Aus: Ausgabe vom 09.01.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Vorrang für Agrarindustrie

Tansania: Landwirtschaftliche Großprojekte widersprechen Interessen der Kleinbauern

Von Christa Schaffmann
Bundesaussenminister_47424290.jpg
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier besucht am 22. November 2015 eine Kaffeeplantage in Tansania

Die Produktivität der Kleinbauern in Tansania ist niedrig. Eine Lösung des Problems könnte etwa durch staatliche Unterstützung der Bauern mit technischem Equipment zum Ausleihen und mittels agrarwissenschaftlicher Beratung durch Fachkräfte aus dem eigenen Land erreicht werden. Die Regierung setzt statt dessen auf das Großprojekt SAGCOT (Southern Agricultural Growth Corridor of Tansania). Dieses erstreckt sich über etwa die Hälfte des tansanischen Festlands von Daressalam bis zur sambischen Grenze. Mehrere Industriestaaten, einschließlich Deutschland, haben es aus der Taufe gehoben, nachdem die USA beim G-8-Gipfel 2012 eine »New Alliance for Food Security and Nutri­tion in Africa« (»Neue Allianz für Nahrungsmittelsicherheit und Ernährung in Afrika«) vorgestellt hatten. Mehr als die Hälfte der beteiligten Partner sind private Unternehmen, darunter neben tansanischen Firmen Agrarkonzerne wie Monsanto, Nestlé, Unilever und Bayer Crop Science.

Statt fester Anstellungen mit einem den Lebensunterhalt sichernden Einkommen bieten Investoren auf den Plantagen schlecht bezahlte Jobs für Tagelöhner. Da die Plantagen meist die einzigen Arbeitgeber sind, können sie sich das erlauben. Das Versprechen, Kleinbauern als Vertragsbauern einzubinden und ihnen Absatzmärkte zu sichern, wird nur selten eingelöst. Lohn wird dadurch zur Voraussetzung für den Zugang zu Nahrung. »Statt Grundnahrungsmittel anzubauen und so den Grundbedürfnissen der Menschen nachzukommen, setzen die Investoren auf den Export von Kaffee oder Jatropha und versuchen gleichzeitig, Tansania als Markt für eigene Produkte wie Saatgut, Pestizide, Herbizide und chemische Düngemittel zu erschließen«, kritisiert Misereor-Expertin Kerstin Lanje.

Der Versuch, Land in Afrika billig zu erwerben und dort mit niedrig bezahlten Arbeitskräften hohe Profite zu realisieren, hat eine Vorgeschichte. Diese beginnt in den 1980er Jahren, als der Internationale Währungsfonds Tansania zu Strukturanpassungsprogrammen zwang und eine bis heute andauernde Phase der ökonomischen Liberalisierung einleitete. Die dringend gebotene staatliche Unterstützung für die Landwirtschaft musste eingestellt werden. Die Landgesetzgebung wurde zugunsten privater Investoren verändert.

Auf der Strecke bleiben die tansanischen Bauern. Wo sie vor nicht allzu langer Zeit noch Mais, Hirse, Maniok, Kartoffeln, Sonnenblumen und Bohnen anbauten, sind jetzt z. B. Kaffeeplantagen entstanden. Manche Menschen müssen deshalb inzwischen bis zu 100 Kilometer weit zum Einkauf in die nächste Stadt fahren.

Die als Gegenleistung für die in der Regel auf 99 Jahre angelegten günstigen Pachtverträge versprochenen Gesundheitseinrichtungen, Schulen und Solarenergieanlagen wurden (noch) nicht gebaut. Gravierend wirkt sich die Landnahme der Konzerne auf die sozialen Beziehungen unter den verbliebenen Kleinbauern aus. Haben sie sich früher geholfen, Land geteilt oder auch mal verliehen, so konkurrieren sie jetzt miteinander; Land ist teuer geworden. Gemeinsame Aktionen werden dadurch erschwert.

Eine von Misereor in Auftrag gegebene Studie lieferte zudem Beweise für »Watergrabbing« (Wasserraub) durch die Agrarkonzerne. Wasserressourcen müssen die Kleinbauern mit dem Großinvestor teilen, der einen deutlich höheren Verbrauch hat. Sorgen bereitet den Bauern zudem das drohende Verbot der Wiederaussaat von Teilen der Ernte. Sie sollen gezwungen werden, importiertes, angeblich besseres Saatgut zu kaufen. Für viele wäre das das Ende als Bauer, denn das könnten sie sich nicht leisten.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Schwerpunkt
  • Der gefeierte Solarenergiekomplex in Marokko dient vor allem Konzernen. Die Not vieler Menschen in Afrika kann damit nicht gelindert werden
    Christa Schaffmann