deutschland zeichnet derweil ein Autor in einer marxistischen Tageszeitung nun die Vorzüge des vermeintlich liberalen Nolte, der angeblich progressive Gesellschaftskritik bereichern könne, und fabuliert vom antibürgerlichen Gehalt der Nazibewegung. Das halte ich für eine Schieflage, die Widerspruch erfahren muss.
Dr. Phillip Becher
Veröffentlicht in der jungen Welt am 23.05.2020.
Weitere Leserbriefe zu diesem Artikel:
  • Führerkult liegt im System

    Ergänzend zu diesem guten Beitrag ist zu sagen, dass mit dem Faschismus auch immer ein gewisser Führerkult einhergeht. Dieser lässt sich so weit steigern, bis man mit Hilfe eines angeblich nur »vorübe...
    Thomas Klinger