Der Schwarze Kanal
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Leserbrief zum Artikel Klimastreik: Kein Rot ohne Grün vom 15.03.2019:

Globale Transformation

Am 21. März 1994 trat die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen in Kraft, also vor genau einem Vierteljahrhundert. In Artikel 2 der Konvention steht unmissverständlich: »Das Endziel dieses Übereinkommens und aller damit zusammenhängenden Rechtsinstrumente, welche die Konferenz der Vertragsparteien beschließt, ist es, in Übereinstimmung mit den einschlägigen Bestimmungen des Übereinkommens die Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre auf einem Niveau zu erreichen, auf dem eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems verhindert wird. Ein solches Niveau sollte innerhalb eines Zeitraums erreicht werden, der ausreicht, damit sich die Ökosysteme auf natürliche Weise den Klimaänderungen anpassen können, die Nahrungsmittelerzeugung nicht bedroht wird und die wirtschaftliche Entwicklung auf nachhaltige Weise fortgeführt werden kann.«
Im Dezember 2018, d. h. knapp 25 Jahre später, weigerten sich auf der COP 24 in Katowice die USA, Saudi-Arabien, Russland und Kuwait, den Report mit den wichtigsten Erkenntnisse des IPCC-Sonderberichts zum 1,5-Grad-Ziel zu »begrüßen«. Sie bestanden darauf, dass der Gipfel den Bericht nur »zur Kenntnis nehmen« solle. Absurder geht es nicht mehr! Und selbst wenn alle Länder ihre Pariser Versprechen hielten, würde sich die Welt mit großer Wahrscheinlichkeit eher um drei statt um 1,5 Grad Celsius erwärmen, so der Carbon Action Tracker, ein Zusammenschluss von wissenschaftlichen Instituten.
Das 1,5-Grad-Ziel ist hingegen mit größter Sicherheit nicht mehr zu halten. Bei den derzeitigen globalen Kohlendioxidemissionen von ca. 42 Gigatonnen CO2 pro Jahr ist nämlich das Restkontingent von 420 Gt nach den neuesten Abschätzungen des IPCC und ohne erhebliche Reduktionsmaßnahmen in spätestens zehn Jahren aufgebraucht. Danach dürften dann keine bzw. nur sehr geringe CO2-Emissionen mehr in die Atmosphäre gelangen, was schlicht utopisch ist. Zum Vergleich: Im Bezugsjahr 1990 lag der weltweite Ausstoß bei rund 22,5 Gt.
Offensichtlich begreifen immer mehr Menschen, ob jung oder alt, dass die Politiker in den letzten 25 Jahren so gut wie nichts gegen den Klimawandel getan haben oder dem sogar diametral entgegenstanden. Aber immerhin stehen derzeit den zumeist jungen Demonstranten nun Wissenschaftler bei, denn es ist noch nicht lange her, da wurden die Mahner einer drohenden Klimakatastrophe noch als Panikmacher, Verschwörungstheoretiker (einige Dummköpfe tun dies natürlich auch heute noch) oder Schlimmeres tituliert.
