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Leserbrief zum Artikel Bundesrepublik: Stramm antikommunistisch vom 10.08.2019:

Größter Skandal der BRD

Beim nochmaligen Lesen sind mir einige Punkte aufgefallen, zu denen ich nun Stellung nehmen möchte. Beginnen wir bei der Überschrift. Die Überschrift lautet: »Stramm antikommunistisch«.
Ich finde, dieser Titel entschärft den Inhalt Ihres Artikels. In der heutigen Zeit sprechen Sie Ihre Leser mit solch einer Überschrift nicht mehr an, dass sie neugierig werden. Warum? Ich schätze, dass unsere Gesellschaft zu weit über 90 Prozent antikommunistisch eingestellt ist. Und somit stimmen diese Leser den ungeheuren Vorgängen, die Sie berechtigterweise ansprechen, zu. Sie erreichen genau das Gegenteil.
Was ist der Inhalt Ihres Artikels: 1.) Manipulation der ersten Bundestagswahl, 2.) massive Beeinflussung der westlichen Besatzungsmächte wie der Staatsorgane der Alt-BRD, 3.) Betrug der Bundestagssitzung vom 22. September 1949.
Ich möchte gleich auf die Bundestagssitzung vom 22. September 1949 kommen. Sie haben zwar die Reaktion von Adenauer auf die Rede von Max Reimann gut beschrieben. Sie haben sogar den Vorwurf Adenauers an Max Reimann erwähnt, er habe den Bundestag entweiht. Auch haben Sie den Auftritt dieser sogenannten Russland-Heimkehrer aufgeführt.
Wer jedoch hinter dieser Inszenierung stand, dass haben Sie verschwiegen. Und genau das ist das Allerwichtigste bei dieser Bundestagssitzung.
Wer wagte, Herrn Adenauer zu widersprechen, dass der Bundestag ein geweihter Ort sei.
Leider haben Bundeskanzler Adenauer und der damalige Bundestagspräsident Köhler selber »Hand angelegt«, dass zu Beginn des Bundestages dieser Ort nicht diesen hohen Anforderungen entsprach.
Ich meine den größten Skandal in der Geschichte des Bundestages.
Ich zitiere den Autor Hubert Reichel, der die Rede von Max Reimann vom 22. September 1949 beschreibt:
»Ganz plötzlich ebbt der Lärm ab. Durch eine nur für Bundestagsabgeordnete reservierte Tür haben zwei seltsame Gestalten den Plenarsaal betreten. Die nackten Füße in Holzsandalen, in zerfetzte Pelerinen gehüllt, der eine mit einer schmutzigen Mullbinde um den Kopf, schieben sich die beiden Männer nach vorn zur Rednertribüne. Kein Bundeshausordner hält sie auf, und auch der auf die Würde des Parlaments bedachte Bundestagspräsident Köhler rührt sich nicht. Eine Provokation! Die beiden Männer behaupten, sie seien gerade aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimgekommen. Anklagend wenden sie sich gegen Max Reimann.«
Die Kronzeugen der Herren Adenauer und Köhler, Thilo Wagner und Siegfried Kluger, waren nie in sowjetischer Gefangenschaft, es waren Vorbestrafte, die ein menschenverachtendes sibirisches Heimkehrerspektakel veranstalteten, mit tosendem Beifall aller Bundestagsabgeordneten außer von denen der KPD. Für mich der größte Skandal in der Geschichte des Bundestages, wurde doch den Menschen in der Alt-BRD diese menschenverachtende Aktion zugemutet. Wie müssen die Angehörigen, die noch Familienmitglieder in der Sowjetunion in Gefangenschaft wähnten, traumatisiert gewesen sein, als sie von diesem Auftritt erfuhren? Verabscheuungswürdig. Mir ist nicht bekannt, ob sich Köhler und Adenauer je bei den Menschen in der Alt-BRD für diese Lügen-Aktion entschuldigt hatten.
Sehr verwundert war ich, als ich im Internet DDR-Zeitungsartikel gefunden habe, die von dem Skandal berichteten. Was mögen sich die Menschen in der DDR über diese unmenschliche Aktion, inszeniert im Bundestag (der »heiligen Stätte« unserer Demokratie), gedacht haben?
Ich frage mich, hat es so etwas in der Volkskammer der DDR auch gegeben?
Sogar der Spiegel hatte damals über den Auftritt dieser beiden Vorbestraften berichtet.
Sehr geehrter Herr Zilkenat, dies war und ist der größte Skandal in der Geschichte der BRD. Zwei der wichtigsten Vertreter der Alt-BRD bedienen sich Vorbestrafter, ermöglichen einen Auftritt in der »heiligsten Stätte unserer Demokratie«, schmieren diese Vorbestraften, und dies soll keine Zeile wert sein!
Ich bin in der DDR-Geschichte nicht so bewandert. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass es in der DDR-Volkskammer einen solchen Vorfall nicht gegeben hat. Wenn doch, ich bin neugierig.
Noch eine Anmerkung zur Manipulation der Bundestagswahlen 1949. Im Juli 1949 erließ Papst Pius XII ein Dekret gegen den Kommunismus. Mehr können Sie aus folgendem Link ersehen:
https://digipress-beta.digitale-sammlungen.de/de/fs1/calendar/1949-07-16.all/bsb00039719_00577.html
Hier stellt sich für mich die Frage, dieses Dekret galt auch für die Katholiken in der DDR. Mussten die Katholiken die Atheisten bekämpfen? Gibt es vielleicht eine andere Geschichte zum Verhältnis DDR-Staat und Christen? Die DDR-Aufarbeiter schweigen bisher zu solchen Fragen. Dies nur nebenbei.
Dieses Dekret bedeutete für die Katholiken, dass sie unter Zwang ihre Stimme bei der ersten Bundestagswahl abgaben. Und dies waren über acht Millionen Wähler. Von freier Willensentscheidung kann hier nicht mehr die Rede sein. Wenn es in einem Land keine freien Wahlen gab, dann in der Alt-BRD für eben diese katholischen Wähler. Sollte diese Wahlbeeinflussung von seiten des Papstes nicht in einem Artikel, der über die erste Bundestagswahl berichtet, vorhanden sein?
Ich komme nochmals auf die Überschrift zurück. Wenn Sie in der Überschrift diese drei Themen mit aufführen, dann bin ich mir sicher, werden ihre Leser neugierig und erhalten einen Mehrwert an gesamtdeutscher Geschichte.
Johann Weber, Ruhstorf
Veröffentlicht in der jungen Welt am 13.08.2019.
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