Aus: Ausgabe vom 17.02.2017, Seite 16 / Sport

Im Fieber

Ist da was? Der deutsche Wasserball schaut nach vorn

Von Klaus Weise
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Einst waren sie Europameister, WM-Dritte, Weltpokalsieger, stellten mit Spandau 04 viermal den Gewinner des Europacups der Landesmeister – doch das war vor Jahren, vor Jahrzehnten, um genau zu sein, vor langer Zeit, in den 80er Jahren. Seitdem ist der deutsche Wasserball weg vom Fenster. Der Abstand zur Weltspitze beträgt Lichtjahre.

Das einst strapazierte Werbemotto »Mittendrin statt nur dabei« hat sich nicht nur ins Gegenteil »Nur dabei statt mittendrin« verkehrt, nein, von einem »dabei« kann man schon nicht mehr sprechen, wenn die DSV-Akteure bei internationalen Championaten fehlen, wie bei Olympia 2012 in London und 2016 in Rio oder bei der Weltmeisterschaft 2015 in Kasan. Auch die kommende WM im Sommer in Budapest wird ohne den DSV stattfinden. Ein Armutszeugnis, das noch deprimierender ausfällt, wenn man weiß, dass die Jugendauswahlteams seit Ewigkeiten bei internationalen Championaten nur Zuschauer sind und in den ganz wenige Ausnahmefällen keine einstellige Finalplazierung erreichen.

Seit Monaten wird übrigens ein neuer Männer-Bundestrainer gesucht, der die große Wende einläuten soll. Der ideale Mann ist sportlich anspruchsvoll und finanziell bescheiden, denn der DSV ist ziemlich klamm.

Als Interimslösung haben der 2012 zurückgetretene Hagen Stamm, der seit 2000 amtiert hatte, und der Hannoveraner Uwe Brinkmann, 1991 bei der WM am Beckenrand, die Betreuung übernommen. Bei den aktuellen Weltliga-Spielen, in denen das Nationalteam am Dienstag abend in Stuttgart die Slowakei empfing, versuchen sie das Kunststück, die Auswahl zugleich personell völlig neu auf- und umzubauen sowie das klitzekleine Fünkchen Wasserball-Hoffnung zu nähren. Es wurde sogar gewonnen: 4:3 im Fünfmeterwerfen.

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Liest man die Namen des Kaders, muss man einen Mannschaftsguide der Bundesligisten daneben liegen haben – nahezu alle sind im echten Wortsinne Nobodies. Oder haben Sie schon mal was von Hans, Kalberg, Küppers, Korbel, Kössler oder Strelezkij gehört?

Lukas Küppers, Jahrgang 1996, ist zum Beispiel ein aufstrebender Youngster. Seit anderthalb Jahren spielt er aus Potsdam kommend bei Spandau. Im November 2016 feierte der 1,90 Meter große, 93 Kilo schwere Athlet sein Auswahldebüt – im Hinspiel gegen die Slowaken. Die Erinnerungen daran sind geteilt. »Nicht, weil wir mit 7:10 verloren haben, sondern weil die halbe Truppe durch einen Virus ausgefallen ist und darnieder lag. Auch ich habe mit Fieber gespielt, musste hinterher im Krankenhaus an den Tropf«, erzählt Küppers. Die Trainer loben ihn für seinen Schuss, er ist eine gefährliche Option aus dem Rückraum. Er versucht Sport und Beruf zusammenzubringen, studiert an der TU in Berlin Verkehrswesen. Und hat sich ein strenges Tagesregime auferlegt. »Sechs Uhr stehe ich auf, 7.45 Uhr bis 9.30 Uhr steht die Morgeneinheit an, von 10.15 Uhr bis 16, 17 Uhr hat die Uni das Prä und von 17.30 Uhr bis 20.30 Uhr ist die zweite Einheit im oder ums Becken an der Reihe. Danach folgt der Heimweg, vor 22 Uhr ist in der Regel kein Ende in Sicht«, schildert der Nationalspieler den Alltag.

Dass man als Wasserballer nicht zu den Besserverdienenden des Sports gehört, weiß er. Egal: »Mein Traumziel ist es, zu helfen, die Sportart in Deutschland wieder zu beleben und bei Olympischen Spielen dabeizusein.«

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