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Leserbrief zum Artikel Papst in Jemen: Papst schweigt zu Jemen vom 06.02.2019:

Ignorant und hochmütig

Jeder einladende Staat verfolgt mit seiner Einladung immer eigene Interessen. So auch die VAE zum VAE-»Jahr der Toleranz 2019« mit der Einladung an den Vatikan und dessen »Staatschef«, den katholischen Papst Franziskus. Das ist weltweit üblich und normal. Wenn man sich die gut 1.000 Jahre alte, mal mehr, mal weniger kriegerischen Feindseligkeiten zwischen Islam und Christentum vor Augen hält und weiter weiß, dass erlittene historische Verletzungen sich mit tiefen Wurzeln eingraben, die weit über diese oder jene tagespolitische Erscheinung hinausgehen (in der heutigen Zeit vielleicht auf die Spitze getrieben zwischen islamistischen »Paradies-Gottes«-Kriegern dort und wüsten Islam-Hassern im »christlichen« Abendland), der kann diese ungewöhnliche Einladung vielleicht besser ermessen. Denn dabei blieb es ja durchaus nicht. Es gab nämlich u. a. (Gerrit Hoekman erwähnt das auch) ein sehr großes interreligiöses Treffen mit namhaften Geistlichen aller großen Religionen. Scheint so, als ob Gerrit Hoekman erwartet habe, dass der Papst, mit linker Wortwahl z. B. gegen die Kriegsbeteiligung im Jemen auftretend, die VAE flammend verurteilt. Wer dort angesichts des andauernden Krieges (von dem ja schließlich jeder dort weiß) klar benennt: »Krieg kann nichts anderes als Elend schaffen, Waffen bringen nichts als den Tod«, versteckt sich keineswegs hinter einem Allgemeinplatz, sondern jeder, der Ohren hat zu hören, hört da sehr deutlich, was gemeint ist. Und wer als Religionsführer an alle anderen gewandt (nicht zuletzt auch an »christliche« religiöse Fanatiker) deutlich macht: »Gewalt im Namen der Religion ist nie je zu rechtfertigen«, ist angesichts von geschichtlicher und gegenwärtiger Gewalt zwischen Religionsgruppen keineswegs windelweich, sondern bringt ein sehr klares Statement. Noch mal zur Erinnerung: Dies war ein Staatsbesuch mit interreligiösen Themen, keine linke Demo. Auch eine, u. a. von Tausenden Muslimen besuchte christliche Abschlussmesse in einem muslimischen Land war ein meines Wissens so noch nicht dagewesenes Ereignis über enge Religionsgrenzen hinweg. Ich finde, es gilt, auch andere Wege zu einem friedlichen Miteinander wahrzunehmen, ihre besondere Spezifik herauszuarbeiten, sie zu nutzen, statt sie mal eben links »abzuwatschen«. Das empfinde ich als ignorant und hochmütig. Es lohnt sich, von diesem Papst, der der südamerikanischen Kirche der Befreiung bzw. des Volkes immer schon nahestand, mal zu lesen, mit welcher (wenn auch religiös motivierter) Klarheit er den Kapitalismus auseinandernimmt und verurteilt (Evangelium gaudii) und auch dessen umweltzerstörende Aspekte (Laudate si).
Robert Ryzek
Veröffentlicht in der jungen Welt am 12.02.2019.