Leserbrief zum Artikel Protektorat Südost
vom 11.02.2012:
Modell absoluter Verarmung
Werner Pirkers treffender Analyse möchte ich nur im letzten Punkt widersprechen: Der These, das deutsche Modell von Lohnzurückhaltung für Exporterfolge solle nun ganz Europa verordnet werden. Für Griechenland zumindest trifft dies nicht zu. Während in Deutschland ja immerhin ein erheblicher Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung von der deutschen Exportindustrie benutzt wird und dafür einen sparsam bemessenen Lohn bezieht, werden von Griechenland jetzt noch ganz andere Verhältnisse gefordert: Der Zusammenbruch der griechischen Wirtschaft und Entlassungen bis zu dem Punkt, dass die Mehrheit der lohnabhängigen Bevölkerung in Griechenland überhaupt keine reguläre Arbeit mehr findet, wird rücksichts- und bedenkenlos einkalkuliert. Eine Perspektive, dass mit den jetzigen "Rettungsmaßnahmen" die griechische Wirtschaft wieder konkurrenzfähig wird, ist nicht abzusehen - als Ziel der Rettung wird ja eine Rückführung der griechischen Staatsverschuldung auf 120 Prozent des BIP vorgegeben, also weiterhin ein so unhaltbar hoher Verschuldungsgrad (wie etwa jetzt bei Italien), dass alle Einnahmen künftiger Generationen verpfändet werden. Ziel und Zweck der diktatorischen Vorgaben von Deutschland, Frankreich und Kumpanen ist nicht die Beförderung griechischer Exporterfolge (durch Lohndumping), sondern das rücksichtslose Absaugen aller noch vorhandenen Zahlungsfähigkeit zum Zwecke der Schuldenbedienung. Die Fiktion der Zahlungsfähigkeit Griechenlands soll noch so lange wie möglich aufrecht erhalten werden, damit die Banken sich auf den unvermeidbaren Crash vorbereiten und dabei vorher noch ein Maximum an Euros aus den Schuldnerländern herausziehen können. Dieses Programm wird die "Realwirtschaft" Griechenlands, die Lebensverhältnisse der Bevölkerung und die demokratischen Elemente des politischen Systems nachhaltig zerstören - aber daran stören sich Merkel und Sarkozy nicht im Geringsten. Die Perspektive für Griechenland heißt Barbarei - oder Sozialismus.