Aus: Ausgabe vom 08.03.2017, Seite 12 / Thema

Plötzlich und erwartet

Erst Hungerrevolten und Streiks, dann Revolution. Vor 100 Jahren wurde Russlands letzter Zar gestürzt

Von Reinhard Lauterbach
S 12-13.jpg
Autokratie, du bist umzingelt. Aufnahme des ­russischen Fotografen Jakow Steinberg von der neuen Volksmiliz beim Angriff auf die Zentrale der Petrograder Polizei in den ersten Tagen der ­Februarrevolution

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war das russische Zarenreich der mächtigste Staat des kontinentalen Europas. Die Niederlage der bürgerlichen Revolutionen von 1848/49 in Mitteleuropa war nicht zuletzt auf die politische Rückendeckung und militärische Unterstützung zurückzuführen, die Russland der preußischen und der österreichischen Monarchie gewährte. Sie verschaffte dem Land die Beinamen des »Gendarmen Europas« und der »Zitadelle der Konterrevolution«.

Doch als wenige Jahre nach der Niederschlagung der bürgerlichen Revolution Russland versuchte, von seiner Machtposition auf eigene Rechnung zu profitieren, stellten sich die Grenzen dieser Macht heraus. Russlands Bestreben, mittels Schwächung der Türkei die Kontrolle über den Ausgang des Schwarzen Meeres zu gewinnen, stieß auf den Widerstand Großbritanniens und Frankreichs, der beiden damals führenden kapitalistischen Großmächte. Im Krimkrieg (1853–1856) brachten sie dank überlegener Militärtechnik und eines entwickelteren Transportwesens Russland eine blamable Niederlage bei.

Vor allem die Tatsache, dass die schlecht geführte russische Armee nicht einmal die Festung Sewastopol hatte verteidigen können, gab der Petersburger Bürokratie zu denken. Eine weitere lineare Verstärkung der Armee war weder vom Staat finanzierbar noch für die Volkswirtschaft des Landes tragbar. Denn traditionell waren etwa fünf Prozent eines männlichen Jahrgangs aus den Reihen der leibeigenen Bauern zu einem 25jährigen Militärdienst aus der landwirtschaftlichen Bevölkerung »entnommen« worden. Diesen Anteil zu erhöhen hätte die Gutswirtschaft, die auf unentgeltlicher Zwangsarbeit der Leibeigenen beruhte, nicht ausgehalten. Die Bauern-Soldaten etwa nach einem kürzeren Dienst wieder in die Leibeigenschaft zurückzuschicken, galt als politisch nicht praktikabel. Es gab auch so schon ständige kleinere oder größere Bauernaufstände; dieses Unruhepotential noch durch an der Waffe ausgebildete entlassene Soldaten zu verstärken wollte die Regierung nicht riskieren.

Schulden- statt Frondienst

Als erfolgversprechendes Modell einer Militärreform galt die preußische Wehrpflichtarmee der Epoche der antinapoleonischen »Befreiungskriege«. Sie beruhte auf einem relativ kleinen stehenden Heer und umfangreichen und schnell mobilisierbaren ausgebildeten Reserven. Die Spitzenbeamten des Zaren wussten, dass auch in Preußen die Aufhebung der Leibeigenschaft die praktische und politische Voraussetzung dieser Reform gewesen war. So mehrten sich die Überlegungen, diesen Schritt auch in Russland zu gehen. Der 1855 auf den Thron gekommene Zar Alexander II. war – anders als sein reaktionärer Vater Alexander I. – zu diesem Reformschritt bereit. Am selben Tag im März 1856, an dem russische Diplomaten in Paris den Friedensvertrag zur Beendigung des Krimkriegs unterzeichneten, sprach er in einer Rede vor Vertretern des Moskauer Adels davon, es sei besser, die Leibeigenschaft kontrolliert »von oben« aufzuheben, als »von unten« dazu gezwungen zu werden.

