Schwarzer Kanal
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Leserbrief zum Artikel Schiffahrt: Mann über Bord vom 12.08.2019:

Ohne Bezug zur Basis

Das Problem der Ausflaggung, der Minimierung des Bordpersonals auf Handelsschiffen und der regelrechten Akademisierung des Berufes des Seemannes ist kein Problem der gegenwärtigen Zeit sondern es hat sich seit Jahrzehnten angebahnt. Schon in den 70er und 80er Jahren wurde in den Hochschulen für Nautik in der deutschen seemännischen Ausbildung diese damals neue Form der Seebesatzungsordnung gelehrt, waren dort Teil der Wirtschaftsfächer, und es wurden reihenweise Diplomarbeiten über das damals sogenannte Zwölf-Mann-Schiff geschrieben. Die Reeder haben darauf gedrängt, diese neue Personalpolitik in den Hochschulen für Nautik zu thematisieren, um sich diese Gedanken dann selber zu eigen zu machen. Ausflaggung war immer eine Politik der Reeder, und dabei kamen erhebliche Probleme während des Bordlebens auf. An Bord lebten Arbeitskräfte verschiedener religiöser, mentaler und stark sozial differenzierter Unterschiedlichkeit. Die Offiziere waren oft Deutsche und Europäer der entsprechenden Mentalität und christlicher Religion, die Decksbesatzung war nicht selten islamischen Glaubens, wobei dabei die Unterschiedlichkeit und Feindseligkeit der verschiedenen Gruppierungen im Islam zum Tragen kamen. Weiter wurde die ausländische Besatzung erheblich schlechter bezahlt als deutsche Arbeitnehmer gleichen Dienstranges. Man unterlag auf ausgeflaggten Schiffen damals weniger den arbeitschutz- und tarifrechtlichen Bestimmungen wie im westeuropäischen Heimatland. Mit dem Beginn der Ausbildung und der Durchsetzung der weltweiten Ausflaggung und Totalminimierung der Arbeitskräfte an Bord verloren die Offiziere und Kapitäne den Bezug zur Basis und zu den Arbeiten an Deck sowie im Dreck des Maschinenraums. Während früher alle Offiziere, sei es an Deck für Nautiker oder in der Maschine für Schiffsingenieure, üblich war, vom untersten Dienstrang als Schiffsjunge und Matrose seine Laufbahn zu beginnen, startet man heute sofort mit einer Fachhochschulausbildung und geht, ohne basisorientiert gearbeitet zu haben, als Offizier an Bord, was zur Folge hat, dass man beispielsweise keine Arbeiten der Schiffsmannschaft wie Knoten und Spleißen gelernt hat. Dies sind Arbeiten, die zu den traditionellen Arbeiten der Seeleute gehörten. Mittlerweile hat es die Globalisierung den Reedern noch einfacher gemacht, die Schiffe sowie die Besatzung den Billiglohnhaien zu überlassen. Weiter gibt es an Bord keinerlei Decksbesatzung mehr, sondern nur noch Offiziere und Ingenieure. Beide Laufbahnen, Nautiker und Schiffsingenieure, durchlaufen ein Studium an der jeweiligen Fachhochschule, d. h. ihr Studienabschluss ist dem eines Ingenieurs gleichzusetzen. Dort wurden Arbeitsplätze im zweistelligen Bereich eingespart, und es sind nur noch Absolventen von Hochschulen an Bord, ohne einen Bezug zur Arbeit und der Basis zu haben. Das Schiff geht einmal jährlich in die Werft, um dort Wartungs- und Konservierungsarbeiten durchzuführen, die früher laufend auf See durchgeführt wurden. Arbeiten der wie knoten, spleißen und Konservierung mit Farben und die Anwendung von Mennige sind unter der Seemannschaft weitgehend unbekannt. Die Offiziere und der Kapitän müssen Arbeiten durchführen, die früher auch Auszubildende durchgeführt haben. Dies sind Zustände, die früher nach der Seebesatzungsordnung einfach unhaltbar gewesen wären und einen erheblichen Einschnitt in die gesamte deutsche Arbeitsmarktpolitik bedeuten.
Georg Dovermann, Bonn
Veröffentlicht in der jungen Welt am 14.08.2019.