Ob die allseits anerkannte Obergrenze einer atmosphärischen Konzentration von 450 ppm noch gehalten werden kann, um das Zwei-Grad-Ziel noch wenigstens mit einer 50prozentigen Chance zu erreichen, ist leider auch mehr als zweifelhaft. Dies hat mehrere Gründe:
Von ein paar Ausnahmen abgesehen, sind die meisten Politiker nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. So haben beispielsweise viele Regierungen der Welt die veröffentlichten IPCC-Berichte regelrecht kastriert. Und obendrein können im IPCC nur Forscher mitwirken, die von ihren Regierungen vorgeschlagen werden! Der polnische Forscher Zbigniew Kundzewicz bezeichnete den 2007er-Report als »aus politischen Gründen amputiert«. Sein Kollege Wolfgang Cramer meinte: »Die Öffentlichkeit erfährt einen wichtigen Teil der Wahrheit nicht.«
Zum anderen sind viele Politiker letztendlich nur das politische Personal der Geld- bzw. Finanzelite (oder über den »Drehtüreffekt« auch mal das eine oder andere wie z. B. Monsieur Emmanuel Macron oder Mario Draghi) und werden daher nicht gegen deren Willen und Interessen handeln. Dies wäre aber dringend erforderlich, denn kein Unternehmen wird beispielsweise freiwillig auf die exorbitanten Profite mit der Gewinnung und dem Verkauf fossiler Energieträger verzichten. Jedoch müsste rund die Hälfte aller fossilen »Bodenschätze« (etwa ein Drittel der Ölreserven, die Hälfte der Erdgasreserven und mehr als 80 Prozent der Kohlereserven) im Boden bleiben, wenn der Klimawandel wirksam eingedämmt werden soll – ein erheblicher wirtschaftlicher Verlust für die Energieunternehmen in der Zukunft. Wie brachial versucht wird, die Interessen durchzusetzen, zeigt symbolisch der Kampf um den Hambacher Forst. Und dies ist nur ein Beispiel. Lorenz Gösta Beutin schreibt daher völlig zu Recht, dass nur mit einem gänzlich anderen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem (im globalen Maßstab) ein Klimawandel eventuell noch aufzuhalten wäre. Der Kampf ums Klima ist daher in erster Linie ein Kampf gegen gewaltige und übermächtige wirtschaftliche Interessen transnationaler Konzerne und einer kleinen und steinreichen Elite, die ihren Status quo nicht zuletzt eben mit ihrem politischen Personal verteidigen wird. Noam Chomsky nannte die Republikanische Partei der USA »die gefährlichste Organisation der Welt«. Ich würde sie als die Feinde der Menschheit bezeichnen und ausdrücklich viele weitere bornierte Politiker aus aller Welt (nicht nur) in diesem Kontext einbeziehen.
Und selbst wenn es gelingen sollte, diese globale Elite davon zu überzeugen, dass spätestens auch ihre Kinder von keinem Geld der Welt, also meist ihrem eigenen, sich einen zweiten, intakten Planeten werden kaufen können, ist der Bremsweg des Zwei-Grad-Ziels zeitlich einfach zu kurz. Zu kurz, um liebgewonnene Gewohnheiten der (relativ reichen) Menschen – wie für ein Wochenende nach Mallorca zu fliegen, mit einem 2,5 Tonnen SUV und 200 km/h schnell über die Autobahn zu rasen oder kiloweise Hamburger zu essen etc. – so schnell aufzugeben. Und zu kurz auch, um die entsprechende Infrastruktur beispielsweise im Verkehrssektor bereitzustellen oder im Baubereich die Effizienzmaßnahmen umzusetzen. Dem Klimawandel wirksam entgegenzutreten würde auch bedeuten, wie Lorenz Gösta Beutin ebenfalls richtig schreibt, einen Ausgleich zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden herzustellen. Und auch innerhalb der Gesellschaften müsste selbstverständlich eine gerechtere Verteilung des Reichtums stattfinden. Von selbst wird sich jedenfalls der Kapitalismus nicht abschaffen, im Gegenteil, er gibt gerade Vollgas.
