Aus: Ausgabe vom 11.01.2017, Seite 7 / Ausland

Dicke Luft in Polen

Der frostige Hochdruckeinfluss sorgt für landesweiten Smogalarm. Doch die wahren Ursachen liegen nicht beim Wetter

Von Reinhard Lauterbach, Poznan
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Feinstaub in der Hauptstadt: Selbst der Warschauer Seejungfer bleibt die Luft weg (7.1.2017)

Das winterliche Hochdruckwetter hat gemeinsam mit den niedrigen Temperaturen zu einer dramatischen Verschlechterung der Luftqualität in Polen geführt. Praktisch in allen Großstädten des Landes wurde zu Wochenbeginn Smogalarm ausgerufen. Selbst an der Ostseeküste, wo es noch vor wenigen Tagen heftig gestürmt hatte, wurden nun deutliche Überschreitungen der Grenzwerte für Feinstaub und andere Schadstoffe registriert. Ein Schwerpunkt der Smogbelastung liegt im Süden Polens, vor allem im oberschlesischen Industrie­revier und im Ballungsraum Krakow. In Polens Smoghochburg Rybnik wurden die Grenzwerte um das 30fache überschritten. In einer Reihe von Industriestädten rund um Katowice bleiben bis auf weiteres die Schulen geschlossen. Die Stadtverwaltungen riefen die Bevölkerung auf, nach Möglichkeit ihre Wohnungen nicht zu verlassen.

In einem Dutzend polnischer Städte, darunter Krakow, Lodz und Warschau, verfügten die Stadtverwaltungen, dass der öffentliche Nahverkehr bis zum Ende des Smogs kostenlos benutzt werden kann. Der Fahrgastzuwachs hielt sich jedoch in Grenzen, ein Sprecher der Warschauer Verkehrsbetriebe berichtete von einem bescheidenen Anstieg um etwa zehn Prozent. Das liegt daran, dass die Einfamilienhaussiedlungen am Stadtrand nach US-amerikanischem Vorbild ohne ÖPNV-Erschließung, abgesehen von Schulbussen, geplant worden sind und dass ein autofreies Leben in Polen nicht ansatzweise »hip« ist.

Die Inversionswetterlage ist nur die äußere Bedingung für den Smog, nicht sein Grund. Entscheidend sind zwei Dinge: die Heizgewohnheiten polnischer Haushalte und die weite Verbreitung alter und entsprechend wenig umweltschonender Autos. Die registrierten Pkws sind durchschnittlich zwölf Jahre alt. Die Abgasfahnen von womöglich noch älteren Nutzfahrzeugen stinken jeden Tag buchstäblich zum Himmel. Und gerade in den in Oberschlesien und Krakow zahlreichen Altbauwohnungen und in den zu Zeiten der Volksrepublik Polen erbauten schmucklosen Einfamilienhäusern (»Schuhkartons«) stehen Öfen, in denen die Bewohner alles verbrennen, was in der Lage ist, Feuer zu fangen. Hauptsache billig. Wenn Kohle verwendet wird, ist es in der Regel die niedrigste Qualität mit geringem Heizwert und hohen Schwefelanteilen, oft sogar nur Kohleschlamm; ein Spaziergang in der polnischen Provinz in diesen Tagen bringt den Geruch der winterlichen DDR in den 1980ern Jahren zurück.

Die Leute verheizen auch Sperrmüll und sogar Sonderabfall. So erwischte die Polizei in Pabianice bei Lodz den Besitzer einer Autoreparaturwerkstatt dabei, dass er seine Werkhalle durch das Verbrennen ausgedienter Ölfilter warm hielt. Sie brummte ihm ein Bußgeld von umgerechnet 110 Euro auf und kam damit als vorbildlich ins Fernsehen. In den Obst- und Gemüseanbaugebieten Polens kommt es oft vor, dass die Besitzer von Treibhäusern Plastikmüll kaufen, um ihn zu verheizen. Insofern hat die seit drei Jahren in Polen vorgeschriebene Mülltrennung im wesentlichen die Folge gehabt, dass solche Praktiken von der Seite der Rohstoffversorgung her erleichtert wurden. Denn an wen die Müllentsorger das getrennt gesammelte Plastik weiterverkaufen, interessiert niemanden.

Dass hier ein Umweltproblem herangereift ist, hat Polen schriftlich. Das EU-Statistikamt Eurostat bescheinigte dem Land 2016, Europas zweitschlechteste Luft zu haben – schlimmer sei es nur noch in Bulgarien. Doch die regierende Partei PiS hat als eine ihrer ersten Amtshandlungen ein Programm der EU gestoppt, die Besitzer alter Öfen durch Zuschüsse zum Erwerb modernerer und schadstoffärmerer Heizungsanlagen zu bewegen. Denn dazu hätte Polen auch einen finanziellen Beitrag (»Kofinanzierung«) leisten müssen, und das läuft der Linie der PiS zuwider. Unter ihrer Regierung hat der Rückgriff auf die Kohle, den einzigen Energieträger, der im eigenen Lande reichlich vorhanden ist, den Charakter eines nationalen Glaubenssatzes angenommen. Die Regierenden hoffen, dadurch Zeit zu gewinnen, um den auch aus wirtschaftlichen Gründen unausweichlichen Strukturwandel in Oberschlesien zu verzögern und sich politische Unterstützung in diesem wichtigen Industriegebiet zu kaufen.

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