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Leserbrief zum Artikel Wiener Neujahrskonzert: In guter alter Tradition vom 29.12.2018:

Würger der Revolution

Chapeau für jW und ihren Autor Berthold Seliger, in dessen Beitrag endlich einmal der Nazigeist in der Wiener Philharmonie entlarvt wird. Dass deren Neujahrskonzert immer mit dem Radetzky-Marsch ausklingt, habe ich stets als eine Kulturschande empfunden, und ich habe mich gefragt, was in den Köpfen der zu diesem Militaristenmarsch frenetisch Beifall klatschenden High-Society-Vertreter vor sich gehen mag. Es könnte spekulativ anmuten, aber zu den Verteidigern der Demokratie gegen den auch in Wien bis in die Regierung um sich greifenden neofaschistischen Einfluss werden sie wohl kaum gehören.
Ein herausragender Militär war der so gefeierte Radetzky übrigens nicht. Seine Siege in Italien verdankte er Carlo Alberto, der aus Angst, die Volksmassen könnten die Revolution zum Siege führen, sich lieber schlagen ließ. »Die italienische Unabhängigkeit geht verloren – nicht an der Unbesiegbarkeit der österreichischen Waffen, sondern an der Feigheit des piemontesischen Königtums«, schrieb Friedrich Engels am 1. April 1849 in der Neuen Rheinischen Zeitung. Als in Mailand am 1. Januar 1848 die Revolution ausbrach, hatte Radetzky eine friedliche Demonstration blutig niederschießen lassen. Danach erhoben die Mailänder Patrioten sich zum Aufstand gegen die österreichische Besatzung und jagten Radetzky mit seinen Truppen aus der Stadt. Nach seinem Sieg bei Novarra im März 1849 nahm er an den italienischen Revolutionären in der Lombardei und Venetien blutige Rache, unzählige Aufständische wurden hingerichtet, über 5.000 eingekerkert. Gefeiert wird also bis heute im Neujahrskonzert in Wien mit dem Radetzky-Marsch der Würger der Revolution. So auch an diesem 1. Januar 2019, zu dem der neue Dirigent, Christian Thielemann, in schwarz-weißer Krawatte zum Stresemann persönlich – was nicht immer üblich war – den Stab führte.
Doris Prato
Veröffentlicht in der jungen Welt am 03.01.2019.