Es brauchte noch weitere fünf Jahre, bis diese Bauernbefreiung im Februar 1861 offiziell verkündet wurde. Die Ausführungsbestimmungen sorgten dafür, dass ihre Hauptnutznießer die Gutsbesitzer wurden. Denn die Bauern bekamen mit ihrer rechtlichen Freiheit zwar soviel Land zuerkannt, wie sie nach offizieller Einschätzung zu ihrer Subsistenz benötigten: durchschnittlich 4,5 Hektar pro männlicher Arbeitskraft, im unfruchtbaren Norden mehr, im fruchtbaren Süden Russlands weniger. Doch sie starteten in die Freiheit mit einer schweren Schuldenlast. Denn sie mussten dieses Land bezahlen. Nicht direkt an den Gutsbesitzer, soviel Geld hatten die Bauern natürlich nicht parat. Statt dessen finanzierte der Staat den Freikauf vor und verpflichtete die Bauern, ihm die Freikaufsumme in Raten 49 Jahre lang mit sechs Prozent Zinsen zurückzuzahlen. Damit der Fiskus nicht angesichts einer absehbaren Masse an »Privatinsolvenzen« verelendeter Bauern auf seinen Forderungen sitzenblieb, wurde die Befreiung allerdings nicht bis zum Ende getrieben: Die Dorfgemeinschaft blieb als ganze dem Staat gegenüber für die Rückzahlungen haftbar.

Die Folge der »Bauernbefreiung« waren also:

  • der Zwang für die Bauern, aus dem fürs knappe Überleben kalkulierten Stück Land auf Kosten der Subsistenz der eigenen Familie Erträge für den Markt zu produzieren, um die Schulden gegenüber dem Staat zu bezahlen;

  • außerdem mussten sie für lange Übergangsfristen trotzdem noch jeweils 40 Arbeitstage pro Mann und 30 pro Frau im Jahr für die Gutsherren arbeiten – grob gerechnet also zehn, unter Berücksichtigung des langen Winters praktisch wohl eher 20 Prozent der Arbeitszeit einer Bauernfamilie, davon den Großteil im Sommer, wodurch ihre Arbeitskraft auf den eigenen Feldern fehlte;

  • die Ausstattung der Gutsbesitzerklasse mit Kapital für den Start in die agrarkapitalistische Wirtschaftsweise;

  • die Ingangsetzung einer internen Migrationswelle solcher von ihren Produktionsbedingungen geschiedenen Menschen aus dem Dorf, wo es sich immer schlechter überleben ließ, in die Städte, wo die allmählich entstehende Industrie Arbeitskräfte brauchte. In der Summe also ein Prozess, der dem nicht unähnlich war, den Karl Marx im »Kapital« als »ursprüngliche Akkumulation« am englischen Beispiel beschrieben hat.

  • In der Praxis waren Mischformen wie bäuerliches Heimgewerbe oder jahreszeitlicher Wechsel zwischen Fabrikarbeit im Winter und Rückkehr aufs Dorf im Sommer verbreitet – denn die Dorfgemeinschaft verlangte den Arbeitseinsatz in der Landwirtschaft, sonst drohte der Landanteil der Familie bei der nächsten regelmäßigen Umverteilung des Bodens verlorenzugehen.

Der völlig unverhüllte Klassencharakter dieser »Bauernbefreiung«, der deren humanistisch-moralisches Element zur Farce machte, verschaffte dem zaristischen System allerdings auch eine neue Schicht von Gegnern. Sie erwuchsen nicht mehr nur dem aufgeklärten Adel – so wie noch in der Generation der Alexander Herzen oder Peter Kropotkin –, sondern zunehmend auch aus einer Schicht, die der Staat im Interesse der Professionalisierung seiner inneren Verwaltung selbst heranzog: der »standeslosen« Intelligenz. Diese Schicht war als Faktor in der russischen Gesellschaft nicht zu unterschätzen; nicht nur wegen ihrer Bildung und Artikulationsfähigkeit, sondern auch deshalb, weil sie zum Beispiel bei der Volkszählung von 1894 mit 2,7 Prozent der Bevölkerung zahlenmäßig deutlich stärker war als das Industrieproletariat, dem 1,7 Prozent zugerechnet wurden.

