Aus: Ausgabe vom 08.12.2016, Seite 10 / Feuilleton

Haschisch nur zu Hause

Als alte Musik noch jung war: Der Mittelweg 36 kümmert sich um die bundesdeutsche Poprezeption

Von Christof Meueler
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Wo ist die Musik für die Massen? Die KPD-AO feiert den 1. Mai 1974 in Berlin-Wedding

Mit dem Popmusikhören ist wie mit dem Biertrinken: Man sollte nicht zuviel davon erwarten, aber manchmal ist es sehr gut. Erhellend darüber zu schreiben gelingt selten. Der Mittelweg 36 vom Hamburger Institut für Sozialforschung ist eine Zeitschrift, von der man das jetzt nicht unbedingt erwartet hätte. Im aktuellen Heft geht es etwas großsprecherisch um den Schwerpunkt »Wenn Pop Geschichte wird«. Popmusikgeschichte ist ja eine Ansammlung von Geschichten unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen; von Songs, Musikern und Szenen, bei denen immer die Frage ist, wem sie was bedeuten. Kürzlich sagte mir ein Jugendlicher, dass Rockmusik heute die Musik der Alten ist, während es früher doch die Musik der Jungen gewesen sei.

»Klingt gut, ist falsch« ist der herausragende Beitrag von Detlef Siegfried betitelt. Der Geschichtsprofessor aus Kopenhagen beschreibt die »Legitimitätskämpfe um Popmusik in der linken Szene der 1970er Jahre«. Anfangs versuchte man in den neu entstandenen maoistischen Gruppen, die sich Parteien nannten, den als US-imperialistisch empfundenen Rock ’n’ Roll zu bannen, indem man alte Arbeiterlieder klampfte. Das war eine weitere Form des Reenactments des politischen Lebens der Weimarer Republik, dem sich diese Gruppen verpflichtet sahen, um sich von der als »revisionistisch« beschimpften, wesentlich größeren DKP abzusetzen, vorzugsweise durch eine Extraportion Stalin. Das hieß: Laienchöre auf den Versammlungen, Haschisch und Hendrix nur zu Hause. Bei der DKP war Rockmusik kein Problem, ebensowenig für die »spontaneistischen« Linken, am liebsten aber eine mit »fortschrittlichen« Texten. Siegfried bemerkt, dass die meisten Linken »bis zum Extrem symbolischer Anverwandlung« von Leitfiguren fasziniert waren, »die sich zumeist abseits der eigenen Erfahrungswelt bewegten und als besonders ›authentisch‹ galten – Schwarze, Indianer, Arbeiter, Bauern«.

Bemerkenswert ist, wie der internationalistische Ansatz der 68er-Revolte in den 70er Jahren von neuen Heimatgefühlen zurückgedrängt wurde. Diese Wir-von-hier-Emphase wurde erfolgreich eben nicht von Rechten, sondern von Linken produziert. Hierbei stellte das Volkslied, gedacht als mitsingfähiges Mobilisierungsmittel für große Demos, eine besondere Schwierigkeit dar, weil es von der Nazipropaganda ruiniert worden war. Wer Volkslieder spielen wollte, musste sich etwas einfallen lassen, wie es Zupfgeigenhansel und Walter Mossmann probierten: »Während Zupfgeigenhansel nach eigenem Verständnis ›demokratisches Liedgut‹ vergangener Jahrhunderte mit Originaltexten offerierte und durch historische Spottlieder Obrigkeitskritik für die Gegenwart betreiben wollte, brachte Mossmann sein historisches Material durch textliche Eingriffe auf Distanz, um es dadurch für die politischen Kämpfe der Gegenwart zu nutzen – insbesondere im Kontext der Anti-AKW-Bewegung, die an der linken Umdeutung des Heimatbegriffs erheblichen Anteil hatte.«

Als dann Bob Dylan Ende der 70er seine ersten Konzerte in Westdeutschland bestritt, war unter den Authentizitätssuchern die Überraschung groß: »Erwartet hatten viele einen schlichten Protestsänger, wie man ihn aus den 1960er Jahren kannte. Gekommen war ein alerter Star, der mit großer Band und Go-go-Girls die Bühne betrat.« Und der spielte dann »Don’t Think Twice« im Reggae-Rhythmus. Für den späteren taz-Redakteur Klaus Hartung hatten diese Auftritte »ein gemeinsames Lebensgefühl gebrochen«.

Und als Punk, von Siegfried als eine »Back-to-the-Roots-Bewegung, allerdings im Vorwärtsgang« eingeschätzt, kam, war im Arbeiterkampf, der Zeitung des Kommunistischen Bundes, zu lesen, dass »Faschisten auf dem Vormarsch« seien, weil man die von Punks unter anderem verwendeten Naziaccessoires verdächtig fand. Udo Lindenberg schloss sich dieser Einschätzung 1978 in Konkret an. Mit diesen Missverständnissen versuchten junge Intellektuelle aufzuräumen, indem sie das Künstliche und Sachliche gegen Innerlichkeit und Heimat stark machten – in den Medien der alten Linken, die damals übrigens erst Mitte 30 waren, wie der Hamburger Musikzeitschrift Sounds, einem Vorläufer von Spex. Man wollte salonbolschewistisch sein – zu einem Zeitpunkt, »als sich die Vorstellung einer radikalen Politik durch Parteiorganisation und Askese überlebt hatte«, schreibt Siegfried. »Der darin aufscheinende hedonistische Anspruch war ein Rekurs auf jene ›Formen des bohemienhaften Lebens‹, die die radikale Linke Anfang der 1970er Jahre im Namen der Effizienz hatte bekämpfen wollen.«

Auf längere Sicht gebar dieser Ansatz die sogenannte Poptheorie, die Jens-Christian Rabe, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, in einem weiteren Aufsatz skizziert, wobei er ihr teilweise eine »bis zum Elitismus kultivierte Dünkelhaftigkeit« vorwirft. Klaus Nathaus, Geschichtsprofessor in Oslo, schließlich konstatiert für die moderne oder linke Poprezeption von heute, die in Ermangelung einer offensiven Linken meist unter Journalisten, Bloggern und Sozialwissenschaftlern stattfindet, den Typus des »Allesfressers«, der alles hören und verarbeiten kann, zumindest rein theoretisch.

Mittelweg 36, 25. Jahrgang, Heft 4-5, Oktober 2016, 205 S., 18 Euro

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