Aus: Ausgabe vom 12.11.2016, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Auf den Spuren der Interbrigaden

Tragische Helden, zeitloser Idealismus. Eine Reise nach Spanien, 80 Jahre nach Beginn des Kriegs, dem Vorspiel zur Katastrophe

Von Victor Grossman
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Internationalisten: Rote Nelken am Denkmal für die sowjetischen Spanienkämpfer (Friedhof ­Fuencarral, 28.10.2016)

Es war an einem geschäftigen Tag vor 80 Jahren in Albacete, einem Zentrum der spanischen Region La Mancha, als ein paar Offiziere Quartiere für fünfhundert Männer herrichten ließen, die am folgenden Tag ankommen sollten. Dann für fünfhundert weitere, und es wurden noch mehr. Bald waren es drei- oder viertausend, die trotz eines verrückten Sprachengemischs irgendwie in Einheiten aufgeteilt wurden und eine bunte Auswahl an Uniformen und veralteten Waffen erhielten. Mit denen lehrte man sie zu schießen und sonst nichts weiter. Das alles, um sie nach ein paar Wochen in einen blutigen Entscheidungskampf zu schicken. In die Schlacht um Madrid, die Hauptstadt. Diese sollten sie vor den gut bewaffneten und ausgebildeten, mörderisch marodierenden Angreifern retten. Es gelang ihnen. Sehr viele jedoch – Polen, Deutsche, Franzosen, Italiener und andere – ließen dabei an der Seite ihrer neuen Genossen aus Spanien ihr Leben.

Mehr als vier Jahrhunderte vorher, im April 1616, war in Madrid friedlich ein Mann gestorben, der den Namen der Gegend um Albacete berühmt machte. Die Figur von Miguel de Cervantes, die er Don Quijote de la Mancha nannte, wurde unsterblich. Der von seinem Pagen und »Schildknappen« Sancho Panza begleitete verarmte Landadlige war ein ziemlich verrückter Phantast, dessen Missgeschicke noch immer die Leser des Werkes faszinieren, das ehrfürchtig als »Spanische Bibel« bezeichnet wird.

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Wo Mussolinis Expeditionskorps geschlagen wurde: Besuch am Ort der Schlacht bei Guadalajara vom März 1937

Zum Jahrestag der Gründung der Internationalen Brigaden im Oktober 1936 reisten etwa 150 Teilnehmer aus dem Kreis der »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik« (KFSR) Ende Oktober zu geschichtlichen Orten. Wir gedachten der Männer und Frauen, die als Freiwillige in das iberische Land kamen, um sich dem Kampf gegen den Faschismus dort anzuschließen.

Der dürre, sich selbst »Don« Titulierende mit seinem mageren Gaul Rosinante aus der sagenhaften La-Mancha-Geschichte, mit einer Rasierschüssel als Helm und einer kurzen Lanze, mit dem gedrungenen Sancho auf einem Esel an seiner Seite, war sträflich unvorbereitet auf die ihm bevorstehenden Abenteuer. Die Waffen der etwa 40.000 Freiwilligen aus über 50 Ländern waren ähnlich unzulänglich, und ihr tragisches Schicksal kündigte das kommende Unheil an. Selbst der Nachschub an Waffen und Versorgungsgütern, den die legitime spanische Regierung von ihren lediglich zwei Verbündeten, Mexiko und UdSSR, hätte erhalten können, wurde durch italienische Kreuzer im Süden und britische Blockadeschiffe im Norden weitgehend verhindert. Eine engmaschige Kontrolle auf französischer Seite versperrte Schienen und Straßen. Sie zwang viele Freiwillige dazu, sich über schmale, gefährliche Bergpfade durchzuschlagen, um das belagerte Land zu erreichen. Deutsche und italienische Faschisten, Flugzeuge und Waffen, amerikanische Lastwagen und Treibstoff konnten hingegen ungehindert zu Francisco Francos gut versorgten Einheiten gelangen. Die damit verbundene Heuchelei wurde noch als »Nichteinmischung« gepriesen, vom Tory-Premierminister Neville Chamberlain verwaltet, vom schwachen französischen Volksfront-Sozialisten Leon Blum gebilligt und von Franklin D. Roosevelt gestattet.

