Aus: Ausgabe vom 12.01.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

»Bagatelle dient Disziplinierung«

Mit wohlwollender Förderung seiner Karriere, wie sie vielen Nazis in der BRD zuteil wurde, kann Berlins Staatssekretär Andrej Holm nicht rechnen. Ein Gespräch mit Hans Modrow

Interview: Robert Allertz
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Inszenierte Empörung schlug Andrej Holm nach seiner Berufung zum Staatssekretär entgegen: Podiumsveranstaltung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg (6. Januar)

Mich interessiert im Zuge der Causa Andrej Holm Ihre Generation und der Umgang mit Lebensläufen. Wenige Tage nach Ihrem 17. Geburtstag am 27. Januar 1945 wurden Sie zum Volkssturm einberufen und gerieten, ohne je einen Schuss abgefeuert zu haben, für vier Jahre in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Sie hatten sich allerdings nicht freiwillig zu Hitlers letztem Aufgebot gemeldet. Anders als der 17jährige Günter Grass, der sich im November 1944 zur 10. SS-Panzerdivision »Frundsberg« einberufen hatte lassen. Wie denken Sie darüber?

Als diese Tatsache vor mehr als elf Jahren publik wurde, gab es den üblichen Sturm im Wasserglas, danach legte sich die Erregung rasch. Ich wüsste nicht, dass auch nur einer von Grass die Rückgabe des Nobelpreises gefordert hätte. Dennoch verweigere ich weder ihm noch dem jüngst verstorbenen Helmut Schmidt meinen Respekt. Als Wehrmachtsoffizier verdiente sich letzterer bei der Blockade Leningrads – bei der über eine Million Menschen verhungerten – das Eiserne Kreuz 2. Klasse. Er wurde später Bundeskanzler und als »einer der bedeutendsten Politiker der Nachkriegszeit« Anfang dieses Monats sogar mit einer Straße in Schönow bei Bernau geehrt. An der einstigen Pappelallee wird man nun gewiss viel Rühmendes über ihn lesen können, aber vermutlich nicht, dass er acht Jahre lang die Uniform mit Reichsadler und Hakenkreuz trug und seine Vorgesetzten ihm wiederholt bescheinigten, »auf dem Boden der nat. soz. Weltanschauung« zu stehen und dass Schmidt es verstehe, »dieses Gedankengut weiterzugeben«, wie es in einem Dokument vom 1. Februar 1942 heißt. Am 10. September 1943 wurde ihm erneut eine »einwandfreie nationalsozialistische Haltung« attestiert, und am 18. September 1944 hieß es: »nationalsozialistische Haltung tadelfrei«. Schmidts britische Kriegsgefangenschaft endete bereits nach knapp vier Monaten. Hat ihm eine solche Vergangenheit in der BRD geschadet?

Natürlich nicht. Es herrschte hierzulande doch bis 1945 der gleiche Kapitalismus, wie er nach 1945 im Westen und nach 1990 auch im Osten Deutschlands restauriert wurde, eine bruchlose Traditionslinie. Was gestern Recht war, kann heute nicht Unrecht sein, konstatierte der einstige Kriegsmarinerichter Hans Filbinger, der 1945 Soldaten zum Tode verurteilte und ein Vorgänger von Ministerpräsident Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg war. Der Satz traf die Haltung ziemlich genau, oder?

Da widerspreche ich nicht. Der Antikommunismus ist in diesem Lande Staatsdoktrin, und dieser bestimmt über den Umgang mit Biographien. Da herrscht unverändert das »Unsere-Leute-Prinzip«. Wer aus dem eigenen Stall kommt, kann immer mit Nachsicht rechnen, wenn er Fehler macht. Wem aber ein anderer Stallgeruch anhaftet, kann nicht auf Gnade hoffen. Ich wurde, wie mir der Bundesinnenminister schriftlich bestätigte, von 1956 bis 2012 systematisch von westdeutschen Nachrichtendiensten bespitzelt – wie übrigens mehr als 70.000 DDR-Bürger auch. Und ich entsinne mich, wie 2005 Lothar Bisky viermal scheiterte, als er sich um den der Partei zustehenden Posten des Vizebundestagspräsidenten bewarb. Der Bundesvorsitzende der PDS hätte schon nach dem ersten Wahlgang, wenn nicht bereits zuvor, wissen können, dass er die Mehrheit im Parlament gegen sich hat. Gregor Gysi erklärte danach: Bisky habe Fehler in seiner Biographie – er habe Adolf Hitler nicht glühend verehrt wie der einstige Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. Das Parlament habe eine Ausgrenzungsentscheidung getroffen.

