jW online: Buchmesse Havanna 2009

»Die Pyramide muß sich wieder drehen«

15.02.2009, 23:16 Uhr

»Die Pyramide muß sich wieder drehen«

Interview: Peter Steiniger
ana.jpg
Ana Maria Galbán: Kuba öffnet sich zur Welt
Über das Deutschstudium in Havanna, Lohn und Leistung sowie Gräten im Hals. Ein Gespräch mit Dr. Ana Maria Galbán Pozo, Dozentin für Deutsch als Fremdsprache an der Universität Havanna und Präsidentin des kubanischen Deutschlehrer- und Germanistenverbandes
Wie attraktiv ist es heute für junge Kubanerinnen und Kubaner, die »schwere« deutsche Sprache an einer Hochschule zu studieren?

Das Interesse an der germanistischen Fachrichtung ist groß und das hängt nicht zuletzt mit der stärkeren Öffnung unseres Landes zur Welt zusammen. Zum einen ist Lateinamerika unter voller Einbeziehung Kubas vereint wie nie zuvor, wir entwickeln unsere Beziehungen mit vielen weiteren Ländern. Ein wichtiger Faktor ist auch der zunehmende Tourismus. Unter den internationalen Gästen sind ja nicht wenige Deutsche. Etliche davon führt die Neugier, den »letzten Stützpunkt des Sozialismus« zu besichtigen, hierher.
An unserem Fremdsprachlichen Institut lernen derzeit etwa 150 Studierende Deutsch als erste oder zweite Fremdsprache. Ich selbst unterrichte das 2. und 3. Studienjahr. Das Germanistikstudium, das auch eine Ausbildung als Dolmetscher und Übersetzer einschließt, dauert insgesamt sechs Jahre. Das ist eine relativ lange Zeit, aber damit können wir eine gute Ausbildung garantieren. Diese Qualifizierung bietet später auch gute Chancen im Beruf.

Wie hat sich dieser Hochschulbereich in den letzten Jahren entwickelt?

Ich habe selbst in Havanna studiert und bin Absolventin des 1984er Jahrgangs. Damals spielte der Austausch mit den anderen sozialistischen Ländern noch eine große Rolle. Wir hatten eine eigene »Vorbereitungsfakultät« mit einem einjährigen Sprachlehrgang für diejenigen, die in der DDR studieren oder promovieren wollten. Von September 1987 bis Februar 1988 war ich selbst zu einer Weiterbildung am Herder-Institut in Leipzig.
In den 1990er Jahren verließen viele Lehrkräfte unser Institut, ließen uns im Stich. DDR-Leute, die mit Kubanern verheiratet waren, und bei uns an der Universität arbeiteten, gingen nach Deutschland. Sie dachten, dass nun auch Kuba »zusammenstürzt«. In den letzten Jahren hat sich die Situation des Lehrkörpers wieder deutlich stabilisiert. Etwa im Jahr 2000 trat die Wende ein.

Können Hochschullehrer von ihren Gehältern den Lebensunterhalt bestreiten?

Nein, von dem Einkommen allein läßt sich das Leben in Havanna nicht finanzieren. Das geht nur mit Nebentätigkeiten – wie Übersetzungen – Improvisation und Überlebenskunst. Auch wenn die Gehälter etwas angehoben wurden und vorhandene Qualifikationen endlich auch materiell anerkannt werden. Langsam tritt eine positive Veränderung ein, denn die »Pyramide« muss sich wieder drehen. Damit meinen wir in Kuba das in den 1990er Jahren durch die ökonomische Notlage auf den Kopf gestellte Verhältnis von Qualifikation und Einkommen.

Welche Aufgaben hat der Deutschlehrer und Germanistenverband, deren Präsidentin Sie sind?

In unserem Verband wirken etwa 150 Lehrer, Dolmetscher und Übersetzer, aber auch andere Leute mit, die eine besondere Beziehung zur deutschen Sprache pflegen. Wir organisieren Workshops, Lehrertreffen und Vorträge, arbeiten mit ähnlichen Vereinen in anderen Ländern, z. B. Brasilien oder Mexiko, zusammen. Wir entwickeln auch Kontakte zu Verlagen und anderen Einrichtungen, die uns bei der Beschaffung von dringend benötigten Unterrichtsmaterialien behilflich sind. Besonders schwierig ist es, an Lehrbücher für die höheren Sprachniveaus, z. B. für Deutsch als Fremdsprache, Niveau C, zu kommen.

Zeichnete sich für Sie während ihres Aufenthaltes in der »späten« DDR deren nahendes Ende bereits ab?

Nein, dass habe ich mir nicht vorstellen können. Allerdings hatte ich bereits 1984 mit einer Delegation des kommunistischen Jugendverband Kubas, UJC, die Sowjetunion bereist. Dort konnte man allerdings ahnen, daß es zuende geht.

Warum ist Kuba nicht »eingestürzt« - liegt es eher an seiner Insellage oder der Verbundenheit der Menschen mit der Revolution?

Der Grund dafür ist die Würde der Kubaner. Wir bleiben die Gräte im Hals des US-Imperialismus.