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Interbrigadist: Mit ­Josep Almudéver vor dem Rathaus von Torija. Bis 1938 konnte der Ort von der Republik gehalten werden

Ziemlich verrückt, aber entschieden war der Idealismus von Quijote, der durch die Jahrhunderte fortwirkte, »alle Arten von Unrecht« gegen »die Geplagten, in Ketten Gelegten und die Unterdrückten« zu beseitigen. Cervantes setzte diesem den bodenständigen Sancho entgegen, der, des Lesens und Schreibens unkundig, nicht selbstlos, aber nahe am gemeinen arbeitenden Menschen war. Dessen Traum war es, Gouverneur einer Insel zu werden. Als ihm dies gelang (in Wirklichkeit war es nur ein Dorf), war seine Regentschaft trotz einiger Fehler doch ein tapferer Versuch, mit gesundem Menschenverstand Gerechtigkeit walten zu lassen. Allzu früh endete der jedoch, »ging unter, löste sich auf und verschwand in Rauch und Schatten«. Der mächtige Herzog und die Herzogin herrschten wieder wie zuvor.

Letzte Zeugen

Die bedrohlichen Windmühlen, »böse Riesen« für Don Quijote, triumphierten auch im Jahr 1939. Nur einer aus unserer Gruppe hatte noch in den Reihen der Internationalen Brigaden gekämpft. Als einer von vielen spanischen Kämpfern und jetzt einer von vielleicht noch drei Lebenden. Josep Almudéver, 97 Jahre alt, erstaunlich vital und noch immer so zornig wie je über die Truppen von Hitler und Mussolini. Die Diktatoren hätten – davon ist er überzeugt – General Franco suggeriert, keinen echten »Bürgerkrieg«, sondern einen »Verteidigungskrieg« gegen ausländische Feinde, die »westlichen Demokratien eingeschlossen«, zu führen. Josep breitete sich gern darüber aus, es ist ja ein wichtiger Teil seiner Lebensgeschichte. Er stimmte auch kräftig in den Gesang der Lieder des Spanienkrieges ein, und posierte geduldig für Fotos. Darunter findet sich nun eines, auf dem er mit dem kleinen Sohn von Almudena Cros, die die Tour für uns organisiert hat, zu sehen ist. 95 Jahre trennen die beiden.

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Die Erinnerung lebendig halten: Bei der Einweihung des Gartens der Internationalen Brigaden in Vicálvaro, Madrid (29.10.2016)

Die meisten aus der Gruppe sind Kinder oder Verwandte von Brigadisten. Wie der Sohn eines kommunistischen Bergmanns aus dem Saarland, der sich frühzeitig gemeldet hatte, um zu kämpfen und Madrid zu retten und der Kommandeur im Thälmann-Bataillon wurde. Dessen Frau besuchte einen Kurs in Krankenpflege beim Roten Kreuz, um ihm nach Spanien zu folgen. Und um ihn ab und zu zwischen den Schlachten zu treffen. In Albacete, der Stadt des Hauptquartiers der Internationalen Brigaden, wurde ihr Kind geboren – drei Monate, nachdem sein Vater in der Schlacht von Belchite gefallen war.

Eine weitere Episode von der Liebe inmitten des Krieges erzählte Anastasia Tsackos. Diese Geschichte führte zur Heirat ihrer spanischen Mutter mit einem griechischen Freiwilligen. Dessen genaues Schicksal erfuhren Mutter und Tochter nie. Es führte ihn vom Schlachtfeld über die Gefängnisse Francos zum Partisanenkampf in seiner Heimat gegen die deutschen Eroberer. Nach der Unterwerfung Spaniens hatte der Faschismus seine Blutspur durch ganz Europa und darüber hinaus ziehen können, bis in Stalingrad die Wende einsetzte.

