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Leserbrief zum Artikel Rechte attackieren Schauspieler vom 14.01.2020:

Kein Wunder

Über Angriffe jeder Art und Richtung kann sich nur wundern oder schockiert sein, wer nicht seit Jahren wahrnimmt, was sich in diesem Lande an braunem Sumpf ausbreitet. Mehr noch, was auch fleißig mit herrschender Doppelmoral der Politik, mit dem Verstecken hinter angeblicher Demokratie und Freiheit, Rechtsstaatlichkeit noch ermuntert und in Sicherheit gewogen wird. Wenn die »Geschockten« zur Rechtfertigung noch anführen, doch gar nicht so wirklich und richtig Linkes im Programm geboten zu haben – dann bin eher ich geschockt.
Das Kabarett der »Herkuleskeule«, das Kabarett im Chemnitzer Schlosskeller, ist uns gut bekannt. Die politischen Themen, kritisch verarbeitet, regen zum Nachdenken an. Haben die Kabarettisten noch nicht seit längerer Zeit bemerkt, was die rechte Szene unter Meinungsfreiheit versteht?
Spätestens seit der Lügenpresse-Kampagne war und wurde doch klar, dass eine Presse und damit schließlich auch Kabarett u. a. von den Rechten erwünscht und gefordert werden, die ihre »Wahrheiten« bedienen und alle anderen Wahrheiten zu verschweigen haben. Der Kölner Silvester diente dem ebenso wie viele andere verbale oder massive Angriffe aus der rechten Szene.
Offenbar mangelt es selbst qualitativ gutem Kabarett und deren Akteuren an einem über das allgemeinste Freiheitsverständnis hinausgehendes Verständnis zu diesen sogenannten ewigen und unveräußerlichen Werten. Das hat auch bestens die Petition zur Solidarität mit Uwe Steimle deutlich gemacht. Ihre Meinungsfreiheit haben dabei viele Hunderte erst einmal damit selbst in Frage gestellt, dass sie nur anonym eine Meinung wagten. Dann war festzustellen, dass die meisten geschockt waren und meinten, es kehre DDR-Praktik wieder ein, und Unfreiheit wie angeblich in der DDR sei wieder zu befürchten. Genau daran wird deutlich, dass offenbar die mehrheitliche Bevölkerung bis heute im Unklaren darüber ist, dass die Meinungsfreiheit nie existiert hat, nirgendwo bestanden hat und selbst im Zuge der Französischen Revolution ganz schnell ihre Beschränkungen erhielt.
Freiheit, Demokratie und Recht haben immer und auch heute damit zu tun, wer regelt, was Freiheit, Demokratie und Recht sein dürfen, in wessen Interesse und wo sie Grenzen haben, wo sie beschränkt werden, wenn an Macht, Interessen usw. gekratzt wird, wenn zuviel Wahrheit an die Bevölkerung gelangt. Haben manche gar nicht bemerkt, wer und was im Lande schon fast mitregiert und seine Forderungen in allen denkbaren bis brutalsten Formen schon durchsetzt?
Narrenfreiheit immer, aber es ist an der Zeit, dass die parlamentarisch Regierenden ihre Unfähigkeit unter Beweis stellen. Das macht dünnhäutig und ebnet denen die Bahn, die mit anderen Methoden für ihre Freiheit sorgen. Das dürften noch die leichten Anfänge dessen sein.
Roland Winkler, Aue
Veröffentlicht in der jungen Welt am 16.01.2020.