Diese Intelligenz konzentrierte sich zumeist in den »Landschaften« (Zemstwa), regionalen und – immerhin nach einem mehrstufigen Wahlrecht – gewählten Selbstverwaltungsgremien. An sie hatte der Zentralstaat die meisten Aspekte der Staatsgewalt, die weniger mit Herrschaft zu tun hatten als mit Verwaltung, delegiert. Die Zemstwa bauten Straßen, betrieben Krankenhäuser und Schulen; man kann sie als organisatorischen Kern einer bürgerlichen Modernisierung des Zarenreiches aus sich heraus verstehen. In ihren Reihen entstand der russische Liberalismus, gewann das russische Bürgertum politische Qualifikationen.

Vor allem an den Hochschulen Russlands agitierten außerdem radikale Kritiker des autokratischen Systems. Ihre erste Generation orientierte sich auf die Befreiung der Bauern als der zahlenmäßig stärksten Klasse der damaligen Gesellschaft. Die »Volkstümler« pflegten dabei die Vorstellung, die Elemente von Kollektivismus und Gemeinwirtschaft in der russischen Dorfgemeinde ließen sich auch direkt – d. h. ohne den Weg über die Entwicklung einer kapitalistischen Gesellschaft – in einen spezifisch russischen Sozialismus überführen. Sie verfolgten diese Strategie unter großer politischer Selbstaufopferung, gingen etwa als Armenärzte oder Lehrer auf die Dörfer. Doch ihre Versuche, die Bauern gegen den Zarismus aufzuwiegeln, schlugen fehl. Sosehr die Bauern auch gelegentlich bereit waren, gegen den lokalen Gutsherrn zu rebellieren, sowenig ließen sie sich den Mythos vom »guten Zaren« weit weg in Petersburg nehmen. Eher noch denunzierten sie die städtischen Agitatoren. Als Folge dieser Fehlschläge wandte sich ein Teil der »Volkstümler« dem individuellen Terror zu. Der größte – und gleichzeitig zweischneidige – »Erfolg« dieser Taktik war das Attentat, das am 13. März 1881 den Modernisierer Alexander II. tötete.

Zweischneidig war das Ergebnis des Anschlags auf den Zaren insbesondere deshalb, weil seine beiden Nachfolger Alexander III. (1881–1894) und Nikolai II. (1894–1917) den Tod Alexanders II. dessen »übermäßigem Liberalismus« zuschrieben und sich für ihre eigene Amtsführung auf eine schon für die damalige Zeit reaktionäre Herrschaftspraxis im Namen von Gottesgnadentum und Autokratie zurückzogen. Für die innenpolitische Entwicklung Russlands war das insofern von Bedeutung, als weitere Schritte auf dem Wege der politischen Modernisierung unterblieben, die das Reich womöglich stabilisiert hätten.

