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Leserbrief zum Artikel Festung Europa: Milizen drohen Helfern vom 15.08.2017:

Zynische Flüchtlingspolitik

Auf dem Vorblatt einer mittelalterlichen Versnovelle mit dem Titel »Der Welt Lohn« (neuhochdeutsch) wird auf einem Kupferstich eine schöne und begehrenswerte Frau gezeigt. In der Vorderansicht, das Bild ihrer Rückseite findet sich darunter: ein von Maden, Blattern und Geschwüren zersetzter Körper. Eben das Doppelantlitz der Frau »Welt«. An dieses Bild muss ich denken, wenn ich die Merkelsche Flüchtlingspolitik betrachte: Willkommenskultur die Vorderansicht, immer noch hochgelobt von Menschen guten Glaubens, jedenfalls hehr und edel und verehrt von Minnesängern der Humanität, bestgehasst von wutverzerrten Xenophoben, die den »volkseigenen« Genpool namens Michel gegen den »Tsunami der Asylantenflut« namens Ali – so die Pegida-Rhetorik – glauben schützen zu müssen. Neben all dem Unrecht – gemessen an der GG-Formulierung »Politisch Verfolgte genießen Asyl« – wie Asylbewerberleistungsgesetz, Asylverfahrenbeschleunigungsgesetz, Dublin-Verordnung etc. sollte man sich ein wenig vertrauter machen mit der neuesten Strategie des Flüchtlingskommissars de Maizière. Mit Wissen und im Einvernehmen mit unserer Kanzlerin, versteht sich. Die Balkan-Route ist geschlossen, eine legale Einwanderungsroute hat die EU unter Inkaufnahme Tausender Ertrunkener im Mittelmeer nicht eröffnet, das muss uns der »Heimatschutz« wert sein. Was bleibt? Die dem Tod Entkommenen »zurückführen« und den Geretteten die Einreise nach Italien – lange alleingelassen mit den Flüchtlingen – verweigern. Die privaten Seenotretter behindern durch Warnschüsse der sogenannten libyschen Küstenwache, ihnen Verfahren anhängen wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung, ja auch Zusammenarbeit mit Schleppern zu unterstellen. Und am besten, damit man das »Elend« nicht vor der Haustür hat und hingucken muss, gleich in Libyen abfangen, wo sie in den Gefängnissen gefoltert und vergewaltigt werden von lokalen Milizen. Zur Abschreckung. Dafür soll's Gelder geben von der EU. Also, wie man sagt, das Übel an der Wurzel packen, Afrikaner bleiben in Afrika. Heimatnah, sozusagen. Und wenn es kein Geld aus den EU-Töpfen gibt, dann muss halt die Familie den inhaftierten Flüchtling auslösen. Den Weststrand Libyens beherrscht ein einziger Warlord mit einem Patrouillenboot. Diese »libysche Küstenwache«, wie sie in den EU-Beschlüssen genannt wird, ist dafür bekannt, dass sie die kleineren der Flüchtlinge rammt bis zum Kentern und Untergang. (Quelle: Hessischer Rundfunk) Ihr werden dann die überlebenden Schiffbrüchigen von den italienischen Kriegsschiffen übergeben. Naja, so unser Genpoolmichel, nicht die feine Art. Aber was muss, das muss. Und der Gutgläubige: Wenn das die Kanzlerin wüsste!
Jörg Sternberg
Veröffentlicht in der jungen Welt am 19.08.2017.