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Ruhestätte für Helden: Auf dem Friedhof Fuencarral erinnert nun eine Gedenktafel an die Gründung der Internationalen Brigaden von 80 Jahren

Mit dabei war auch Claire Rol-Tanguy, die Präsidentin der französischen »Vereinigung der Freunde der Kämpfer der Spanischen Republik« (ACER). Ihre Mutter Cécile, 97 Jahre alt, ist die Witwe von Henri Rol-Tanguy, der erst in den Brigaden, dann in der französischen Résistance kämpfte. 1944 leitete er den Pariser Aufstand und war derjenige, der die Kapitulationserklärung des deutschen Besatzungskommandanten entgegennahm. Auch Cécile war im Widerstand. Im Nachkriegsfrankreich wirkten beide aktiv als Kommunisten.

In Paris, unserer ersten Station auf dem Weg nach Spanien, enthüllte die kleine alte Dame mit der heroischen Vergangenheit ein Denkmal für die freiwilligen Kämpfer für die Freiheit der Spanischen Republik am Bahnhof Gare d’Austerlitz, von wo aus die meisten von ihnen zu den Schlachtfeldern fuhren. Dieses späte, aber bemerkenswerte Denkmal wurde mit der Hilfe von Anne Hidalgo errichtet, der sozialdemokratischen Bürgermeisterin der französischen Hauptstadt. Sie selbst wurde in Spanien geboren, wo ihr Großvater von den Franco-Gerichten zum Tode verurteilt und dann zu lebenslanger Haft begnadigt worden war.

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Standhaftes Madrid: Die Vorsitzende der Vereinigung der Freunde der Internationalen Brigaden, Almudena Cros, auf dem Abschlussmeeting in der spanischen Hauptstadt

Auch Miriam Peet, Tochter des später in Ostberlin ansässigen englischen Journalisten John Peet, der in der Ebro-Schlacht zweimal verwundet wurde, nahm an unserer Reise teil. Aus den Gesprächen erfuhr sie, dass ein Onkel ihrer bulgarischen Mutter in Guadalajara gekämpft hatte und dort gefallen war. Wir besuchten diesen Ort, der für einen der wenigen großen Siege der Republik steht. Hier hatten ausländische Bataillone – französische, deutsche und vor allem italienische, die besonders im Einsatz gegen die von Mussolini entsandten Truppen eine wichtige Rolle spielten – mit spanischen Einheiten, gleich ob mit kommunistischem, anarchistischem oder anderem Hintergrund, Schulter an Schulter gekämpft.

Polnische Helden

Eine junge Mitreisende erfuhr den besonderen Respekt der Gruppe. Zuza Ziolkowska-Herzberg stammt aus Warschau, ihr Großvater kämpfte in Spanien. Sie gehört zu denen, die sich den Machenschaften der jetzt in Polen herrschenden klerikalen Rechten entgegenstellen, die die Erinnerung an die Teilnahme vieler Polen am Spanischen Bürgerkrieg auslöschen wollen. Mit ihren Mitstreitern, die meisten Studenten, hatte sie unlängst die Banner des polnischen Dombrowski-Bataillons und des größtenteils jüdischen Palafox-Bataillons zum Grabmal des Unbekannten Soldaten im Zentrum Warschaus getragen und dort, wo die Erwähnung der in Spanien gefallenen polnischen Helden mittlerweile getilgt wurde, einen Kranz niedergelegt. Sie berichtete, dass die wachsende Gruppe sich nun für den Erhalt von Straßennamen, die das Dombrowski-Bataillon ehren, einsetzt. Die hebräischen Schriftzüge auf einer Fahne, die sie auf unserer Reise mit sich führte, fielen ins Auge. Ein bewegender Anblick.

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Vergangenheit und Zukunft: Eine Mutter mit ihrer Tochter vor der historischen Fahne der italienischen Spanienkämpfer (Madrid, 29.10.2016)

An jedem Ort, den wir besuchten, war die Aufnahme herzlich, gab es bewegende Begegnungen. Sechzehn Nationalitäten waren in der Gruppe vertreten, in vielen Sprachen wurde gesprochen. Das Interesse an Spaniens Geschichte und an der mutigen Rolle von Männern und Frauen, die hierher kamen und ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus einsetzten, ist wach und wächst. In Albacete wohnten wir der Enthüllung einer neuen Gedenktafel in der Avenida de la Estación bei, die an die Ankunft der Internationalen Brigaden vor 80 Jahren erinnert. In Benicàssim informieren jetzt Schilder über den Ort, wo die verwundeten Spanienkämpfer behandelt wurden. Und in Vicálvaro in Madrid ist ein »Garten der Internationalen Brigaden« entstanden.