Es ist mittlerweile fünf nach zwölf. Zurückdrehen ließe sich die Uhr nur, indem der Atmosphäre kurzfristig und massiv Kohlendioxid wieder entzogen wird. Die meisten Hochrechnungen des IPCC beinhalten denn auch die »negativen Emissionen«, kurz NET. In 344 von 400 computersimulierten Szenarien, so der IPCC 2015, sei das Zwei-Grad-Ziel nur noch zu erreichen, wenn das Zuviel an CO2-Müll aus der Atmosphäre entfernt wird! Im großen Maßstab existieren hingegen noch keine CCS- bzw. Carbon-dioxide-capture-and-storage-Technologien. Sie dürften auch auf wenig gesellschaftliche Akzeptanz treffen und sind extrem teuer. Und offensichtlich bedarf es noch nicht einmal einer globalen Erwärmung um zwei Grad Celsius, um unumkehrbare Prozesse anzustoßen: »Der Kollaps dieses Teils der Westantarktis scheint nicht mehr zu stoppen«, so der Forscher. Das völlige Abschmelzen dieses Gletschergebiets sei unausweichlich. Selbst wenn wir den Ausstoß von Treibhausgasen sofort drastisch verringern würden, würde dies den Kollaps nicht mehr vermeiden können. Die unumkehrbare Schmelze könnte aber noch eine fatale Folge nach sich ziehen: Weil diese Gletscher wie eine Barriere das gesamte Westantarktische Eisschild halten, könnte ihr Verlust auch den Rest dieses Eises destabilisieren. Soweit die Forschung.
Wir werden es in naher Zukunft nicht nur mit Hunderten Millionen Klimaflüchtlingen zu tun haben, sondern schlicht mit dem Ende der menschlichen Zivilisation, sollten wir die wesentlichen Kippunkte (Point of no return) überschreiten und mittelfristig auf die vier Grad oder mehr an globaler Erwärmung zusteuern. Nach einer Studie der Weltbank werden in einer solchen Welt mit global vier Grad plus ca. 80 bis 90 Prozent der Menschheit nicht überleben. Wobei dann abschließend die Frage bleibt, wo und vor allem wie soll der Rest überleben? Wie Mad Max? Also, nur keine Panik?! Oder eben doch die berechtigte Forderung von Greta Thunberg auf der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums in Davos im Januar 2019: »Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre.«
Normale Eltern, egal welcher Hautfarbe, Religion und unabhängig davon ob arm oder reich, behaupten von sich, dass sie ihre Kinder lieben. Insofern könnte die berechtigte Angst um ihr Überleben in naher Zukunft durchaus vernünftig sein! Oder doch alles nur Verschwörungstheorien? Ist Russland schuld? Oder sind es die Chinesen? Doch auch die dürften ihre Kinder lieben!
Weltweit haben am 15. März 2019 Hunderttausende zumeist junge Menschen für einen echten und wirksamen Klimaschutz demonstriert. Sie stellen sich damit gegen das eine Prozent der Weltbevölkerung, das die Erde und deren Reichtümer unter sich aufgeteilt hat, und gegen deren mächtige Helfershelfer wie IWF, Weltbank bzw. ganz allgemein gegen die Feinde der Menschheit. Oder, wie Jean Ziegler sie nennt: »Weltdiktatur der Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals«.
Die meist jungen Demonstranten können zwar nicht so ohne weiteres niedergeknüppelt werden wie bei üblichen Demonstrationen. Zu befürchten ist jedoch, dass nach ein paar weiteren Demonstrationen »der Wind in den Segeln abflauen wird«. Die einzige Chance, die ich sehe, ist, dass die vernünftigen Wissenschaftler der Welt sich nicht nur verbal hinter die jungen Menschen stellen, sondern deren Forderungen eines wirksamen Klimaschutzes durchzusetzen versuchen – eine Art Rat der Weisen, auch wenn es utopisch klingen mag. Von allein schafft sich der Kapitalismus, wie gesagt, jedenfalls nicht ab.
Die technischen Mittel für einen wirksamen Klimaschutz, allen voran die regenerativen Energien, stehen uns seit vielen Jahren zur Verfügung (Wind und Wasser werden seit Jahrhunderten genutzt!). Was wir jedoch zeitnah benötigen, ist nichts weniger als eine globale gesellschaftliche Transformation: eine gerechte Verteilung der Reichtümer für die gesamte Weltbevölkerung, gegenseitigen Respekt und damit den ersten Weltfrieden. Die Welt ist groß genug für die Bedürfnisse aller Menschen, aber viel zu klein für die Gier weniger (Mahatma Gandhi).
Ulrich Becker, Alfter
Veröffentlicht in der jungen Welt am 22.03.2019.
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