Aus: Ausgabe vom 24.12.2016, Seite 10 / Feuilleton

Als die Masse in die Irre ging

Eine grundsolide Biographie über Erich Honecker in jungen Jahren

Von Detlef Nakath
S-10.jpg
Sozialisierung im Spielmannszug des Roten Frontkämpferbundes Wiebelskirchen, etwa 1929 – Erich Honecker vorne rechts neben seinem Vater Wilhelm

Wer war Erich Honecker? Es wäre nicht verwunderlich, würden Zwanzigjährige diese Frage heute mit einem Achselzucken beantworten. »Die DDR hat es nie gegeben!« war unmittelbar nach dem Abriss des Palasts der Republik auf einem großflächigen Graffito an der Spree zu lesen. Und obwohl Honecker diese DDR in ihren letzten beiden Jahrzehnten wie kein zweiter politisch geprägt hat, wird sein Lebensweg in Schulunterricht und Medien kaum behandelt. Höchste Zeit also für eine wissenschaftliche Biographie des früheren »Generalsekretärs des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR«. Vorgelegt hat sie Martin Sabrow, Professor für Neueste Geschichte an der Berliner Humboldt-Uni und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, zweifellos einer der profiliertesten Zeithistoriker der Bundesrepublik.

Der umfangreiche Band schildert das Leben Honeckers von der Geburt am 25. August 1912 als Sohn eines Bergarbeiters im saarländischen Neunkirchen bis ins Jahr der Befreiung vom Faschismus. Jahrelang hat der Biograph nahezu alle verfügbaren Quellen ausgewertet, in deutschen und russischen Archiven. Überdies führte Sabrow Gespräche mit Zeitzeugen wie Reinhold Andert oder Harald Wessel und nutzte die von ihnen zur Verfügung gestellten Quellen. Zunächst geht es um Honeckers Kindheit und Jugend im Saarland, seine Sozialisierung in kommunistischen Gruppen wie dem Spielmannszug des Roten Frontkämpferbundes Wiebelskirchen. Über die Jahre 1933 bis 1935 im antifaschistischen Widerstand »zwischen Legalität und Illegalität« heißt es dann: »Fast zwei Jahre lang war er ein Wanderer zwischen zwei Welten, der im Saargebiet für eine verfassungskonforme politische Partei arbeitete und gleichzeitig auf Reichsgebiet verschwiegenen Untergrundtätigkeiten nachging, die ihn wie seine drangsalierten Genossen der Verfolgung durch die NS-Behörden aussetzten. Erst mit der Rückgliederung des Saargebietes 1935 kam für Honecker der Moment, in dem auch er zu einem Verfemten wurde, der selbst in seiner engsten Heimat als Volksfeind galt und sich allenfalls in der Emigration kurzzeitig vor unmittelbarer Bedrohung sicher fühlen konnte, bevor er als Illegaler nach Deutschland zurückkehrte.« Honecker war da mit 20 schon einer der älteren im Jugendverband an der Saar.

Wie es zu seiner Verhaftung am 4. Dezember 1935 in Berlin kam, beschreibt Sabrow minutiös: »Als Honecker um zehn Uhr morgens aus dem Haus trat, um zum U-Bahnhof Seestraße zu gehen, fand er sich nach wenigen Schritten von Kripoleuten umzingelt. Bevor er noch reagieren konnte, wurde er schon in ein Polizeiauto gestoßen, das ihn in hohem Tempo geradewegs zur Gestapo-Zentrale ins Prinz-Albrecht-Palais brachte.« Unmittelbar danach folgten die Verhaftungen von Sarah Fodorová, Edwin Lautenbach, Bruno Baum und Charlotte Hirsch. Ob die Gestapo die Gruppe um Baum und Honecker ermittelt hatte oder Verrat im Spiel war, zählt laut Sabrow »zu den vieldiskutierten und nie beantworteten Fragen von Honeckers Jugendbiographie«.

Abschließend gelangt der Autor zu dem Resümee, dass Honecker die Erfahrungen in politischem Kampf, Illegalität und langer Gefängnishaft zu einem »Avantgardebewusstsein« geführt hätten. Sabrow resümiert: »Das ›Volk‹ war und blieb für Honecker eine unzuverlässige Masse, die der ständigen Aufklärung und der richtigen Lenkung bedurfte, um nicht immer wieder in die Irre zu gehen – das war die eigentliche Lehre seines ersten Lebens, die Honecker in die neue Zeit mitnahm und die seinen auf die Kommandohöhen des Weltkommunismus führenden Weg bis zum letzten Tag bestimmen sollte.«

Die eingangs gestellte Frage, wer Erich Honecker war, werden Personen aus seinem politischen Umfeld und Politiker, die ihm in seinen späteren Funktionen begegneten, sehr unterschiedlich beantworten. Das gilt für Hans Modrow und Egon Krenz ebenso wie für Helmut Kohl oder Oskar Lafontaine, zumal sich die Sichtweisen durch die politischen Ereignisse 1989/90 und die Entmachtung Honeckers deutlich gewandelt haben dürften. Herbert Wehner, der Honecker dreimal in sehr unterschiedlichen Situationen begegnete – 1934 in der Illegalität, 1973 als SPD-Fraktionschef am Werbellinsee und 1987 bei Honeckers Staatsbesuch in Bonn – konnte nicht mehr befragt werden. Er ist im Januar 1990 verstorben.

Martin Sabrow hat eine solide recherchierte und brillant geschriebene Biographie über Honeckers »Leben davor« verfasst, die ohne die ansonsten anzutreffenden Vorurteile auskommt. Man kann nur hoffen, dass bald ein Band dieser Qualität zum politischen Wirken Honeckers in seinen Funktionen nach 1945 erscheint.

Martin Sabrow: Erich Honecker. Das Leben davor. 1912–1945. Verlag C. H. Beck, München 2016, 624 S., 27,95 Euro

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Feuilleton