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Leserbrief zum Artikel Konzernmacht: Post kontra Presse vom 01.12.2018:

Schweizer Erfahrungen

Wenn ein Post-Vorstandsvorsitzender täglich 27.000 Euro und mehr verdient, dann kann es doch niemand verwundern, wenn sein Unternehmen Zusagen einfach bricht und überall den Rotstift ansetzt. Solche Phantasiegehälter müssen ja irgendwie finanziert werden.
Hier meine neueste Erfahrung mit der Deutschen bzw. Schweizer Post:
Ein neu bestelltes Abo der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung aus Berlin begann mit der Ausgabe 47/2018. Gemäß Verlag wurde diese am Mittwoch, den 21. November 2018, der Deutschen Post in Berlin zum Versand übergeben. Sie erreichte mich heute, Dienstag, 4. Dezember 2018, und war daher fast zwei Wochen unterwegs. Der Umschlag enthält oben rechts den postalischen Vermerk: »Presse und Buch internationale/Ein Service der Deutschen Post/Allemagne/Port payé«.
Nachdem die Zeitung weder am Freitag noch am Samstag bei mir eingetroffen war, kontaktierte ich den Verlag, welcher u. a. schrieb:
»Die Zeitung wird am Drucktag Mittwoch bis deutsche Grenze geliefert, danach ist die einheimische Post zuständig. Soweit wir wissen, wird in der Schweiz von Subunternehmern ausgeliefert, die die Pressesendungen mit geringer Priorität behandeln. Leider haben wir darauf gar keinen Einfluss. Es bleibt nur die Option, gegen Aufpreis auf Luftpost umzustellen. Dann ist die Zeitung unserer Erfahrung nach innerhalb von zwei bis drei Tagen da.«
Selbstverständlich habe ich mein Abo sofort gekündigt.
Letztes Jahr erhielt ich vom ORF in Wien jeden Monat das Programmheft des Kultursenders Ö 1. Dieses traf bis zu drei Wochen nach Programmbeginnabdruck bei mir ein! Auf dem Umschlag war ein Vermerk, welcher auf die Aufgabe in Brüssel hinwies (!), und neben dem Hinweis »Irrtum vorbehalten« wurde noch die »Asendia« erwähnt. Aus diesem Grunde habe ich heute morgen
die Schweizer Post in Bern telefonisch kontaktiert und wollte wissen, ob die Asendia auch im neuesten Fall ihre Hände im Spiel hat. Tatsächlich wurde mir dies so bestätigt. Bei der Asendia handelt es sich um ein Gemeinschaftsunternehmen der Französischen und der Schweizer Post, welches weltweit tätig zu sein scheint (asendia.com):
Ist dies nicht ein Skandal? Die Schweizer Post führte vor vielen Jahren eine A- und eine B-Post ein (Priority und Economy). A- oder Priority-Post erreicht den Empfänger in der Schweiz in der Regel einen Werktag nach Aufgabe, B- oder Economy-Post benötigt zwei bis drei Werktage. Da Deutschland (im Gegensatz zur Schweiz, Österreich, Frankreich und Italien) bei der
Briefpost diesen Unsinn zwischen Priority und Economy nie eingeführt hat, muss die Schweizer Post alle Briefe aus Deutschland – unabhängig, ob sie einen Priority-/Luftpostvermerk oder nicht aufweisen – als A- bzw. Priority-Post sofort verteilen. Dies war der Schweizer Post sicher ein Dorn im Auge. Und so wurden voraussichtlich die Deutsche Post und andere von Vertretern des Gemeinschaftsunternehmens Asendia aufgesucht und »bearbeitet«. Mit der Konsequenz,
dass sich die Schweizer Post bei der Verteilung der »Presse und Buch internatuional«-Sendungen mehr als zehn Tage Zeit lassen kann. Ist dies nicht clever? (Die jW verschickt ihre Zeitung ins Ausland als Brief mit dem Vermerk »Luftpost/Prioritaire«, sie muss daher im Zustelland sofort verteilt werden. Dies ist in der Regel in der Schweiz einen Werktag nach Aufgabe in Berlin der Fall. Bei Briefen wird in Deutschland nicht zwischen Luftpost und Economy unterschieden).
Vielleicht können Sie darüber berichten. Dieses Beispiel entspricht ja auch weiteren skrupellosen und skandalösen Machenschaften, die Sie in Ihrer Zeitung bereits erwähnten (Ausbeutung der Mitarbeiter usw.).
In den 80er Jahren war ich in Zürich Abonnent mehrerer DDR-Zeitschriften (Fotografie, Magazin, Wochenpost, Deutsche Post, NDL, Sinn und Form u.a .). So lernte ich perfekt, »zwischen den Zeilen« zu lesen. Damals wurde »im Westen« immer wieder betont, dass DDR-Bürger keine Westzeitungen und -Zeitschriften bestellen könnten und dies daher eine Verletzung der Menschenrechte bedeute. Doch wo sind wir heute? Zeitungsabonnements z. B. aus Italien kann man sich wegen der übertriebenen Auslandsporti praktisch nicht mehr leisten. Ist dies nicht auch eine Verletzung der Menschenrechte oder des Informationsrechts?
Nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass die Zuschläge für Auslandspost, soweit ich informiert bin, gar nicht die Transportkosten in das betreffende Land decken, sondern zur Deckung der Kosten für die Verteilung der aus dem Ausland in Deutschland (oder in der Schweiz) eintreffenden Sendungen. Doch dies weiß der Normalbürger gewöhnlich gar nicht. (Beispiel: Ein Standardbrief bis 20 g von Deutschland in die gesamte Welt kostet (Priority) zur Zeit 0,90 Euro. Die Schweizer wollen für dasselbe 1,50 CHF nach Europa und 2,00 CHF in die restlichen Kontinente; Economy kostet weniger, aber ist auch viel länger unterwegs).
Und noch etwas: Seit langem wird beklagt, dass jedes Jahr weniger Briefe versandt werden. Wieso wird denn nicht endlich die A- und B-Post für Briefe abgeschafft? Die Post-Vorstandsvorsitzenden der verschiedenen Länder treffen sich gewiss regelmässig. Bei solchen Treffen werden dann die neuesten fiesen Tricks ausgetauscht und anschließend angewandt (siehe Asendia). Der neuste Trend ist folgender: Die versandten Briefmengen werden jedes Jahr kleiner. So müssen schon seit mehr als einem Jahr französische Briefträger einmal pro Woche bei Senioren usw. läuten und sich nach deren Befinden erkundigen usw. (Bezahlt werden muss diese "Dienstleistung" von den Senioren. Die italienische Post hat ihrerseits mit Amazon ein Abkommen geschlossen, nach dem die italienischen Briefträger nun auch samstags bis 20 Uhr Pakete verteilen müssen. Diese Neuigkeiten werden natürlich bei den Meetings der europäischen Post-Vorstandsvorsitzenden untereinander besprochen und nachgeahmt. Wenn es so weitergeht, muss mir vielleicht in zehn Jahren der Briefträger, welcher eine ganz andere Ausbildung hat, den Hintern reinigen. Wenn er sich weigert, wird er wohl einen neuen Job suchen müssen. Was sind dies für Auswüchse?
Ich überlege mir, ob ich versuchen soll, wegen der Machenschaften Asendia und Deutsche Post auch an die hiesigen Medien zu gelangen. Schließlich flogen dieses Jahr kriminelle Machenschaften von Postauto auf (https://www.srf.ch/news/schweiz/postauto-skandal-so-lief-der-offerten-schwindel).
Nun haben einige Kantone beschlossen – so der Kanton Jura, wo ich wohne –, dass die Linien nächstes Jahr neu ausgeschrieben werden. Man kann sich vorstellen, welche Unruhe jetzt unter den Angestellten herrscht. Denn wenn Postauto den Zuschlag nicht mehr bekommt, heißt dies Entlassung bzw. Suche nach einer neuen Beschäftigung, vielleicht beim neuen Unternehmen, sicher mit kleinerem Gehalt. Wie in solche Fällen üblich, werden die Verantwortlichen weder mit Gefängnis noch mit Busse rechnen müssen - sie werden einfach entlassen. Zum Geld sind sie ja gekommen - siehe den erwähnten Postvorstandsvorsitzenden.
Postauto betrieb auch Postautolinien in Frankreich. Auch dort gab es Skandale, und die Linien müssen nun eingestellt werden. Kommt als nächstes vielleicht Asendia daran? Es ist klar, dass der Schweizer Post ein Dorn im Auge ist, dass sie die deutsche Briefpost sofort zustellen muss, obwohl in Deutschland ein Einheitstarif für Auslandsbriefe besteht. Dadurch, dass die Deutsche Post nun viele Sendungen einfach an Asendia auslagert, kann sich die Schweizer Post zwei Wochen Zeit für die Verteilung lassen oder mehr. Doch durch Asendia wurde eine »clevere« Lösung gefunden, um zu sparen ... Das Gehalt des Schweizer Post-Vorstandvorsitzenden wird ja nach Einführung der Asendia wohl noch höher geworden sein. Und die Deutsche Post macht das Spiel mit!
Ich glaube, dass es wirklich an der Zeit ist, vermehrt auf solche Auswüchse aufmerksam zu machen und zu versuchen, gewisse Entscheide mindestens teilweise zu ändern. In den sechziger Jahren erhielt ich in Zürich Briefe aus Amsterdam und Mailand, abgestempelt zum Beispiel am Mittwoch abend um 21 Uhr, welche mich am Donnerstag nachmittag erreichten.
Von 1966 bis 1969 arbeitete ich in Mailand und erhielt Briefe, abgestempelt in »Napoli Centro«, um 21 Uhr: Am andern Morgen um 9 Uhr war der Brief bei mir (Normalpost, keine Eilsendung!). Gewöhnliche Briefe, abgestempelt am Morgen in Bern, erreichten am Nachmittag den Empfänger in Zürich. Das Porto kostete 20 Rappen. Und damals gab es noch keine Postleitzahlen. Heute ist dies nur noch ein Wunschtraum. Doch auch dies wissen viele heute nicht mehr und können es kaum glauben. Tatsache ist aber, dass in den sechziger Jahren die NZZ dreimal täglich erschien. So auch der Postbote. Nur eine reine Abendzeitung (Die Tat, vom Migros-Chef Duttweiler) wurde durch eigene Boten abends zugestellt.
Mit dieser Mail haben Sie von mir einige Informationen erhalten, welche Sie von einem heutigen Aufwachsenden nicht bekommen. Daher frage ich mich, ob die jW nicht eine Serie beginnen könnte mit Erinnerungen von ehemaligen älteren DDR-Bürgern, sowohl positive wie negative. Doch vielleicht haben Sie dies bereits früher getan.
Roland Hauri, Ederswiler/Schweiz
Veröffentlicht in der jungen Welt am 05.12.2018.

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