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Beilage Nahost

Ankara kann warten

Nach dem Angriffskrieg gegen Iran könnte die Türkei ins Visier Israels geraten. Die NATO-Mitgliedschaft des Landes spricht jedoch dagegen

Von Emre Şahin
Foto: instagram.com/marahza91

Der US-amerikanisch-israelische Krieg gegen den Iran verschiebt die Machtdynamik in der Region Westasien. Während in den vergangenen Jahrzehnten Israel und der Iran stets aufeinander fokussiert waren und sich bis zum Angriff Washingtons und Tel Avivs am 28. Februar selbst ausgeglichen haben, blieb die Türkei lange unter dem Radar. Mit Ausbruch des Konflikts nähren sowohl Tel Aviv als auch Ankara Spekulationen, dass das neue regionale Machtgefüge unweigerlich dazu beiträgt, beide Staaten künftig gegeneinander aufzubringen.

Den Angriffskrieg gegen Iran sieht Ankara mit gemischten Gefühlen. Eine Schwächung des Irans ist für die Türkei zunächst einmal nichts Schlechtes: Beide Länder haben unterschiedliche Ziele in Syrien, im Irak und im Kaukasus. Ankara hat ein Interesse daran, einen zu starken iranischen Nachbarn – im schlimmsten Fall ausgestattet mit Atomwaffen – an seiner Ostgrenze zu verhindern. Verliert Teheran an regio­nalem Einfluss, erhöht das die türkische Manövrierfähigkeit.

Aber die Türkei hat auch Sorge, dass die Angriffe zu einem Zusammenbruch des Nachbarstaates führen könnten. Ein kurdischer Aufstand im Iran respektive in Ostkurdistan wäre für sie ein Alptraum. Auch möchte man weitere Fluchtbewegungen vermeiden – die hohe Zahl syrischer Geflüchteter im Land kostet der AKP-Langzeitregierung noch immer Stimmen nationalistischer Wähler. Dass die Türkei seit Jahren in einer Wirtschaftskrise steckt und die Energiepreise im Zuge des Konflikts gestiegen sind, liegt ebenfalls nicht in ihrem Interesse.

Im Iran sieht Ankara zwar einen Rivalen, aber keinen Feind. In manchen Fällen nimmt es Teheran sogar zum Vorbild. Beispielsweise kopiert die Türkei Irans regionale Strategie hinsichtlich des Aufbaus von bewaffneten Gruppen und gründet statt proiranisch-schiitischer Einheiten turkmenische und syrische. Dem türkischen Außenminister Hakan Fidan wird nachgesagt, sich gern als Kassem-Soleimani-Abklatsch in der Region zu inszenieren, nachdem der Kommandeur der iranischen »Revolutiongarden« 2020 durch die USA getötet wurde.

Kurdistan im Hintergrund

Die regionale Konkurrenz darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich beide Länder über all die Jahre in einer Sache stets einig waren, nämlich in der Unterdrückung von Kurden. Auch, weil die wohl älteste Grenze Westasiens – die mit dem historischen Abkommen von Ghasr-e Schirin 1639 zwischen dem Osmanischen und dem iranischen Safawidenreich beschlossen wurde – mehr als 500 Kilometer mitten durch kurdisches Gebiet verläuft. Seitdem herrscht zwischen beiden Staaten ein relatives Gleichgewicht in den Beziehungen, ein Modus vivendi, der sich über Jahrhunderte als stabil erwiesen hat.

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Aus einem schwachen, gar abhängigen Iran kann die Türkei Profit schlagen, ähnlich wie bereits geschehen im Fall um den türkisch-iranischen »Geschäftsmann« Reza Zarrab, als die Türkei mutmaßlich geholfen haben soll, das US-Embargo gegen den Iran – nicht ohne eigenen Gewinn – zu umgehen. Ein möglicher prowestlicher Regime-Change im Iran hätte hingegen fatale Auswirkungen auf den strategischen Wert der Türkei. Der Westen wäre in vielen regionalen Fragen nicht weiter von Ankara abhängig, hätte im Gegenteil unter Verweis auf die iranische Alternative sogar ein Druckmittel in der Hand.