Explosive Armut

Die Agrarverfassung blieb unverändert erhalten, aber der 1861 den Dorfgemeinschaften zugebilligte Teil des Landes ernährte die Bauern immer weniger. Denn die Bevölkerung des agrarischen Teils des europäischen Russlands war zwischen 1861 und 1900 von 50 auf 86 Millionen Menschen gewachsen, die Landzuteilung dementsprechend um 40 Prozent auf 2,8 Hektar pro männliche Arbeitskraft gesunken. Erst die »Stolypin-Reformen« von Ende 1906 hoben die Dorfgemeinschaft juristisch auf. Die schweren Bauernaufstände des Herbstes 1905 hatten den damaligen Ministerpräsidenten gelehrt, dass die bäuerliche Landarmut so explosiv war, dass sie den Fortbestand des Systems gefährdete. Stolypins Ziel war, die Landbevölkerung zu spalten: in die besitzlose Dorfarmut, deren Abwanderung in die Städte nichts mehr entgegengesetzt werden sollte, und in eine besitzende Gruppe von für den Markt produzierenden Parzellenbauern. Was der Staat 1861 versäumt hatte, wurde nun nachgeholt: mit billigen öffentlichen Krediten für Bauern, die sich aus der Dorfgemeinschaft herauslösen und ihre Wirtschaft modernisieren oder durch Zukäufe von Land erweitern wollten, und durch die Ansiedlung von drei Millionen Bauernfamilien auf Staatsland in Sibirien. Was Karl Marx im »18. Brumaire« als Eigenschaft des bäuerlichen Kleinbesitzers formuliert hatte: dass er nämlich die konservativste Klasse der bürgerlichen Gesellschaft bilde, wollte der russische Staat zu seinem Vorteil ausnutzen. Dass es ausgerechnet ein Angehöriger der auf die Dorfrevolution setzenden Partei der Sozialrevolutionäre war, der Stolypin 1911 in Kiew ermordete, hatte insofern seine Logik: Stolypins Reformen hatten das Potential, der Agrarrevolution die soziale Grundlage zu entziehen. Doch in den wenigen Jahren bis 1914 konnte diese geplante Klassenspaltung innerhalb der Landbevölkerung nicht mehr zu voller Wirkung kommen, insbesondere deshalb, weil die damit verbundene Flurbereinigung sich naturgemäß hinzog und Teile des Adels der Reform Widerstand leisteten. Stolypin selbst hatte für die Verwirklichung seiner Landreform einen Zeitraum von 20 Jahren »inneren und äußeren Friedens« veranschlagt; der ungestillte Landhunger der Bauern war letztlich der entscheidende Faktor, der 1917 die Armee auseinanderlaufen ließ und für den Zusammenbruch des alten Regimes sorgte.

Der Anteil des industriellen Proletariats am Untergang des Zarenreiches muss dagegen differenziert gesehen werden. Die russische Industrie war erst im Entstehen begriffen; Lenins Frühschrift über »Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland« von 1898 griff im Kontext einer Polemik mit den Volkstümlern über die soziale Klasse, auf die die revolutionäre Bewegung sich stützen müsse, der wirklichen Entwicklung eher vor. Gewiss: Die Industrialisierung lief seit Anfang der 1890er Jahre auch unter staatlicher Förderung auf vollen Touren; ausländische Kredite flossen ins Land, staatliche Rüstungsaufträge und der Bau der Transsibirischen Eisenbahn ab 1891 waren ein mächtiger Hebel öffentlicher Nachfrage für industrielle Produkte. Die Nachfrage der russischen Textilindustrie nach heimischen Rohstoffen bewirkte eine Umstellung von Teilen der Landwirtschaft auf die Produktion von Flachs und schuf Inseln relativen dörflichen Wohlstands, auch wenn das flache Land nach Trotzkis berühmtem Wort von »Ikonen und Kakerlaken« geprägt blieb. Doch bis zum Januar 1905 war das russische Proletariat über Lohnstreiks als Kampfform nicht hinausgekommen. Dem trug Lenin mit seiner Formulierung in »Was tun« Rechnung, wonach das Proletariat aus eigener Kraft nur zu »tradeunionistischem« Bewusstsein fähig sei. Nun war Lenin kein Sozialwissenschaftler, sondern revolutionärer Politiker, und auch diese Aussage entstand im Kontext einer Polemik darüber, wie die Revolutionäre vor diesem Hintergrund sich selbst organisieren sollten. Noch der Auftakt zur Revolution von 1905/06 zeigte allerdings die situative Richtigkeit von Lenins Analyse. Denn das Massaker vom 22. Januar 1905 auf dem Platz vor dem Winterpalast in St. Petersburg wurde an Demonstranten begangen, die dem Zaren eine untertänige Bittschrift übergeben wollten. Es waren keine Revolutionäre, die da zusammengeschossen wurden, sondern Untertanen, die nach wie vor der aus dem Dorf mitgebrachten Vorstellung vom guten Zaren anhingen. Dass sich das anschließend schnell änderte, steht auf einem anderen Blatt.