Nun komme ich Ihnen mit Marx, der an die Veränderbarkeit der Menschen glaubte.

Aber nicht an die des Systems. Das ist es doch, was ich an manchen meiner Genossen kritisiere: Jenen naiven Köhlerglauben, es würde sich schon etwas ändern, wenn man sich nur tief genug bücke und bereit sei, jede Kröte zu schlucken. Man mag ja über Luther denken, wie man will, aber seinen Auftritt vor dem Reichstag zu Worms 1521 kann sich jeder linke Politiker zum Vorbild nehmen und sich den ihm nachgesagten Satz hinter den Spiegel stecken: »Hier stehe ich und kann nicht anders.« Das ist eine selbstbewusste, souveräne Haltung, die auf Prinzipien gründet.

Womit wir bei Holm, dem neuen Berliner Staatssekretär, sind. Mich nervt dieses bigotte Geschrei über dessen kurzfristige Verbindung zum MfS, was weder im Verhältnis zu den nachfolgenden 27 Jahren steht, noch überhaupt angemessen oder gar gerechtfertigt ist. Es zeigt aber auch, wie wirksam die Verdummungsindustrie funktioniert. Selbst Holm ist ihr erlegen, wenn er vermeintlich selbstkritisch erklärt: »Es ist nicht entschuldbar, Teil des Unterdrückungsapparates gewesen zu sein.« Wann und wo und wen hat er unterdrückt?

Hier wurde eine Mücke zum Elefanten gemacht. Die Skandalisierung einer solchen Bagatelle dient der Disziplinierung – der Partei, des Senats, der Ostdeutschen. Die inszenierte Empörung, die kollektive Entrüstung sollte zum Widerspruch herausfordern, nicht zum klein beigeben. Wir müssen diese Episode einmal mehr als Anlass begreifen, über den Umgang mit Biographien, nicht nur DDR-Biographien, grundsätzlich nachzudenken, und Vorurteile endlich korrigieren.

Hans Modrow war von November 1989 bis April 1990 DDR-Ministerpräsident, später Bundestagsabgeordneter und Mitglied des Europaparlaments. Seit 2007 ist er Vorsitzender des Ältestenrats der Partei Die Linke

Hintergrund: Wer hat das letzte Wort?

Der heutige Donnerstag ist entscheidend für das Schicksal des Staatssekretärs Andrej Holm. Die Frist, in der er zu seiner Vergangenheit in der DDR Stellung nehmen soll, läuft ab. Die Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin befindet danach darüber, ob ein fehlendes Kreuz auf Holms Uni-Fragebogen Anlass zur Kündigung des bestehenden Arbeitsverhältnisses ist oder nicht. Auch wenn Senator Klaus Lederer (Linke) erklärt hatte, dass nicht die Uni, sondern der Senat aus SPD, Linke und Grünen das letzte Wort habe, weiß jeder, dass das »letzte Wort« mit den vorher gesagten Worten in Verbindung stehen wird.

Holms Berufung ins Staatsamt war eine politische Entscheidung, die auf seiner fachlichen Qualifikation fußte. Die Uni-Geschichte hingegen, wie fragwürdig der Fall im Detail auch sein mag, ist ein arbeitsrechtlicher Vorgang. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wohl aber mit der Feigheit des Senats, ein eigenes Urteil zu treffen und sich eindeutig vor oder hinter den Mann zu stellen.

Wenn die Präsidentin den Daumen senken sollte, ist Holm seinen Job an der Uni los, und er verliert auch sein Amt im Senat. Das heißt, er wird zweimal für das eine lächerliche »Delikt« belangt – was Folgen bis zu seiner Rente haben dürfte.

Hätte Holm 1989 nicht die Uniform des MfS-Wachregiments angezogen, sondern aus niederem Beweggrund einen Menschen ermordet, dann hätte er inzwischen seine Strafe verbüßt und wäre schon lange wieder ein ehrenwertes Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft. Er könnte auf Facebook oder bei Pegida über Ausländer, Schwule und Linke hetzen, ohne dass dies für ihn Folgen hätte. Und kein Arbeitgeber würde sich über seine kriminelle Vergangenheit mokieren, weil er diese – in Übereinstimmung mit dem Gesetz – verschwiegen hätte.

Holm hat aber nicht getötet. Er hatte sich lediglich der DDR verpflichtet. Das aber wird gnadenlos geächtet. Die Rache im Umgang mit der DDR kennt keine Verjährung. (ra)

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