Aus: Ausgabe vom 05.01.2017, Seite 8 / Ansichten

Museumsstück des Tages: Terror-Lkw

Von Sebastian Carlens
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Nach dem Attentat: Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin am 20. Dezember 2016

Das »Haus der Geschichte«, von Helmut Kohl im Rahmen seiner »geistig-moralischen Wende« nach der Regierungsübernahme 1982 angekündigt und später in Bonn realisiert, soll die jüngste deutsche Vergangenheit musealisieren. All das, was nach 1945 passiert ist. Große Heldenepen (»Ostlandritt«, »Gegen Engeland«, »Jeder Stoß ein Franzos’«) gibt es da aus Sicht der Herrschenden nicht zu erzählen – die BRD ist halt irgendwie piefig und muffig, ganz ohne eigenen Weltkrieg.

Daher: abgewetzte Lotsenmütze von Schmidt, Helmut; verschwitztes Fußballtrikot von Schröder, Gerhard; olle Lederjoppe von Fischer, Josef; schäbiges Käppi von Niebel, Dirk. Die deutsche Geschichte, erzählt in Miedern und Leibchen.

Nun soll der Lastkraftwagen, mit dem ein Islamist in Berlin ein Dutzend Menschen überfuhr, dieser Mottenkugelsammlung einverleibt werden. »Haptik« ist das Schlagwort, man muss die Dinge be-greifen können, um sie zu verstehen. Momentan laufe »ein Untersuchungsverfahren«, so Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung »Haus der Geschichte«, im Interview mit dem Tagesspiegel am Dienstag. Auch Bedenken bestehen: »Erreichen die Täter dadurch nicht gerade das, was sie wollen, nämlich öffentliche Aufmerksamkeit und das auch noch dauerhaft?«

Och, bestimmt nicht. Denn: »Das Geschehen darf auf keinen Fall nur aus Sicht des Täters dargestellt werden«, findet Hutter. Also ein Arrangement mit Wachsfiguren der Leichen, bei Madame Tussauds angefertigt?

Wer sich nun über etwaige Geschmacklosigkeit aufregen will – wohlan. Aber: Schon jetzt verfügt der Bonner Bundeskleiderschrank über eine ganz exquisite Asservatensammlung. Helmut Kohls speckige Strickjacke, in der er das Ende der DDR mit Gorbatschow ausgehandelt hatte, zum Beispiel: Allein dieses Staatverbrechen hat hunderttausende unschuldige Opfer gefordert.

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