Wieder aktuell

In einem Buch zum Spanischen Krieg (Madrid, du Wunderbare) habe ich auch über den Fall von Málaga im Februar 1937 geschrieben. Ihm folgte eine furchtbare Mordorgie an Antifaschisten. Ein Großteil der Bevölkerung floh damals, Hab und Gut zurücklassend, eine schmale Küstenstraße entlang aus der Stadt. Die Invasoren, die meisten von ihnen Mussolini-Italiener, bombardierten und beschossen die Flüchtenden, darunter viele Frauen, Kinder und alte Leute, unaufhörlich von der See und aus der Luft. Bei einem Gespräch mit einer Mitreisenden erfahre ich nun, dass sie selbst als kleines Mädchen auf diesem schrecklichen Treck dabei war.

Die Erinnerungen an Siege und Niederlagen, an Furcht und Heldentum bestimmten die Gespräche über den Spanischen Krieg in vergangenen Jahren, als es noch weit mehr lebende Zeitzeugen gab. Mit dem Wechsel der Generationen treten nun aktuelle Gefahren in den Vordergrund – die bedrohlichen »Windmühlen« unserer Tage. Doch wie 1936 sind die »Ritter des Hasses« keine Einbildung. Um sie drehten sich viele Diskussionen während dieser Reise im Oktober 2016. Eine Österreicherin berichtete, dass ihr Land bald einen protofaschistischen Präsidenten haben könnte. In Skandinavien haben Rassisten Zulauf oder sitzen bereits mit in der Regierung. Auch in Frankreich und den Niederlanden wächst die rechte Gefahr. Und aus Deutschland gibt es ebenfalls schlechte Neuigkeiten: Die ausländer- und islamfeindliche »Alternative für Deutschland« findet in alarmierendem Ausmaß Resonanz.

Es gibt viele Parallelen zu damals. In meinem Buch zitiere ich einen Augenzeugenbericht eines Schweizer Freiwilligen. Er erzählte, wie Nachbarn nach dem Angriff eines Tieffliegers der deutschen »Legion Condor« auf ein spanisches Dorf eine schwer traumatisierte Mutter tragen mussten. Deren kleine Tochter war von den Kugeln tödlich getroffen worden. »Was haben wir denn den Deutschen getan?« fragten die Bauern. »Was haben wir den Amerikanern getan?« fragte der 12jährige Ali im Irak, über den ich las, dass er bei einem Luftangriff die Eltern und beide Arme verloren hatte, und der einmal davon geträumt hatte, Arzt zu werden. Und sind die Tausenden Männer, Frauen und Kinder, die heute ihr Leben bei der Flucht über das Mittelmeer riskieren, so sehr verschieden von jenen Menschen, die damals über die Pyrenäen flohen und jahrelang in Lagern an kalten französischen Stränden eingepfercht wurden?

Als unsere leidenschaftliche Organisatorin Almudena in einer Rede die Namen der auf unserer Reise vertretenen Länder nannte, wurde sie bejubelt, und erst recht, als sie zur Solidarität mit Syrien aufrief. Dort wird diese heute genauso benötigt wie vor 80 Jahren in Spanien.

eines Ritters ist es laut Don Quijote nicht, zu prüfen, ob die Beladenen und Unterdrückten, die es auf die Straße verschlagen hat, wegen ihrer Laster oder ihrer Tugenden dorthin gelangten. Seine Verantwortung liege darin, »ihnen als Menschen in Not beizustehen und nur Augen für ihre Leiden zu haben …« Und wir wissen, was gemeint ist, wenn er sagt: »Siehst du da drüben, Freund Sancho, dreißig oder vierzig große Riesen? Ich beabsichtige, mit ihnen zu kämpfen und sie zu töten.«

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Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

¡No Pasarán! Der Spanische Bürgerkrieg 1936-39

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