Nicht wehrfähig

Zar Nikolai II. hatte versucht, den wachsenden politischen und sozialen Druck aus der Gesellschaft auf eine geradezu lehrbuchmäßige Art und Weise abzulassen: durch nationalistische Propaganda und imperiale Expansion. Im Fernen Osten braute sich seit den 1890er Jahren ein Interessengegensatz zwischen Russland und Japan zusammen; beide Länder wollten sich die koreanische Halbinsel und die zu China gehörende Mandschurei als Kolonien oder Protektorate einverleiben. Der russisch-japanische Krieg von 1904/05 machte allerdings schonungslos deutlich, dass die russische Kolonialpropaganda auf schwachen militärischen Füßen stand. Russland gewann kein einziges Gefecht dieses Krieges, weder zu Lande noch zu Wasser. Als nach der Zerstörung der ursprünglichen russischen Pazifikflotte zu Beginn des Krieges die Ostseeflotte um die ganze Welt in Bewegung gesetzt wurde, um sie zu ersetzen, meinte der kommandierende Admiral, schon in der Nordsee im Nebel japanische Torpedoboote zu erkennen, und ließ eine Reihe britischer Fischkutter versenken. Der Untergang der gesamten russischen Flottille in der Schlacht von Tsushima im Mai 1905 erteilte diesem maritimen Dilettantismus die Quittung.

Die erfolglose russische Kriegführung gegen Japan entzog dem Zarismus die Legitimation gegenüber dem Bürgertum, das ohnehin von der Verweigerung aller Partizipationsmöglichkeiten im Rahmen der Zemstwa frustriert war. Die Erbitterung der Arbeiterklasse nach dem Massaker von Petersburg führte innerhalb von Tagen zu Massenstreiks in den russischen Industriezentren. In St. Petersburg konstituierte sich der erste Sowjet der Geschichte, in den Industriegebieten des damals zu Russland gehörenden Teils von Polen kamen nationale Unabhängigkeitsbestrebungen hinzu. Als dann noch im Herbst 1905 – nach der Ernte – russische Bauern loszogen und in den zentralen Gouvernements und an der Wolga Hunderte von Gutshäusern plünderten und ansteckten, schien das Schicksal des Zarismus an einem seidenen Faden zu hängen.

Doch noch einmal gelang es dem Zaren und der Regierung, die Opposition zu spalten. Die Bourgeoisie und ihre liberalen Vertreter beruhigte er durch ein Parlament mit eingeschränkten Rechten und erließ eine Verfassung, die der Heidelberger Professor Max Weber treffend als »Scheinkonstitutionalismus« kennzeichnete. Gegen die aufständischen Bauern und – im Dezember 1905 – gegen die Arbeiter von Moskau ließ der Zar das Militär mit einer Härte vorgehen, die selbst Angehörige der Regierung von »abstoßender Brutalität« sprechen ließ. Als sich die Lage im darauffolgenden Jahr beruhigte, nahm Nikolai II. die gewährten Konzessionen Schritt für Schritt zurück. Immer wenn ihm eine Duma zu aufmüpfig wurde, löste er sie auf und schob Neuwahlen hinaus, um in der Zwischenzeit wieder autokratisch zu regieren. Immerhin: Das Parlament ganz abzuschaffen traute sich der Zar nicht mehr.

