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Leserbrief zum Artikel Politische Theorie: Der Brennpunkt aller Fragen vom 08.01.2019:

Blauäugige Lektüre

Trotz übermenschlicher Bemühung konnte ich das, was zu sagen ich mich verpflichtet fühle (einschließlich der frappierenden Heidegger-Analogie), nicht kürzer hinkriegen. Die kürzeste Version wäre: Die Besprechung von Kannapin erscheint mir trotz aller Vorsicht doch zu blauäugig. Also – nicht schön, aber wahr: Ich fürchte, dass die FAZ (23.2.2018/Plaggenborg) Hugo Fischers »Lenin« von 1933 genauer gelesen hat als die jW. Erstere vermutet, Fischer könnte mit der Verbindung von »linkem Antikapitalismus« und »rechtem Nationalkonservatismus« und einer unverhohlenen Russland-Orientierung »zum Hausphilosophen der Neuen Rechten werden«. Der Weg, den der Text zu den Herausgebern gefunden hat, von Carl Schmitt über Armin Mohler und Günter Maschke, koloriert den Verdacht. Klar: Fischer bewundert Lenin, aber er ist kein Leninist (ebensowenig wie der »Nationalbolschewist« Ernst Niekisch mit seinem Lenin-Kapitel in »Die dritte imperiale Figur« von 1935). »Der Deutsche hat nicht die Absicht, […] den Sozialismus […] mit der tartarischen Wut eines Lenin zu verwirklichen.« (S. 22) Lenin erscheint als der große Exponent eines »neuen Typus Staat« (S.21). »Staat durch Sozialismus« lautet die Formel, mit der Fischer seine Argumentation doppeldeutig zusammenfasst. In einer Überhöhung des Politischen wird der Staat zum eigenen Wert. Der »moderne« Staat ist der totale Staat. Fischer ist auch ein Mussolini-Versteher, aber der Osten »des dämonischen Lenin« (S. 23) ist dem ästhetisierenden Romanischen überlegen. »Die Gründlichkeit des Slawen liegt auf der Seite seines wühlenden Intellekts: mit ihm erfasst er die düsteren sozialen Elementargewalten, die hintergründig das staatliche Leben der Völker bestimmen.« (S. 22) »Die Gründlichkeit des Deutschen« (ebd.) ist anders geartet; sie blickt tiefer und weiter. Der Staat ist ihm nicht das Endziel, sondern ein Vorletztes, das das eigentlich Gemeinte vorbereitet. »Der Weg führt vom Staat zum Reich« (S. 23), das sich selbst begründet und genügt. Zuerst allerdings muss der moderne, der modernste Staat zu seiner Vollendung gebracht werden, und in dieser Hinsicht lernen wir von Lenin. Dann aber »kommt ein Augenblick, in dem das Volk aus dem Staat ein Reich machen muss«. (ebd.) Die Konzeption kann mühelos in die Sprache des geistig verwandten Heidegger übertragen werden: Erst wenn die »Metaphysik« in ihre äußerste Konsequenz getrieben ist, wird die Linie hin zum seinsgeschichtlich erlösenden »Ereignis« transzendiert.
Hugo Fischer hat sein Buch bis auf wenige Rohexemplare einstampfen lassen, obwohl von seiten der Partei und des Staates keine ernsthaften Bedenken geäußert worden waren. (Ch. Tilitzki, Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, Tl. 1, Berlin 2002, S. 747) Anfang 1941, Fischer weilte seit längerem im Ausland, stellte das Reichserziehungsministerium die Entscheidung über seine künftige Verwendung bis zum Kriegsende zurück. (G. Leaman, Heidegger im Kontext. Gesamtüberblick zum NS-Engagement der Universitätsphilosophen, Hamburg 1993, S. 39.)
Wolf-Dieter Gudopp, Frankfurt am Main
Veröffentlicht in der jungen Welt am 11.01.2019.