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Leserbrief zum Artikel Algenplage: Braunes Monster, rotes Gold vom 11.09.2019:

Problematische Erscheinung

In der Ausgabe Nr. 211 der Tageszeitung junge Welt vom 11. September 2019 erschien Ihr Artikel »Braunes Monster, rotes Gold«.
Ich habe mich gefreut, wie Sie auf diese von Menschen »unterstützte«, leider problematische Erscheinung aufmerksam machen.
Zum Thema der Biogaserzeugung haben Sie ein Gespräch zitiert, das mit der Zeitschrift Forbes am 10. Juli 2019 geführt/veröffentlicht wurde. Mich interessiert, ob und wo dieses Interview nachzulesen ist. Vielleicht haben Sie dazu eine Internetadresse für mich.
Ich habe beruflich auch mit Biogasanlagen unter Umwelt- und Gesundheitsschutzgesichtspunkten zu tun.
Daher fiel mir beim Lesen Ihres Artikel auch ein, dass bei der Biogasherstellung bzw. Biogasentstehung (Fermenter unter Sauerstoffausschluss) neben dem geruchlosen Methan (interessanter Brennstoff zur Energieerzeugung Wärme/Strom) und dem geruchlosen Kohlenstoffdioxid (Abfallprodukt aus dem anaeroben Stoffwechsel) auch Ammoniak (stechender Geruch) und Schwefelwasserstoff (Geruch nach faulen Eiern) entstehen.
Wenn durch küstennahe Umweltverunreinigungen in den Sargassum-Algen bereits Methylsilikone (Haarwaschmittel, Kosmetika, Schmieröle u. ä.) angereichert sind oder im Zuge der Biogasherstellung in den Fermenter gelangen (z. B. wenn kommunaler Klärschlamm mitverfermentiert wird, Schmiermittellecks?), entstehen flüchtige Methylsilikone (das Octamethylcyclotetrasiloxan ist nach TA Luft in Deutschland wegen Krebserzeugung in seinen Emissionen begrenzt, Decamethylcyclopentasiloxan und Dodekamethylcyclohexasiloxan werden als Filmbildner in Kosmetika und Cremes verwendet und gehen über die Haut in den Körper und werden ausgeatmet bzw. mit dem Urin ausgeschieden, auch bei Babys).
Schwefelwasserstoff ist sehr giftig. In Deutschland hat es z. B. deswegen auf dem Betriebsgelände einer Biogasanlage in Rhadereistedt/Zeven am 9. November 2005 einen Unfall mit mehreren Toten gegeben. Bei der Verbrennung von schwefelwasserstoffhaltigem Biogas (z. B. in Gasmotoren zur Strom- und Warmwassererzeugung) entsteht ein sehr korrosives Abgas, das Schwefeldioxid enthält und einer Abgasreinigung bedürfte. Schwefelwasserstoff (kein wirkliches Schwergas!) ist extrem leichtentzündlich und besitzt in Mischung mit Luft eine der höchsten Flammausbreitungsgeschwindigkeiten (Brandbeschleuniger im Biogas).
Daher wird in der Regel der Schwefelwasserstoff bereits vor der Verbrennung aus dem Biogas entfernt, wobei allerdings problematische Abfälle bzw. Abwässer entstehen, deren geschickteste Entgiftung heute die Umwandlung des gebundenen Schwefelwasserstoffs in elementaren festen Schwefel ist.
Die Methylsilikone (leichtflüchtige »Dimeticone«) müssen ebenfalls vor der Verbrennung aus dem Biogas entfernt werden, da sie sie zwar sehr gut brennen, aber als feste Asche einen feinen Quarzsand hinterlassen, der in Schmierölen und Dichtungen bald technische Probleme bringt und natürlich zu Quarzfeinstaub im Abgas beiträgt.
Ammoniak lässt sich gut in der Biogasmischung mit verbrennen, erhöht allerdings die Stickoxidemissionen im Abgas.
Die Verbrennung von Methan (aus dem Erdgas, Biogas oder Bioerdgas) zeigt eine chemische Besonderheit. Anders als bei Flüssiggas mit Propan/Butan-Gasmischungen oder bei Kerosin oder bei Superbenzin entsteht bei der Reaktion von Methan mit Sauerstoff immer auch Formaldehyd, der am Ende weitgehend zu Kohlendioxid und Wasser umgewandelt wird. Je nach technischer Durchführung der Biogas-/Erdgas-Verbrennung bleibt immer auch Formaldehyd (krebserregend) im Abgas und lässt sich vollständig nicht kostengünstig entfernen, so dass praktisch immer Formaldehydemissionen entstehen und je nach Art des Übertritts in die Mitwelt zu einer unangenehmen oder gar bedenklichen Wirkung auf die menschliche Gesundheit führen können.
Geeignete technische Verfahren sind bekannt und werden im Frankfurter Westen bei der industriellen Herstellung und Verwertung von Biogas sowie Erzeugung und Verteilung von Bioerdgas im Industriepark Höchst genutzt.
Diese Rahmenbedingungen könnten den mexikanischen Präsidenten im Mai 2019 zu seiner Erklärung veranlasst haben, keine Aufträge an private Unternehmen zur »Entsorgung/Verwertung« der Sargassum-Algen zu vergeben. Von einer Emissionskontrolle bei Freisetzung schädlicher Stoffe, wie sie sie in Deutschland – wenngleich auch hier deutlich dünn und löchrig – bekannt und geübt ist, erscheint Mexiko – ebenso wie ja bekanntermaßen USA weit entfernt. Das normale Verrotten der Algen erscheint da vergleichsweise umweltverträglicher gegenüber einer technisch ungeschickten Verwertung mit Freisetzung von Schadstoffen in hoher Konzentration.
Heinz Kluge, Niedernhausen