Die revolutionäre Bewegung in Russland war durch die Repressionen nach 1905 für einige Jahre praktisch gelähmt. Erst 1912, als Regierungstruppen mehrere hundert streikende Goldminenarbeiter in Sibirien massakrierten, lebte der Widerstand wieder auf, und in den Jahren bis zum Kriegsbeginn nahm die Zahl der Streiks ständig zu. Anders als in der Zeit vor 1905 gewannen die Anhänger der Bolschewiki jetzt auch unter der Arbeiterschaft Einfluss. Doch als mit dem Kriegsbeginn alle revolutionären Gruppen nicht nur abstrakt verboten, sondern auch praktisch unterdrückt und verfolgt wurden, nahm das Proletariat dies in seiner Mehrheit hin. Dies gilt, obwohl die russischen Arbeiter bei weitem nicht in dem Maße zur Armee eingezogen wurden wie die deutschen, britischen oder französischen: Sie waren für die Aufrechterhaltung der Rüstungsproduktion und des Verkehrswesens zu wichtig. Ein indirektes Indiz dafür, dass sie nach wie vor eine soziale Minderheit darstellten und schwer zu ersetzen waren. Das russische Bürgertum stellte, wie zu erwarten, sein Geld und seine Kenntnisse für die Organisation der russischen Kriegsanstrengungen zur Verfügung; es waren faktisch die vom Bürgertum getragenen Zemstwa, die die Rationalisierung der Produktion sowie die Versorgung der Armee und der Zivilbevölkerung organisierten. Dass der Krieg für Russland nach einigen anfänglichen Erfolgen ungünstig verlief und hohe Verluste kostete, konnten sie nicht verhindern; dafür war die nach wie vor aus dem Adel rekrutierte Militärführung verantwortlich. Trotz des Beitrags der Zemstwa zur russischen Kriegsanstrengung wies der Zar Partizipationsansprüche des Bürgertums immer wieder zurück. Der Zusammenbruch des Transportwesens führte 1916 dazu, dass die Armee praktisch nur noch aus den frontnahen Regionen mit Nahrungsmitteln versorgt werden konnte; doch hier lagen auch die Hauptstädte und die Industriezentren.

Monarchie ausgedient

Als deshalb im Februar 1917 in St. Petersburg und wenig später in Moskau Hungerrevolten und Streiks ausbrachen, machten die Führer der Duma-Parteien dem Herrscherhaus klar, dass es ausgedient habe. Eine Auflösungsorder des Zaren wurde am 27. Februar vom Parlamentspräsidium einfach ignoriert. Die Armee ging – anders als noch 1905 – in großen Teilen auf die Seite der Streikenden und Demonstranten über und entwaffnete ihre Offiziere. Arbeiterräte wurden in den Fabriken gebildet, Soldatenräte in den Kasernen und an der Front. Eine Woche nach dem Beginn des Aufstands in St. Petersburg erfuhr Nikolai II. von der Armeeführung, dass mit einer bewaffneten Niederschlagung der Revolution nicht mehr zu rechnen sei. Nikolais Abdankung zugunsten seines Bruders blieb Episode. Die Monarchie der Romanows endete sang- und klanglos, weil nicht einmal ihr eigenes Militär sie noch verteidigen wollte und konnte.

Mit der Parallelität zwischen den Räten, die sich auf den spontanen Aufstand der Arbeiter und Soldaten stützten, und der auf der – beanspruchten  – Autorität des Parlaments beruhenden Provisorischen Regierung begann die Doppelherrschaft, die die politische Situation in Russland 1917 kennzeichnete. Die Kühnheit von Lenins Aprilthesen lag darin, die Gelegenheit zu erkennen und die sozialistische Revolution in greifbarer Nähe zu sehen. Selbst unter den Bolschewiki zweifelten anfangs viele an dieser Perspektive. Aus der historischen Distanz betrachtet, begann mit Lenins Rückkehr nach Russland im April 1917 ein Wettlauf um die Neukonstituierung des Landes. Wer wäre bei ihr die treibende Kraft: das Parlament oder die Räte? Die Provisorische Regierung diskreditierte sich durch Zögern bei der Landreform und die Bereitschaft, den Krieg fortzusetzen; die Bolschewiki kamen einer verfassungsgebenden Versammlung zuvor und schufen Fakten. Ihre Parole »Land und Frieden« traf den Nerv der Volksstimmung. Die Parole trug bis zum Oktober; mit den Widersprüchen, die die Parole überdeckt hatte, mussten sie sich anschließend auseinandersetzen.

Reinhard Lauterbach schrieb an dieser Stelle zuletzt am 14. September 2016 über seinen Aufenthalt in Moskau kurz vor den Wahlen zur Staatsduma.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Roter Oktober Beginn einer neuen Epoche der Weltgeschichte

Ähnliche:

Regio: