Aus: Ausgabe vom 14.01.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Raketen auf Al-Mesa

Israel verübt Luftschlag auf Militärflughafen bei Damaskus. Tauziehen um Wasserquellen im Barada-Tal hält an

Von Karin Leukefeld
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Gefahr von oben: Israelische Kampfjets nehmen wiederholt Ziele in Syrien ins Visier (Flugschau in Israel, 26.6.2016)

Die israelische Luftwaffe hat erneut Syrien angegriffen. In der Nacht zu Freitag schlugen Raketen auf dem Militärflughafen Mesa in Damaskus ein und lösten Explosionen und ein großes Feuer aus.

In einer Stellungnahme des Generalkommandos der syrischen Streitkräfte, die am Morgen über syrische Medien ausgestrahlt wurde, hieß es, der Angriff habe sich kurz nach Mitternacht ereignet. Die Raketen seien aus der Umgebung des Sees Genezareth abgefeuert worden. Der See liegt etwa 100 Kilometer (Luftlinie) südwestlich von Damaskus am Rande der syrischen Golanhöhen, die 1967 von Israel besetzt und 1981 völkerrechtswidrig annektiert wurden. Der Angriff habe die »terroristischen Organisationen (in Syrien, Anm. d. R.) unterstützen« sollen, erklärte die syrische Armeeführung. Man warne Israel vor den Folgen des »ungeheuerlichen Angriffs«. Die syrischen Streitkräfte würden alle terroristischen Gruppen in Syrien verfolgen, »bis sie vernichtet sind«, und denen »die Arme abschlagen, die sie unterstützen«.

Bereits am 7. Dezember hatte Israel den Flughafen Mesa mit Boden-Boden-Raketen angegriffen. Wie damals schwieg das israelische Verteidigungsministerium auch zu dem jüngsten Angriff. Israelische Medien übernahmen indes weitgehend die Darstellung der syrischen Streitkräfte sowie von Nachrichtenagenturen. Die Times of Israel meldete unter Berufung auf »saudische Berichte«, dass hochrangige syrische Offiziere getötet worden seien.

Der ehemalige Hauptstadtflughafen Mesa ist von Wohngebieten umgeben, wird aber nur von Hubschraubern benutzt. Auf dem weitläufigen Gelände befinden sich ein Gefängnis des syrischen Luftwaffengeheimdienstes und, wie die starken Explosionen nach dem nächtlichen Angriff belegen, auch größere Munitions- und Treibstofflager. Nach Angaben der Armee wird Al-Mesa als Drehscheibe für Truppen und Material für logistische Zwecke benutzt. In den vergangenen Jahren war der Flughafen wiederholt von bewaffneten Gruppen aus den Vororten Daraja und Moadamija attackiert worden. Umgekehrt hatte die syrische Armee von dort aus vor allem die Kämpfer in Daraja angegriffen. Sowohl in Daraja als auch in Moadamija war im Herbst 2016 der Abzug der Kämpfer und Waffenstillstände vereinbart worden.

Nur wenige Stunden vor dem jüngsten Angriff auf den Flughafen Mesa hatte sich am Donnerstag morgen in Kafar Susa (Damaskus) ein Anschlag auf einen Sportklub ereignet, bei dem mindestens sieben Menschen getötet worden waren. Dahinter stand nach offiziellen Angaben ein Kommando der Dschabha Fatah Al-Scham (Front zur Eroberung Syriens, ehemals Nusra-Front). Zwei der Angreifer seien getötet worden, drei konnten offenbar entkommen.

Möglicherweise hängt der Angriff mit den Fortschritten der syrischen Streitkräfte und ihrer Verbündeten im Barada-Tal zusammen, mit denen sie der Lösung der Wasserkrise in Damaskus ein Stück nähergekommen sein dürften. In den vergangenen Tagen hatten Hunderte Kämpfer in verschiedenen Dörfern des Tals ihre Waffen abgegeben und sich für ein staatliches Amnestieprogramm eintragen lassen. Rund 500 Personen wurden Berichten zufolge evakuiert. Den verbliebenen Kämpfern der Nusra-Front und deren Verbündeten wurde angeboten, in die Provinz Idlib abziehen zu können, womit die Fidscha- und die Barada-Quelle für Reparaturarbeiten zugänglich wären. Beide sind für die Versorgung von mindestens fünf Millionen Menschen in Damaskus lebensnotwendig. Am Freitag konnten Reparaturteams die Quellen erreichen und ihre Arbeit aufnehmen.

Der UN-Sondervermittler für Syrien, Staffan de Mistura, bestätigte am Donnerstag in Genf, dass die syrische Regierung mit fünf Dörfern im Barada-Tal eine Einigung gefunden habe. Um die Frage der Wasserversorgung zu klären, habe es Gespräche in Ankara und in Moskau gegeben. Sollte die Lage dort nicht gelöst werden, sondern weiter eskalieren, würde sich das negativ auf die Verhandlungen in Astana auswirken, so de Mistura. Auf die Frage eines Journalisten, ob Kämpfer der Nusra-Front im Wadi Barada seien, antwortete der Sondervermittler, er wisse zuwenig, um dies zu bestätigen. Doch auch er habe gehört, dass Al-Nusra genau in einem der beiden Orte sein könnte, so der UN-Diplomat.

Vor Ort: Carla Ortiz

Carla Ortiz war bisher eher als Schauspielerin in Telenovelas und einigen Kinofilmen hervorgetreten. In den vergangenen Monaten hat die 38jährige Bolivianerin, die normalerweise in Los Angeles lebt, jedoch eine andere Aufgabe für sich entdeckt: Sie berichtet aus Syrien und bereitet einen Dokumentarfilm über die Lage dort vor. Der 90minütige Streifen unter dem Titel »Die Stimme Syriens« soll Medienberichten zufolge im Juni Premiere haben.

»Ich bin mit dem Tode bedroht worden, aber ich weiß, dass Bolivien mir beisteht«, sagte die in Cochabamba geborene Schauspielerin im Dezember der Tageszeitung El Deber. »Ich weiß, dass mein Land mich beschützen wird. Ich habe meine Karriere aufs Spiel gesetzt, aber wichtiger ist mir, dass ich eine menschliche und moralische Verpflichtung für Syrien habe.«

Ein breiteres internationales Publikum erreichte Ortiz Ende 2016, als sie im US-Nachrichtensender CNN über ihre Erlebnisse in Aleppo berichtete – und dessen Redaktion direkt der Verbreitung von »Fake News« bezichtigte. CNN hatte unmittelbar vor dem Interview über die siebenjährige Bana berichtet, die weltweit aufgrund ihrer zahlreichen, angeblich aus Aleppo verschickten Twitter-Nachrichten bekannt geworden war. Ortiz hält das für eine Lüge: »Ich möchte Ihnen sagen, dass das unmöglich ist. Ich war dort. Es gibt dort kein Internet, seit mehr als 85 Tagen gibt es in Aleppo keinen Strom. Es ist unmöglich, etwas auf Twitter zu veröffentlichen, wenn du direkt an der Kampflinie bist.« Sie gehe davon aus, dass sich Bana und ihre Familie nicht in den umkämpften Vierteln im Osten Aleppos aufgehalten haben: »Ich würde gern ein echtes Foto von ihr außerhalb irgendeines Gebäudes sehen, dann würde ich es glauben.«

Kritisch sieht Ortiz auch die in westlichen Medien zu Helden hochstilisierten »Weißhelme«, die als selbstlose Helfer der Bevölkerung in Aleppo und anderen umkämpften Gebieten präsentiert wurden. Tatsächlich habe die Mehrheit der Syrer noch nie von dieser Gruppe gehört, sagte sie dem russischen Fernsehsender RT. Als sie ihren Gesprächspartnern Aufnahmen westlicher Medien von den »Weißhelmen« gezeigt habe, hätten viele diese für Terroristen gehalten. »Es gibt viele Menschen in Syrien, die den Opfern helfen, aber sie tragen keine weißen Helme und nennen sich auch nicht so.« (scha)

Video: kurzlink.de/ortiz-cnn

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