Was Israel anbelangt, so ist die Frage, ob ein geschwächter Iran nicht viele der gemeinsamen Interessen von Ankara und Tel Aviv aufheben würde. Naftali Bennett, extrem rechter Expremier Israels, nannte im Februar die Türkei »den neuen Iran«. Aus israelischer Sicht erklärt sich das aus der Häufung gegensätzlicher Positionen. Die Türkei baut ihre Reichweite in der Region aus: Mit Katar hat sie einen engen Verbündeten am Golf; durch die Präsenz im Norden Zyperns sowie in Libyen ist sie im östlichen Mittelmeer vor Israels Küste vertreten, und durch die Basis in Somalia ist sie ebenfalls am Roten Meer präsent. Israel hingegen unterhält enge Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten, setzt im östlichen Mittelmeer auf Griechenland und Zypern und erkannte erst kürzlich die Unabhängigkeit Somalilands von Somalia an. Während Israel Teil des Wirtschaftskorridors Indien–Nahost–Europa (IMEEC) ist, wirbt die Türkei für Routen durch Zentralasien und den Kaukasus sowie vom Golf über Jordanien nach Syrien. Statt zu Indien sucht sie die Nähe zu Pakistan.

In Syrien hat die Machtübernahme durch türkeinahe Dschihadisten Ankaras Position auf einen Schlag verbessert, wodurch der türkische Einfluss theoretisch bis an die Nordgrenze Israels reicht. Und auch an der Südgrenze Israels wird das Land künftig vertreten sein: Es ist dank US-Präsident Donald Trump am Wiederaufbau des Gazastreifens beteiligt und kann dadurch regierungsnahen Bauunternehmen Profite sichern. In Israel dagegen wirkt der türkische Einfluss sowohl im Norden als auch im Süden des Landes wie eine »Einkreisung«.

Kanäle offen

Die israelischen Angriffe auf verschiedene Länder und Gruppen in der Region beobachtet man in der Türkei aufmerksam. Dass Israel im Krieg gegen Teheran im vergangenen Jahr die Lufthoheit über den Iran erlangte oder in diesem Jahr die am besten geschützte Person des Landes, »Revolutionsführer« Ali Khamenei, töten konnte, macht die operativen Fähigkeiten Israels mehr als deutlich.

Daher investiert die Türkei nicht nur verstärkt in Aufrüstung, sondern vor allem in die heimische Waffenproduktion. Sie führt auch Gespräche mit Abdullah Öcalan, dem inhaftierten Vorsitzenden der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), zur Beilegung des Konflikts. So will sie vermeiden, dass die Kurden im Zuge der sich rasant verändernden regionalen Dynamiken im Falle eines Konflikts zur Achillesferse der Türkei werden und eventuell sogar von einem externen Player aufgerüstet werden.

Dass die Zeichen aktuell vielleicht doch nicht völlig auf Konfrontation stehen, liegt an mehreren Faktoren: Zum einen zeigt sich der Iran widerstandsfähiger als von vielen Analysten erwartet. Und nach knapp drei Jahren Krieg an verschiedenen Fronten kann man nicht ausschließen, dass die israelische Gesellschaft kriegsmüde ist. Ein weiterer bewaffneter Konflikt mit der Türkei klingt wenig verlockend – schon gar nicht, während im Iran noch immer die gleichen Machthaber das Sagen haben, denen eine solche Situation nützen würde.

Darüber hinaus ist die Türkei kein »isolierter« Staat wie der Iran. Sie ist als regionaler Partner integriert, Mitglied der NATO und grenzt an die EU. Die internationalen Folgen eines Zusammenstoßes zwischen Türkei und Israel wären wohl noch weitaus verheerender als im Falle des Iran-Kriegs. Zudem gibt es um beide Staaten herum mehr als genug Vermittler, so dass es – im Gegensatz zum Iran – Kommunikationskanäle gibt, die deeskalierend wirken können. Vor allem träfe das auf Aserbaidschan zu, das zu beiden Staaten ein enges Verhältnis pflegt, aber selbstverständlich auch auf die USA, da beide Länder in starkem Maße von Washington abhängig sind. Und zwischen der Türkei und Israel selbst gibt es ebenfalls Dialogkanäle – auch wenn Ankara gern so tut, als hätte es keinerlei Beziehungen zu Israel. Des weiteren haben beide Staaten in Syrien in den 18 Monaten seit Baschar Assads Sturz ebenfalls einen Modus vivendi gefunden, bei dem sie sich gegenseitig nicht in die Quere kommen.

So oder so verändert der Iran-Krieg die Region, und die Auswirkungen müssen nicht unmittelbar mit dem Ende des Krieges sichtbar werden, sondern könnten auch erst nach Monaten oder Jahren eintreten.

Emre Şahin ist ehemaliger jW-Redakteur der Außenpolitik.

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Erschienen in der Beilage vom 13.05.2026, Seite 9, Ausland

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